Afghanistan

Taliban-Sieg: Warum ist die afghanische Armee so schwach?

| Lesedauer: 7 Minuten
Christian Unger
Kabul: Bundeswehr startet wohl größte Evakuierung

Kabul: Bundeswehr startet wohl größte Evakuierung

Nachdem die Terrorgruppe Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen hat, reagiert Deutschland mit der wohl größten Rettungsaktion: Die Bundeswehr rettete wenige Stunden nach Übernahme der Taliban erste deutsche Staatsbürger.

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Siegeszug der Taliban ist ein Ausdruck der Schwäche der afghanischen Armee: Korruption und ethnische Spannungen zermürben die Truppe.

Berlin . Es ist eine Szene, die bezeichnend ist für das, was die Welt nun in Afghanistan erlebt: Die radikalen Islamisten der Taliban nehmen in nur wenigen Tagen eine Stadt nach der anderen ein, die Provinzhauptstädte. Und nun, so scheint es am Sonntagmittag deutlich, auch Kabul. Afghanistans Hauptstadt. Die Armee leistet so gut wie keinen Widerstand. Und hat es in den vergangenen Tagen auch kaum getan.

Die Szene, die in einem Handyvideo festgehalten ist, soll einen Kommandeur der afghanischen Streitkräfte zeigen. In Uniform hockt er auf dem Boden, schriftlich übergibt er seine Einheiten und die Kriegsgeräte den Taliban, hier in der Provinz Nagarhar fest, östlich von Kabul. Im Hintergrund sieht man schwere gepanzerte Fahrzeuge. Feinste Kriegsbeute für die Islamisten.

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Westliche Sicherheitsbehörden verkannten die Schwäche der afghanischen Armee

Fachleute und auch amerikanische und deutsche Sicherheitsbehörden unterschätzten offenbar massiv die militärische Lage in Afghanistan – und verkannten die geringe Moral und Stärke der afghanischen Staatsarmee. Eine Armee, die auch von der Bundeswehr in den vergangenen Jahren mit ausgebildet wurde.

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Erst vor wenigen Tagen prognostizierte ein Mitarbeiter des US-Nachrichtendienstes CIA, dass die Taliban Kabul in den kommenden 90 Tagen erobern würden. Auch ranghohe Mitarbeiter der Bundesregierung zeigen sich im Gespräch mit unserer Redaktion überrascht, wie schnell die afghanische Armee die Front räumt.

All das ist vorbei, die Taliban sind schon in der Hauptstadt Kabul. Es soll, so kristallisiert sich aus den diffusen Nachrichten heraus, eine „friedliche Machtübernahme“ an die Taliban geben. Die US-Streitkräfte sichern mit Tausenden Soldaten den Abzug aus der US-Botschaft, und auch die Bundeswehr will Deutsche ausfliegen.

Zwölf Milliarden Euro kostete der Einsatz der Bundeswehr in all den Jahren

Während die deutsche Regierung in einer Notfall-Operation die letzten Deutschen aus dem Kriegsgebiet holt, bleibt vor allem eine Frage zurück: Warum ist die afghanische Armee so schwach – trotz aller Ausbildungsmissionen, trotz aller Milliarden an Investitionen, trotz Kriegsgerät aus aller Welt? Mehr als zwölf Milliarden Euro kostete allein der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch in den vergangenen gut 20 Jahren.

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Wer mit Fachleuten spricht, hört mehrere Ursachen, warum die afghanische Armee so schwach ist. Der Konfliktforscher Conrad Schetter von der Universität Bonn nennt im Gespräch mit unserer Redaktion mehrere Gründe.

Zum einen sei die Truppe „stark demoralisiert“. Schon vor dem Abzug der US-Streitkräfte und der Bundeswehr konnten die afghanischen Einheiten viele Stellungen nicht gegen die Taliban verteidigen. Nun, mit Abzug der Nato-Truppen, fehlt ihnen auch noch die so wichtige Unterstützung durch Luftschläge im Kampf gegen die Islamisten-Milizen.

