Diktatur

Nordkorea: Kim Jong-un nimmt ab und nutzt das für Propaganda

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Felix Lill
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un soll einen neuen Raketentest unternommen haben.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un soll einen neuen Raketentest unternommen haben.

Foto: dpa

Während Nordkoreas Bürger darben, inszenieren die Staatsmedien Kim als sich aufopfernden Diktator. Das sind Gründe für die Krise.

Peking/Pjöngjang. Seit einem Dreivierteljahr erleben die Menschen in Nordkorea einen neuen Anführer. Kim Jong-un, bis dahin stets unerschrocken und wohlbeleibt auftretend, zeigt sich nun von seiner schwachen Seite. Im vergangenen Oktober sagte er in einer Rede zum 75-jährigen Staatsjubiläum unter Tränen: „Unser Volk hat Vertrauen auf mich gesetzt – so hoch wie der Himmel und so tief wie die See. Aber ich bin dabei gescheitert, die Erwartungen zu erfüllen.“

Zu Beginn dieses Jahres kritisierte der 37-Jährige dann die eigenen Fünfjahrespläne. In „fast allen Sektoren“ sei Nordkorea „extrem deutlich“ hinter den zuvor gesteckten Zielen zurückgeblieben.

Kims Gewichtsverlust bewegte Führung zu ungewöhnlichem Schritt

Und nun das: In einem sehr ungewöhnlichen Schritt veröffentlichte die Führung des Landes diese Woche einen Kommentar zu Kims Gewichtsverlust. „Unseren angesehenen Generalsekretär so ausgemergelt zu sehen, bricht unserem Volk das Herz“, zitierten die Staatsmedien einen nicht namentlich genannten Einwohner Pjöngjangs. „Jeder spricht darüber, wie ihm sofort die Tränen gekommen sind.“

Aus Sicht von Fachleuten nutzt die Staatsführung Kims Gewichtsverlust, um die Loyalität der Bürger zu dem Machthaber in Zeiten einer schweren Versorgungskrise zu stärken. Die Botschaft sei, so sagte Ahn Chan-il vom Weltinstitut für Nordkorea-Studien in Seoul der Nachrichtenagentur AFP, Kim arbeite äußerst hart für die Menschen – so hart, dass er sogar Mahlzeiten auslasse und Gewicht verliere.

Mitte Juni hatte Kim Jong-un bereits durchblicken lassen, dass Nordkorea akut unter Nahrungsmittelmangel leide. Verantwortlich hierfür seien Ernteausfälle durch starke Stürme sowie Überschwemmungen. Die schwierige Lage durch die Corona-Pandemie habe die Situation verschlimmert. Schon im März hatte der UN-Sonderberichterstatter für die Menschenrechts­lage in Nordkorea vor einer Krise gewarnt, einen Monat später kündigte auch Kim „harte Zeiten“ an.

Nordkorea hat bisher offiziell keinen Corona-Fall dokumentiert

Zwar hat der Regierungschef des Einparteienstaats Maßnahmen angekündigt, um die Probleme einzudämmen. Dabei ließ er aber offen, wie diese aussehen. Ebenso unklar ist bisher, wie stark der Nahrungsmittelmangel derzeit tatsächlich ist. Nach offiziellen Angaben betragen die Ernteausfälle 15 bis 20 Prozent. Die meisten Vertreter ausländischer Hilfsorganisationen, die eine unabhängige Einschätzung geben könnten, haben das Land inmitten der strikten Regeln gegen die Pandemie vorübergehend verlassen.

Offiziell hat Nordkorea bisher keinen einzigen Corona-Fall gemeldet. Mit dem Argument des Infektionsrisikos lehnt Nordkorea bis heute die meisten Hilfslieferungen aus dem Ausland ab. Anfang 2020 schloss Nordkorea seine Grenze zu Russland und China. So wurden die wichtigsten Verbindungen gekappt, über die Nordkorea trotz der UN-Sanktionen wegen Menschenrechtsverletzungen noch an Güterlieferungen kommen konnte.

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Fehlende Waren und Geldflüsse als Folge der Grenzschließung

Dies macht sich mittlerweile bemerkbar. Denn Nordkorea fungiert auch als billige Werkbank für produzierende Firmen aus den nördlichen Nachbarländern. Wegen der geschlossenen Grenzen fehlt es nicht nur an Waren, sondern auch an Geldflüssen. Dies führt zu verstärkter Währungsinstabilität im Land, wo neben dem nordkoreanischen Won auch der US-Dollar und Chinas Yuan zirkulieren.

Auch mit dieser akuten Knappheit ansonsten verwendeter Zahlungsmittel kommt es zu Preissprüngen wichtiger Lebensmittel. Die Analyseplattform „38 North“ berichtet von besonders starker Inflation bei Reis und Mais. Seit Anfang des Monats sind die Preise demnach um 67 und rund 100 Prozent gestiegen. Auch Treibstoffe seien deutlich teurer geworden. Eine Flasche Shampoo soll derzeit sogar um die 200 Dollar kosten, ein Kilo Bananen 45 Dollar.

Währungsschwankungen: Sind Spekulationen nordkoreanischer Händler schuld?

Verantwortlich für Preissprünge und Währungsschwankungen könnten laut der südkoreanischen Plattform „Daily NK“ auch Spekulationen nordkoreanischer Händler sein, die von bald öffnenden Grenzen ausgegangen waren. So hätten sich diese mit US-Dollar eingedeckt. Ein Versuch des Gegensteuerns durch die Regierung führe nun zu einem Auf und Ab der Kurse.

Derartige Erklärungen für die Krise passen zu Analysen der UN-Agrarorganisation. Laut einem Bericht der FAO sind die Erntebedingungen dieses Jahr nicht schlecht, sondern „günstig.“ Sofern es nicht zu Hilfsleistungen aus dem Ausland komme, rechnet die UN-Organisation für dieses Jahr gleichwohl mit Lebensmittelengpässen in Höhe von 860.000 Tonnen, was der Versorgung für zwei Monate entspreche.#

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