Wahlkampf

Bundestagswahl: Ist Scholz am Ende der lachende Sieger?

| Lesedauer: 5 Minuten
Miguel Sanches
“Das wird eine Kanzlerwahl”

“Das wird eine Kanzlerwahl”

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz gibt sich Im Sommerinterview mit der Funke Mediengruppe optimistisch: Er habe gute Chancen, Kanzler zu werden. Die Redaktion traf ihn im Finanzministerium in Berlin.

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Im Wahlkampf geht es bislang weniger um Chancen und mehr um Fehlervermeidung. Da sieht sich die Partei des Vizekanzlers im Vorteil.

Berlin. Der Weg von Olaf Scholz ins Kanzleramt führt über Nordrhein-Westfalen. Tief im Westen, in Bochum, will die SPD die Kampagne für ihren Kanzlerkandidaten Mitte August starten und im September im größten Bundesland auch wieder beenden – in der Höhle des Löwen, wo der Armin Laschet (CDU) Ministerpräsident ist. „Da kommt der Herausforderer her“, weiß SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.

Für die Sozialdemokraten ist klar, dass es im Wahlkampf auf drei Personen ankommt, neben Scholz auf die Kandidaten Laschet und Annalena Baerbock (Grüne). „Darum geht es, das ist auch, was wir in der Spitze der Partei verabredet haben und was jetzt unsere Strategie ist“, so Klingbeil.

Gut 50 Tage sind es bis zur Bundestagswahl. Mit jedem Tag setzt die SPD mehr auf Scholz, auf den „Qualitätsunterschied“.

Scholz Umfragewerte zahlen sich für SPD kaum aus

Hier Baerbock und Laschet, Patzer erklärend, Fehler entschuldigend, dort der Vizekanzler. „Wer hat die Kraft, die Kompetenz, die Erfahrung, die Durchhaltefähigkeit?“ Selbstredend sind es rhetorische Fragen, die Klingbeil stellt.

Genüsslich beobachtet er, dass Laschet schon Debattenrunden mit Scholz absagt, einmal bei ProSieben, erneut bei der IG Metall.

Würden die Deutschen Kanzlerin oder Kanzler direkt wählen, käme Scholz laut Forsa-Trendbarometer auf 21 Prozent, drei Punkte mehr als in der Vorwoche, mehr als Baerbock (18 Prozent) oder Laschet (15 Prozent). „In den Mittelpunkt rückt immer stärker die Frage: Wer von den Dreien kann es eigentlich?“, sagt Klingbeil.

Aber wann färbt die Zustimmung für den Kandidaten auf die Partei ab, wann überholt die SPD die Grünen? Scholz wäre der lachende Dritte. Langjährige Institute wie Forsa, Infratest oder die Forschungsgruppe Wahlen führen die SPD indes beständig bei 15 oder 16 Prozent, aber erste Ausschläge nach oben lassen aufhorchen. 18 Prozent waren es zuletzt bei Ipsos, immer noch Platz drei hinter Union und Grünen.

Gerade bei den Sozialdemokraten mussten sich Kanzlerkandidaten häufiger neben, unter oder über ihrer Parteiführung behaupten. Es ist aber das erste Mal seit Langem, dass von einem Dualismus wenig zu spüren ist. „Welche Partei ist denn gerade geschlossen?“, fragt Klingbeil. „Wir haben keinen Robert Habeck, keinen Markus Söder.“ Lesen Sie auch: SPD-Fakten – Das will die älteste Partei Deutschlands

Die beiden Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ordnen sich unter. Es gibt in der SPD-Führung Leute, die Scholz für beratungsresistent und es für einen Fehler halten, dass er kein Schattenkabinett aufstellt. Ein Parteifreund, der eng mit ihm zusammenarbeitet, hat ihm vor vielen Monaten geraten, drei Dimensionen für sich zu entdecken.

Der erste Rat lautete, er solle auch auch mal nach hinten schauen. Tatsächlich hat Scholz zuletzt von früher erzählt, von seiner Zeit als Arbeitsrechtler, als Anwalt von Betriebsräten.

Auch den zweiten Rat hat er maßvoll beherzigt, nämlich mehr über sich selbst preiszugeben. In einer NDR-Talkshow und zuletzt bei „Brigitte“ outete er sich als eigentlicher Langschläfer und grämte sich, weil er als Hamburger Bürgermeister beim G20-Gipfel 2017 seine Bürger nicht so vor Krawallen schützen konnte, „wie ich das versprochen habe“. Mit dem dritten Rat tut er sich am schwersten: Andere neben sich zu lassen.

Parteifreunde beschreiben ihn als einen Mann, der viel mit sich selbst ausmacht und allenfalls auf die Meinung seiner Frau neugierig ist. Auf den Lasst-mich-mal-machen-Typus stellt die SPD ihre Kampagne ab, über 90 Termine und den Slogan „Scholz packt das an“.

Scholz achtet auf Distanz

Neben anderen Leuten ist er zurückhaltend, fast linkisch. So wie neulich, als er mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer die Gebiete der Flutkatastrophe besuchte, einer Parteifreundin, einer Frau, die er schätzt, die aber wegen Multiple Sklerose bei längeren Wegstrecken auf Hilfe angewiesen ist.

Er hätte sie eng an sich ziehen und ihr Halt geben oder wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Hand halten können. Auf Fotos sieht man einen Mann, der seine Hände an die Taschen seiner Jeans presst, während sich Dreyer an seinem Ellbogen festhält. Dabei darf man von seinem Bedürfnis nach Distanz nicht auf einen Mangel an Empathie oder an Selbstbewusstsein schließen.

„Im Wettbewerb um das Kanzleramt bringe ich sicherlich die meiste Regierungserfahrung mit – nicht nur als Arbeitsminister und Hamburger Bürgermeister, auch als Bundesminister der Finanzen und als Vizekanzler“, lobt er sich. „Viele trauen mir zu, dass ich die Verantwortung für eine der größten Volkswirtschaften der Welt übernehmen kann.“

In der SPD glauben sie, dass den Bürgern allmählich bewusst wird, dass Merkel im Herbst nach 16 Jahren ausscheidet. Scholz wäre – die beste aller Verlegenheitslösungen?

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