Leitartikel

Afghanisches Dilemma: Militärmission des Westens gescheitert

| Lesedauer: 3 Minuten
Michael Backfisch
Michael Backfisch, Politik-Korrespondent

Michael Backfisch, Politik-Korrespondent

Foto: Reto Klar

Nach dem Abzug der internationalen Truppen erobern Taliban eine Stadt nach der anderen. Jetzt sind breiter angelegte Ansätze nötig.

Mit jedem Tag wird klarer: Afghanistan versinkt im Chaos. Nach dem Abzug der internationalen Truppen erobern die radikalislamischen Taliban eine Provinzhauptstadt nach der anderen. Rund eine Viertelmillion Menschen sind bereits auf der Flucht – es dürften bald deutlich mehr werden. Setzt sich der Siegeszug der Extremisten fort, kehrt das islamische Mittelalter an den Hindukusch zurück. Dann regieren die strengen Gesetze der Scharia, einschließlich Todesstrafe. An den Schulen wird Religion gelehrt, aber keine Naturwissenschaft. Die immerhin in Ansätzen vorhandenen Rechte für Frauen und Mädchen verschwinden unter der Knute des Patriarchats.

Man muss es so deutlich sagen: Im Lichte der heutigen Zustände war die fast 20 Jahre lang andauernde Afghanistan-Operation des Westens ein Fehlschlag. Zu Beginn des Einsatzes gab es einen fatalen Mix aus falschen Erwartungen und Naivität. „Wir werden sie zur Strecke bringen, wir werden sie ausräuchern“, drohte US-Präsident George W. Bush den Terrorzellen von Al-Kaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Es war eine Kriegserklärung an die Dschihadisten, die die Supermacht Amerika ins Herz treffen wollten. Im Schatten der Taliban-Herrschaft in Afghanistan hatten sie Unterschlupf gefunden.

Politische Spitze in Kabul ist uneinig

Bushs Militärintervention war zunächst ein Racheakt gegen Al-Kaida und ihren Kopf Osama bin Laden. Er entfaltete einen gewaltigen Solidaritätsdruck: Die Nato rief erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus und schickte Truppen in die Krisenregion. Daran schloss sich jedoch die Illusion an, das in viele Stammes- und Clangebiete zerklüftete Land per Knopfdruck zu demokratisieren.

Vor allem die Amerikaner gingen zahlreiche Bündnisse mit berüchtigten Warlords wie Abdul Raschid Dostum ein – in der trügerischen Hoffnung, eine stabile Regierung und rechtsstaatliche Strukturen aufzubauen. Doch Schaukelpolitiker wie Dostum wirtschaften in die eigene Tasche. Hinzu kommt: Die politische Spitze in Kabul ist uneinig, korrupt und hat keine Autorität im Land.

Moralische Pflicht der Bundesregierung

Der von US-Präsident Joe Biden völlig überhastete Abzug des amerikanischen Militärs ist nur das Ende einer langen Kette von Fehlkalkulationen. Ohne die Luftwaffe und die Spezialkräfte der Amerikaner sind die internationalen Verbände nicht handlungsfähig. Im Schnelldurchgang ausgebildete afghanische Soldaten können den Taliban nicht Paroli bieten. Die islamistischen Milizen begriffen dies als Einladung.

Angesichts dieser Zuspitzung ist es richtig, dass Deutschland keine Menschen mehr nach Afghanistan abschiebt. Die Bundesregierung steht zudem in der moralischen Pflicht, Ortskräfte, die jahrelang für die Bundeswehr als Dolmetscher oder Ingenieure gearbeitet haben, auszufliegen – und zwar möglichst schnell. Ihr Leben ist massiv durch die Taliban bedroht. Das kann jedoch kein Freibrief für eine ungebremste Aufnahme von Flüchtlingen sein. Die Welt wird von zu vielen Konflikten erschüttert. Die Bundesrepublik ist nicht in der Lage, humanitäre Lasten in dieser Größenordnung zu schultern.

Ohne internationale Ansätze geht es nicht

Für das afghanische Dilemma gibt es auf Anhieb keine befriedigende Lösung. Welchen Weg man auch wählt: Ohne internationale Ansätze geht es nicht. Flüchtlingsorganisationen wie das UNHCR sollten sich in Afghanistan und in den Nachbarländern um die Versorgung der Migranten kümmern. Politisch sind Mächte wie China, Indien, Pakistan, Russland und der Iran gefragt. Sie alle haben ein Interesse an regionaler Stabilität. Ein Land wie Afghanistan lässt sich aber nicht mit einer noch so massiven Militärmission befrieden. Wenigstens diese Erkenntnis sollte man aus den letzten 20 Jahren mitnehmen.