China

100 Jahre KP: Wie Präsident Xi Jinping dem Westen droht

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Fabian Kretschmer
100 Jahre Kommunistische Partei Chinas: Peking inszeniert Riesenshow

100 Jahre Kommunistische Partei Chinas- Peking inszeniert Riesenshow

Zum 100-jährigen Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas wurde in Peking eine extravagante Show inszeniert. Unbequeme Kapitel der jüngeren Geschichte des Landes wurden dabei ausgespart. The event, held under tight security and not broadcast live on television, comes before the July 1 centenary of the party that has shaped the modern history of China, guiding the country from war-torn to superpower status.

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Die Kommunistische Partei wird 100. In Peking herrscht seltsame Stimmung. Präsident Xi wendet sich mit brachialen Worten an die USA.

Peking. Als die Kampfhubschrauber am Horizont auftauchen, kommt erstmals Stimmung unter den 70.000 Zuschauern am Tiananmen-Platz auf. Ihre Köpfe drehen sich euphorisch nach oben, wo die Helikopter im Formationsflug eine riesige „100“ in den Pekinger Himmel malen. Am Boden wird die Choreographie mit wehenden Flaggen goutiert: ein rotes Fahnenmeer mit goldenem Hammer und Sichel.

Wenn die Kommunistische Partei Chinas zum Geburtstag lädt, dann zieht die Staatsmacht alle Register: Militärkapellen, Chorgesänge und eine spektakuläre Flugshow. Wie um den symbolischen Sieg gegenüber der Pandemie zu deklarieren, wird das Publikum auf den Rängen dazu aufgefordert, ihre Gesichtsmasken abzunehmen.

Xi Jinping betritt schließlich den südlichen Schutzwall der Verbotenen Stadt, direkt über dem ikonischen Bildnis Mao Zedongs. In seiner Inszenierung erinnert Xi längst selbst an den omnipräsenten Landesvater. Statt dunkler Anzug zur roten Krawatte, wie es die letzten Jahrzehnte üblich war, trägt der 68-Jährige einen grauen Mao-Anzug.

Und genau wie Mao Zedong wählt Chinas amtierender Staatschef auch als Leitthema seiner Rede den Opfer-Mythos: „Die Ära, in der die chinesische Nation abgeschlachtet und drangsaliert wurde, ist für immer vorbei“. Wer dies wage, dem würde „an der Großen Mauer aus Stahl, geschmiedet von 1,4 Milliarden Chinesen, der Kopf blutig geschlagen“.

„Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans zerschlagen“

An jener Stelle bekommt XI Jinping den ausgelassensten Applaus in einer ansonsten monotonen, ja streckenweise langweiligen Rede. Doch inhaltlich hatte es der nationalistische Vortrag in sich: Neben der offensichtlichen Drohung an die USA waren die schärfsten Töne an Taiwan gerichtet – jenen Inselstaat, den China als „abtrünnige Provinz“ betrachtet.

„Die Klärung der Taiwan-Frage und die komplette Wiedervereinigung mit dem Mutterland sind die unumstößlichen historischen Aufgaben der Partei und das gemeinsame Ziel aller Chinesen“, sagte Xi Jinping. Man müsse nun zusammen daraufhin arbeiten, „jegliche Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans zu zerschlagen“.

Neu ist eine solche Botschaft nicht. In den letzten Jahren hat sich bereits deutlich abgezeichnet, dass die chinesische Staatsführung ihre alte diplomatische Maxime der Zurückhaltung durch einen überselbstbewussten Patriotismus ausgetauscht hat.

Chinas Nation wird zu alter Stärke zurückgeführt, und vom Ausland will man sich nicht länger belehren lassen. Doch wer die Feierlichkeiten am Tiananmen-Platz begleitet, der kann die Paranoia und Verunsicherung regelrecht spüren, die die Partei hundert Jahre nach ihrer Gründung aus allen Poren auszusenden scheint.

Ein Land im Ausnahmezustand

In der Innenstadt von Peking sind bereits am Vorabend des Jubiläums sämtliche Restaurants aus „Brandgefahr“ geschlossen, einige Hotpot-Lokale lassen nur heimlich bei gedimmtem Licht die Gäste hinein. Auch Taxi-Fahrern wird seit Tagen an den Toren der Stadt der Zugang verwehrt. Lieferdienste haben ebenfalls Verzögerungen angekündigt.

Und wer mit dem Zug aus der Provinz in die Hauptstadt einreisen will, muss neben den ohnehin. Massiven Sicherheitschecks und Face-Scans nochmals zusätzliche Kontrollpunkte passieren. Innerhalb der Stadt sind an sämtlichen Kreuzungen und Fußgängerüberführungen entweder Polizisten oder Nachbarschaftskomitees platziert, um nach den Rechten zu sehen. Lesen Sie auch:Kommt das Virus aus einem Labor in Wuhan?

Wer als Journalist an den Feierlichkeiten vom Tiananmen-Platz teilnehmen wollte, musste zunächst einen kafkaesken Spießroutenlauf absolvieren: Zwei negative Virustests, Impfnachweis eines chinesischen Vakzins und 24-stündige Hotelquarantäne – all das in einer Stadt, in der offiziell seit über einem Dreivierteljahr keine lokalen Infektionen mehr registriert wurden.

Die meisten europäischen Botschaften haben auf eine Teilnahme verzichtet – nicht zuletzt, weil ihnen nur zwei Stunden Zeit gelassen wurde, um eine Zusage zu geben. „Wir sehen gar nicht ein, warum wir immer sofort springen müssen“, sagt ein Botschaftsmitarbeiter aus der EU.

Die, die dennoch „gesprungen“ sind, schlagen sich die Quarantäne-Zeit im „Great Wall Hotel“ tot, ein altehrwürdiges Gasthaus mit Blick auf das Diplomatenviertel. Es ist auch eine der wenigen Gebäude der Stadt, deren Fernseher noch ausländische Sender empfangen können. An diesem Abend zeigt das singapurische „Channel News Asia“ eine Dokumentation zur hundertjährigen Parteigeschichte.

Doch wann immer kritische Themen angeschnitten werden, etwa von der Pekinger Demokratiebewegung 1989 bis hin zur durch Mao ausgelösten Hungersnöte, ziehen die Zensoren der Stecker. Das Fernsehbild wird durch ein Regenbogenfarbiges Testbild ausgetauscht: „Kein Signal“. Die Partei fürchtet nichts so sehr wie einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte.