Digitalministerin

Warum sich Dorothee Bär in der CSU durchgesetzt hat

| Lesedauer: 6 Minuten
Miriam Hollstein
Die Bundestagswahl in Zahlen

Die Bundestagswahl in Zahlen

Am 26. September 2021 wird ein neuer Bundestag gewählt. Welche Zahlen hinter der neuen Aufstellung des Parlaments stehen, sehen Sie im Video.

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Als Digitalministerin erntet sie viel Kritik. Trotzdem hat sich die CSU-Politikerin Dorothee Bär (43) in ihrer Partei durchgesetzt.

Berlin. Wer an die CSU denkt, denkt an Männer: Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber, Horst Seehofer, Markus Söder – immer waren es Männer, die das Bild der Partei geprägt haben. Einzige Ausnahme: Dorothee Bär, 43, Staatsministerin für Digitalisierung.

Wenn an diesem Sonnabend die CSU im Nürnberger Max-Morlock-Stadion unter freiem Himmel erstmals paritätisch ihre Liste für den Bundestag aufstellt, ist Bär für den zweiten Platz gesetzt. Eine Zeit lang war sie sogar für Platz eins im Gespräch. Am Ende entschied sich Parteichef Markus Söder dann aber doch für einen Mann: Alexander Dobrindt, Landesgruppenchef der CSU im Bundestag.

Dorothee Bär ist ein Kunststück gelungen, das unabdingbar ist, wenn man als Frau in der CSU Karriere machen will: Sie wirkt traditionell und modern zugleich. Bär ist dreifache Mutter, langjährig verheiratet, Katholikin und tritt gern volksnah und im Dirndl auf. Zugleich war sie auch mit kleinen Kindern voll berufstätig – was im konservativen Bayern immer noch von vielen mit großer Skepsis gesehen wird.

Sie ist bekannt dafür, gerne zu polarisieren

Dass sie als einzige von sieben CSU-Frauen im Bundestag (bei insgesamt 45 CSU-Abgeordneten) auch in der breiten Bevölkerung bekannt ist, liegt freilich nicht nur daran, dass sie schon seit 2002 im Parlament ist.

Auch nicht nur daran, dass sie mit 16 der CSU beitrat, steil Karriere machte und schon mehrere Ämter innehatte: stellvertretende CSU-Generalsekretärin, familienpolitische Sprecherin der Union im Bundestag, Staatssekretärin im Verkehrsministerium und aktuell neben dem Digitalen auch Vizeparteichefin.

Sondern auch daran, dass die Diplom-Politologin polarisiert. Bis heute hängt ihr nach, dass sie in einem ihrer ersten Interviews als designierte Digitalministerin auf die Frage von ZDF-Moderatorin Marietta Slomka nach dem schleppenden Breitbandausbau sagte, es gebe auch noch andere wichtige Themen bei der Digitalisierung. Flugtaxis zum Beispiel. Eine Welle des Spotts war die Folge. Ein anderes Mal ließ sie sich für ein Interview mit der „Welt am Sonntag“ im Pool im Bikini ablichten.

Bär spielt mit Grenzen, ohne die eigene Partei ernsthaft zu provozieren

Kritik lässt Bär an sich abprallen. „Ich werde ständig in Schubladen gesteckt. Aber mich ficht es nicht, wie andere mich sehen“, sagt sie bei einem Treffen in ihrem Büro im Kanzleramt. Ein Bild des Offenburger Künstlers ­Stefan Strumbel hängt an der Wand – in einem „Tatort“-Fadenkreuz steht das Wort „Heimat“. Eine typische Kombi für Bär: Pop-Art trifft auf Tradition.

So sind viele Auftritte von Bär – auffallend und mit Grenzen spielend, aber nie zu schrill, um die eigene Partei ernsthaft zu provozieren. Im Bundestag hat sie mal für Aufsehen gesorgt, als sie ein Dirndl und ein anderes Mal ein FC-Bayern-T-Shirt trug. Damit brach sie die klassischen (Kleider-)Regeln des Parlaments und zahlte gleichzeitig auf die Kernmarke der CSU, Bayern, ein.

