Arbeitswelt

Wie der Staat Selbständige während Corona im Stich ließ 

| Lesedauer: 3 Minuten
Philipp Luther
Insolvenz beantragen - Das muss man wissen!

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Hunderttausende Selbständige mussten während Corona Hartz IV beantragen. Der Staat ließ sie im Stich und setzt weiter hohe Hürden. 

Berlin. Während der Corona-Pandemie haben 132.000 (Solo-) Selbständige in Deutschland Hartz IV beantragt. Das waren laut einem Bericht des „Business Insider“ zwischen zwischen April 2020 und Juni 2021 satte 112.000 Anträge mehr, als die Bundesagentur für Agentur eigentlich erwartet hatte. Dort war man von lediglich 20.000 Anträgen ausgegangen.

Die Situation der Menschen wird laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) zusätzlich dadurch verschärft, dass viele der Selbständigen keine Arbeitslosenversicherung haben. Gerade einmal 1,9 Prozent aller Selbständigen seien im Jahr 2019 versichert gewesen – rund 74.000 der etwa 4 Millionen Selbstständigen in Deutschland.

Selbstständige: DGB fordert leichteren Zugang zu Arbeitslosenversicherung

Vielfach bliebe der Weg in die Pflichtversicherung wegen strenger Zugangsvoraussetzungen versperrt, so der DGB. In anderen Fällen könnten sich die Menschen die Beiträge schlicht nicht leisten, besonders in der Gründungsphase.

Hinzu kommt: Betroffene hätten in vielen Fällen auch von den Neuregelungen beim Arbeitslosengeld II nicht profitieren können. Ihr angespartes Vermögen habe den festgelegten Freibetrag überschritten, oder ihre Partner hätten innerhalb automatisch zustande gekommener „Bedarfsgemeinschaften“ zu viel verdient. Der DGB fordert daher eine Erleichterung des Zugangs zur Arbeitslosenversicherung für (Solo-) Selbständige. Lesen Sie auch: Hartz IV ohne Ausweg? So viele Menschen leben dauerhaft vom ALG 2

Studie zeigt: Zahl der Selbständigen nimmt während Corona ab

Die Folgen der schlechten Absicherung und der Covid-19-Pandemie für diese Menschen hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unlängst aufgedeckt. Die Zahl der Selbständigen sei während der Corona-Pandemie erheblich gesunken.

Unter den Befragten gaben im Jahr 2020 nur noch 76 Prozent an, weiterhin selbständig zu sein – fast zehn Prozent weniger als in den beiden Jahren zuvor. Immer mehr Selbständige gaben im Jahr 2020 ihre Unternehmungen zudem ganz auf und meldeten sich entweder arbeitssuchend oder gingen in den Ruhestand (15 Prozent). Rund 11 Prozent wechselten in eine sozialversicherungspflichte Beschäftigung.

Vor allem selbstständige Frauen mussten aufgeben

Besonders betroffen waren laut der DIW-Studie Frauen. „Selbstständige Frauen sind zwischen 2020 und 2021 mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht mehr selbstständig als selbstständige Männer“, schreiben die Forschenden. Rund 80 Prozent der selbständigen Männer seien Anfang 2021 noch selbständig gewesen; bei den Frauen betrug der Wert nur 68 Prozent.

„Bei Frauen häufen sich weiterhin die Geschäftsaufgaben“, warnt die Studie. Dies sei vermutlich bedingt durch branchenbedingte Einkommensverluste. Selbständige Frauen arbeiten häufig im Gastro-Gewerbe oder der Hotellerie – und damit in von der Corona-Krise besonders betroffenen Branchen. Der Anteil der Frauen an den (Solo-) Selbständigen beträgt rund ein Drittel. „Damit entwickelt sich die Covid-19-Pandemie mehr und mehr zu einer Krise für selbstständige Frauen.“

Staat ließ viele Selbständige im Stich

DIW-Forschungsgruppenleiter Alexander Kritikos erklärte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ dazu, dass (Solo-) Selbständige in der Corona-Krise von staatliche Hilfen zuerst nicht profitieren konnten. Sie hätten kaum Fixkosten, für die die Zuschüsse gedacht waren. Zwar kam dann die „Neustarthilfe“ des Bundes, eine einmalige Zahlung von 7500 Euro. Aber: „Ich fürchte, diese Hilfe kam zu spät“, so Kritikos. „Die Regierung hätte früher, schneller und verbindlicher helfen müssen.“

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