Manche Soldaten der Armee gibt es nur auf dem Zettel

Der Terrorismus-Experte Peter Neumann vom Londoner King’s College weist auf Twitter darauf hin, dass viele der afghanischen Soldaten „nur auf dem Papier“ existieren würden. Das bestätigt auch der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig im Gespräch mit unserer Redaktion. „Über Jahre wurden Gehälter an afghanische Soldaten nicht ausgezahlt, es gab auf Lohnlisten, da standen Geister-Soldaten drauf, die zwar auf dem Zettel standen, aber nie in ihren Einheiten waren“, sagt Ruttig.

Kurz: Korruption hat die afghanische Armee zersetzt. „Wenn Soldaten mitbekommen, dass sich Kommandeure bereichern, Geräte und Benzin an die Gegner verkaufen, dann bricht die Moral einer Truppe“, sagt Ruttig.

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Seit Jahren gibt es eine hohe Zahl an Deserteuren in der Armee, die nicht mit neuen Rekruten aufgefangen wurde. Schon vor zehn Jahren gab es Berichte über afghanische Soldaten, die überlaufen oder aus dem Dienst fliehen. Weil ihnen Munition fehlt. Weil sie ihren Sold nicht erhalten. Teilweise, weil sie nichts im Magen haben, während sie in den Kampfeinsatz gehen.

Ethnische Spannungen schwächen die afghanische Armee

Konfliktforscher Schetter nennt zudem die ethnischen Spannungen in der afghanischen Armee, die nie durch die internationalen Ausbildungsmissionen oder durch die afghanische Regierung ausgeräumt werden konnten. Afghanistan ist ein Land mit vielen Ethnien und Nationalitäten, darunter Paschtunen, Hazara, aber auch Tadschiken und Usbeken. „Eine Einheit aus Paschtunen hört aber nicht auf einen Kommandeur aus der Gruppe der Hazara“, sagt Afghanistan-Experte Schetter, der selbst viele Male in dem Land unterwegs war und dort auch geforscht hat.

Die ethnischen Konflikte in dem Land bestätigen auch die Gespräche unserer Redaktion mit Afghanen, die für die Bundeswehr gearbeitet haben.

Schetter kritisiert als dritten Punkt auch die internationale Ausbildungsmissionen. Die afghanische Armee sei in den vergangenen Jahren „nicht professionell“ für Kampfeinsätze vorbereitet worden. Zu wenig hätten auch die internationalen Militär-Ausbildung auf Training „im Feld“ oder „unter realen Bedingungen“ gesetzt – zu sehr auf Theorie.

Schetter sagt: Lange Zeit sei einzig die afghanische Anti-Terror-Einheit gut für einen Kampf gerüstet gewesen. Daran habe sich die Ausbildungsmission orientiert – doch dieses Niveau nie abseits einzelner Spezialkräfte erreichen können.

„Die Idee vom stetigen ‚Fortschritt‘ beim Staatsaufbau war eine 20-jährige Illusion“

Zweifelnde Stimmen auch von Bundeswehr-Soldaten vor Ort in Afghanistan wurden schon vor Jahren laut. Man haderte mit dem Ziel der Ausbildung, mit den Bedingungen und mit dem Personal an Afghanen, die von der Regierung vor Ort zur Ausbildung geschickt wurden. Als sich die Lage zunehmend destabilisierte, räumte auch die Bundeswehr nach und nach ihre Posten. Vor dem endgültigen Abzug der Soldatinnen und Soldaten aus dem Land, sagt ein Insider der Lage im früheren Nato-Camp, seien die deutschen Soldaten ohnehin kaum noch rausgegangen.

Extremismus-Forscher Neumann bilanziert: „Die Idee vom stetigen ‚Fortschritt‘ beim Staatsaufbau war eine 20-jährige westliche Illusion.“

Am Tag, an dem die Taliban Richtung Kabul vordringen, posten Nutzer aus Afghanistan etliche Handyvideos. Sie zeigen Islamisten mit Kalaschnikow, sie jubeln, sie werden teilweise wie Kriegshelden von Passanten fotografiert – während Hunderttausende vor ihnen geflohen sind.

Ein Video zeigt das Gefängnis in Bagram, einem Teil von Kabul. Dort sollen Tausende Inhaftierte einsitzen. Die Filmaufnahmen zeigen offenbar, wie die Taliban die Insassen befreien. Unter ihnen den Angaben zufolge auch verurteilte Taliban-Anhänger und Terroristen des „Islamischen Staates“.