Wortlaut

Steinmeiers Rede zum Mauerbau: „Am Anfang stand die Lüge“

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Das war die Berliner Mauer

Das war die Berliner Mauer

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Im Wortlaut: Lesen Sie hier die Rede des Bundespräsidenten bei der Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin.

Berlin. Die ganze Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum Mauerbau im Wortlaut: „Am 13. August 1961 wurden die schlimmsten Befürchtungen wahr, die viele Berlinerinnen und Berliner, die viele Deutsche und die politisch aufmerksame Menschen in aller Welt hatten. Der Eiserne Vorhang, der Berlin, der Deutschland, der Europa und der die Welt teilte, hatte sich nun auf unabsehbare Zeit komplett geschlossen.

Der 13. August 1961 war ein Schicksalstag für uns Deutsche und für die Welt – und ein Tag, der Träume und Hoffnungen zerstörte, der Kinder von Eltern, Enkel von Großeltern trennte, der schmerzlich und leidvoll in das Leben ungezählter einzelner Menschen eingriff.

Mit der Berliner Mauer wurde die Teilung der Welt des Kalten Krieges buchstäblich zementiert. Aber daran, dass diese Teilung mitten durch eine lebendige Stadt ging, dass sie Straßen und Wege, Plätze und Bahnlinien, Flüsse und Friedhöfe willkürlich teilte, daran konnten alle sehen, wie gewalttätig und unmenschlich diese Teilung war.

Und ausgerechnet ein Tor, das urmenschliche Symbol für freien Durchgang, für freien Verkehr und Begegnung, für das Kommen und Gehen von hier nach dort, ausgerechnet ein Tor also, das Brandenburger Tor, war der Mittelpunkt der verschlossenen Grenze.

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Damit wurde es nicht nur zum Symbol für den Schmerz der Teilung Berlins. Es wurde zum weltweiten Symbol für die Unterdrückung der Freiheit – und auch für die Sehnsucht nach ihr. Als Präsident Kennedy Berlin besuchte, hatten es die Ostberliner Machthaber zusätzlich mit roten Tüchern verhängt – nicht einmal mehr Blicke sollte es geben von hier nach dort.

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“: Die allermeisten von uns kennen diesen Satz, der als eine der dreistesten Lügen in die deutsche Geschichte eingegangen ist. Vielleicht war im Augenblick seiner Formulierung die endgültige Entscheidung, wann und wie genau eine undurchlässige Teilung Berlins und damit Deutschlands bewerkstelligt werden sollte, noch nicht getroffen.

Aber dass die klare Absicht des Regimes in Ostberlin längst bestand, die Fluchtbewegung so vieler Menschen aus der DDR an ihrer sensibelsten Stelle, nämlich in Berlin, zum Stehen zu bringen, daran kann kein Zweifel sein.

Am Anfang stand die Lüge – und sie setzte sich fort im Wort vom „antifaschistischen Schutzwall“. Wer hat diese Propagandalüge je geglaubt? Gebaut wurde die Mauer doch nicht, um eine Eroberungsbewegung von West nach Ost zu unterbinden, sondern gebaut wurde sie von einem Staat, der seine eigenen Bürger in seinem Land einsperren musste, um überhaupt noch eine Zeit lang funktionieren zu können.

Die Berliner Mauer, deren Errichtung als souveräner Akt eines Staates erscheinen sollte, dem an nichts so sehr gelegen war, wie an seiner internationalen Anerkennung, war in Wirklichkeit das Eingeständnis, dass nicht einmal seine eigenen Bürger diesen Staat wirklich anerkannten.

Der Bau der Mauer – wie sehr sie auch achtundzwanzig Jahre lang den Status quo, wie man damals sagte, stabilisieren konnte – war das Zeugnis eines hoffnungslosen Scheiterns. Die Mauer war das unübersehbare Zeichen eines Unrechtsstaates, der in den Augen seiner eigenen Bürgerinnen und Bürger weder souverän noch legitim war. Im Grunde der Anfang vom Ende – das allerdings noch allzu lange auf sich warten ließ.

In diesen achtundzwanzig Jahren hat die Mauer unendlich viel Leid über die Menschen gebracht. Sie hat Familien getrennt, sie hat Freunde auseinandergerissen, sie hat Begegnungen unmöglich gemacht.

Kaum jemand hat das so eindringlich ins Bild gebracht wie Wolf Biermann, der große und widerspenstige Dichter, der so lange an die Möglichkeiten des Sozialismus geglaubt hatte und der seinen Staat nicht verlassen wollte, bis er schließlich ausgebürgert wurde.

Ein Fotograf hatte ihn mitten auf der Weidendammer Brücke ins Bild gesetzt, wie er dort vor dem gusseisernen preußischen Adler stand. Es sah aus, als wüchsen jetzt ihm, Wolf Biermann, dessen Flügel. Und so dichtete er, stellvertretend für alle, die sich nach der Freiheit sehnten, die, obwohl nur wenige Meter entfernt vom Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße, so unerreichbar war, die „Ballade vom preußischen Ikarus“:

„Der Stacheldraht wächst langsam einTief in die Haut, in Brust und Beinins Hirn, in graue ZellnUmgürtet mit dem DrahtverbandIst unser Land ein Insellandumbrandet von bleiernen Wellnda steht der preußische Ikarusmit grauen Flügeln aus Eisengussdem tun seine Arme so weh“

Viele wollten, trotz der immer undurchlässigeren Grenze, in die Freiheit. Aber viele Fluchtversuche endeten tödlich – unter den Schüssen der Grenzsoldaten oder etwa beim verzweifelten Versuch, über die Ostsee zu entkommen. Und viele wurden aufgegriffen und zu Gefängnishaft verurteilt.