Und auch wenn sie durchaus deutliche Worte über männliche Eitelkeiten in den eigenen Reihen findet: Am Ende ist Bär eine loyale Parteisoldatin. In der Frage der Kanzlerkandidatur hat sie auch öffentlich erbittert für ihren Parteichef Söder gekämpft. Lesen Sie auch: Union: Das versprechen CDU/CSU in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl

Sollte die CSU auch bei künftigen Regierungskoalitionen mitmischen?

Wenn sie einmal eine andere als die offizielle Position vertritt, dann stets mit verbaler Schadensbegrenzung. Manchmal fehle ihr der Pragmatismus, sagt sie etwa mit Blick auf den Streit um die Gendersprache. „Niemandem tut es weh, von ‚Bürgerinnen und Bürgern‘ zu sprechen.“ Dann schiebt sie schnell hinterher: „Ich muss allerdings auch sagen: Für die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in meinem Wahlkreis gibt es wichtigere Diskussionen.“

Oder wenn sie über ihr Motto „Leben und leben lassen“ spricht. „Warum können wir uns nicht für Regenbogenfamilien einsetzen und gleichzeitig für die Hausfrau?“, fragt Bär. Um dann zu betonen: „Diese Toleranz gibt es auf der linken Seite nicht. Die wollen eine Berlin-Mitte-Politik für ganz Deutschland. Davor kann ich nur warnen.“ Für die Großstädte werde schon viel gemacht, findet sie. „Wir brauchen mehr Selbstbewusstsein für den ländlichen Raum.“

Dass die CSU auch bei künftigen Regierungskoalitionen mitmischen sollte, steht für sie außer Frage: „Niemand von uns würde den Satz von der FDP ‚Lieber gar nicht regieren als schlecht regieren‘ unterschreiben. Das ist auch einfach ein sehr verkürztes Fazit, damit macht man es sich zu einfach. Regieren in Koalitionen beinhaltet das harte Ringen um Kompromisse, um der Verantwortung des Wählerauftrags gerecht zu werden. Wir in der CSU wollen alle regieren.“

Sichere Kandidatin für ein künftiges Kabinett

Kritiker bemängeln, dass die Bilanz ihrer eigenen Arbeit dabei eher mäßig ausfällt. Selbst Parteifreunde finden, dass Bär als Digitalministerin nicht wirklich überzeugt hat, obwohl sie sich schon lange um das Thema kümmert. Offene Kritik kommt aus der Opposition: „Von ihrer Arbeit haben wir im Digitalausschuss nicht viel mitbekommen“, sagt der ­Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek, Sprecher seiner Fraktion für digitale Transformation. „Letztlich war der Titel der Digitalstaatssekretärin mehr ein präsidialer, wirklich feste Zuständigkeiten in der Digitalpolitik hatte sie nicht.“

Fragt man Bär nach der Kritik verweist sie auch auf die Strukturen. Tatsächlich sind die Möglichkeiten einer Staatsministerin begrenzt. Hinzu kommt, dass es im Kanzleramt noch eine weitere Zuständigkeit für Digitalpolitik gibt. Fast zeitgleich mit dem Amtsantritt von Bär übernahm die Merkel-Vertraute Eva Christiansen dort eine neu gegründete Abteilung für Digitalpolitik.

In einem künftigen Kabinett wird Bär dennoch für ein Ministeramt gehandelt, im Gegensatz etwa zu Verkehrsminister Andreas Scheuer, der am Samstag auf Listenplatz drei gewählt wird. Die beiden anderen CSU-Minister in der jetzigen Regierung, Horst Seehofer und Gerd Müller, ziehen sich freiwillig zurück.

Die CSU braucht nicht nur neue Minister. Sie braucht vor allem eine sichtbare Frau in einer Spitzenposition, die sich in einem Männerladen wie der CSU durchsetzen kann. Das hat Bär bewiesen.