Wenn wir heute an den Mauerbau erinnern, dann erinnern wir uns auch an die Toten und Verletzten und an die Verhafteten – an alle, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben um der Freiheit willen.

Inzwischen ist die Mauer fast vollständig aus dem Stadtbild Berlins verschwunden. Teile der Mauer stehen heute in aller Welt und erinnern überall an dieses düstere Kapitel der deutsch-deutschen, ja der Weltgeschichte.

Uns ist es inzwischen selbstverständlich geworden, dass wir die paar Schritte von der einen zur anderen Seite über einen belebten Potsdamer Platz gehen können, und dabei kaum noch aufmerksam sind auf den schmalen Streifen aus Pflastersteinen an seinem östlichen Rand, der den Mauerverlauf markiert.

Und doch: Um die Freiheit, diese paar Schritte gehen zu können, wirklich wertzuschätzen, müssen wir uns erinnern an die Zeit, die vielen wie endlos schien, als die Mauer den Ostberlinern den Weg in die Freiheit versperrte. Als, wie Biermann schrieb, der Stacheldraht langsam einwuchs, „tief in die Haut, in Brust und Bein“.

Mauerbau war Beginn einer Eiszeit – mitten im Sommer

Wenn wir am 9. November den Fall der Mauer feiern, den Frühling mitten im kalten Herbst, dann müssen wir auch des 13. August gedenken, des Beginns einer Eiszeit mitten im Sommer.

Und die Westberliner? Für sie begann am 13. August eine neue Zeit der Angst. Sie lebten in der politischen und kulturellen Freiheit der westlichen Demokratien und in mancher Hinsicht in einem Experimentierfeld ganz neuer politischer und sozialer Freiheiten.

Aber sie lebten auf einer ummauerten, eingezäunten Insel und konnten sich nie sicher sein, wie lange ihnen diese Freiheit erhalten bleiben würde. Auch wenn man die Mauer nicht täglich sah, sie blieb doch prägend:

„Wie oft hab’ ich sie geseh’n, bis ich sie schließlich nicht mehr sah […] Wachtürme, Kreuze, verwelkte Kränze, die die Stadt durchzieh’n. Das war mein Berlin.“

Das sang ein anderer Berliner, Reinhard Mey.

Freiheit und Sicherheit waren in Westberlin immer bedroht. Wir sind bis heute unseren alliierten Freunden, den Amerikanern, den Briten und den Franzosen dankbar, dass sie durch ihre Anwesenheit, durch ihre Soldatinnen und Soldaten, diese Freiheit beschützen halfen.

Und wir sind allen dankbar, durch die die Mauer nach 28 Jahren endlich fallen konnte. Zuallererst den Menschen, die am 9. November Günter Schabowski korrekt missverstanden hatten und sich den Zugang zur anderen Hälfte ihrer Stadt friedlich erzwangen. Ihr Mut – und auch ihre trotzige Unbekümmertheit in dieser unvergleichlichen Nacht sind unvergessen.

Aber auch allen, die durch die Politik der Entspannung und der vertrauensbildenden Maßnahmen den friedlichen Übergang in eine neue Epoche der Freiheit langfristig ermöglicht haben, können wir heute dankbar sein. Willy Brandt und Egon Bahr hatten nicht zufällig ihre entscheidenden politischen Erfahrungen im Angesicht der Mauer gemacht.

Und Ronald Reagan wusste, warum er Michail Gorbatschow direkt adressierte, als er die Öffnung des Brandenburger Tores und den Abriss der Mauer forderte, und nicht die Machthaber in Ostberlin, die längst abgewirtschaftet hatten. Und Gorbatschow konnte darauf vertrauen, dass das Deutschland des Helmut Kohl ein friedlicher Staat im Herzen Europas sein und bleiben würde.

Freiheit und Demokratie sind nie naturgebunden

Die Erinnerung an die Berliner Mauer darf nicht beim Rückblick stehenbleiben. Sie ist eine bleibende Herausforderung für uns – für heute und für morgen. Freiheit und Demokratie sind nie naturgegeben, nie ein für alle Mal erreicht. Freiheit und Demokratie müssen erkämpft, dann aber auch geschützt, verteidigt und erhalten werden.

Freiheit und Demokratie brauchen entschiedenes Engagement und Leidenschaft. Das fängt mit der Beteiligung an demokratischen Wahlen an, die die Mauer und das, wofür sie stand, so lange so vielen verwehrte. Denken Sie alle daran, wenn bald ein neuer Bundestag gewählt wird.

Am 13. August 1961 hatte noch niemand voraussehen können, wie die Geschichte weitergehen würde. Die Westberliner konnten nicht wissen, ob ihr Durchhaltevermögen, ihr trotz allem unerschütterlicher Optimismus, wirklich halten würden.

Die Ostberliner konnten nicht wissen, ob sie noch einmal ohne Schikanen zu Angehörigen oder Freunden nach Schöneberg gehen könnten, über den Kudamm schlendern oder in den Wannsee springen.

Es ist das ganz Alltägliche, in dem wir unsere Freiheit leben und leben möchten. Es ist das ganz Alltägliche, in dem wir friedlich miteinander leben möchten. Es ist ja nicht mehr als das Selbstverständliche, das Kommen und Gehen, das Leben, wie und wo wir möchten, das wir uns wünschen.

Dass das Selbstverständliche aber nie von selbst geschieht, dass wir alle dazu beitragen müssen, dass es erhalten und geschützt wird, dass Geschichte von uns Menschen gemacht wird, zum Bösen wie zum Guten: daran erinnert uns der 13. August.