Sachsen-Anhalt

Warum ist die AfD bei den jungen Menschen im Osten so stark?

| Lesedauer: 7 Minuten
Christian Unger und Theresa Martus
Erfolg vor allem beiden Jüngeren: Björn Höcke (r.), Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, gratuliert Oliver Kirchner (AfD), Spitzenkandidat des Landesverbandes AfD Sachsen-Anhalt.

Erfolg vor allem beiden Jüngeren: Björn Höcke (r.), Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, gratuliert Oliver Kirchner (AfD), Spitzenkandidat des Landesverbandes AfD Sachsen-Anhalt.

Foto: Jan Woitas / dpa

Die CDU gewinnt die Wahl in Sachsen-Anhalt klar. Doch bei den jüngeren Wählern ist nicht die Union stärkste Kraft – sondern die AfD.

Berlin/Magdeburg.  Hätten nur die jüngeren Menschen gewählt, nicht die CDU hätte an diesem Abend in Sachsen-Anhalt gejubelt. Sondern die AfD. Die in Teilen von den Sicherheitsbehörden als rechtsextrem eingestufte Partei erzielte bei der Landtagswahl 19 Prozent bei den jüngsten Wählerinnen und Wählern. Die CDU nur 17. Das geht aus ersten Analysen der Forschungsgruppe Wahlen hervor.

Der Osten wählt rechts – das gilt in Sachsen-Anhalt nur für die Jüngeren. Und das Ergebnis wirft Fragen auf. Die Wahl könnte die aktuellen Debatten über die Stärke der AfD im Osten neu entfachen.

Erst wenige Tage vor der Entscheidung in dem Bundesland hatte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), über den Osten gesagt, dass ein Teil der Menschen „diktatursozialisiert“ seien. Dass sie auch dreißig Jahre nach Ende der DDR nicht in der Demokratie angekommen seien.

Interaktive Karte:So hat Sachsen-Anhalt in den 218 Gemeinden gewählt

Doch die Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt: Viele Menschen, die nun die AfD gewählt haben, sind gar nicht in der DDR sozialisiert. Viele haben sie nicht einmal erlebt, so jung sind sie.

Die AfD punktet bei den Menschen unter 40 – die CDU bei den über 60-Jährigen

Bei den Menschen zwischen 30 und 44 Jahren holte die AfD 30 Prozent der Stimmen, Wahlsieger CDU nur 27. Das andere große Forschungsinstitut Infratest Dimap sieht bei den jüngsten Wählenden immerhin die CDU noch knapp vorne. Doch auch hier liegt die AfD bei den 25- bis 34-Jährigen deutlich vorne: mit 28 Prozent der Stimmen (CDU nur 22).

Ein ähnliches Bild zeigen vergangene Wahlen in Ostdeutschland: In Sachsen wurde die AfD bei Wählern unter 30 stärkste Kraft, genauso in Thüringen bei der letzten Wahl. In Brandenburg landete die Partei in der Altersgruppe knapp hinter den Grünen.

In Sachsen-Anhalt konnte sich Wahlsieger und Ministerpräsident Reiner Haseloff vor allem auf die ältere Anhängerschaft verlassen. 44 Prozent der Menschen über 60 wählten ihn nun. Die AfD kam in der Altersgruppe nur auf 18 Prozent – die Rechten verlassen sich auf die Jungen.

Eine Karte, auf die AfD setzt: das Gefühl der Benachteiligung

Woran liegt der Wahlerfolg der Rechten bei den jüngeren Wählenden im Osten der Republik? Wer die Gründe dafür sucht, muss in die Analysen der Wahlforscher einsteigen.

Vor allem ein Gefühl treibt die Menschen offenbar in die Arme der AfD: Das Gefühl, das Leben und die eigene Perspektive in Deutschland verschlechtere sich. 41 Prozent der Anhänger der AfD gaben an, dass sich die „Lebensumstände in ihrer Gegend in den vergangenen Jahren verschlechtert“ hätten. Bei der CDU sind es nur neun Prozent.

So stark wie bei keiner anderen Partei fühlen sich offenbar Wählerinnen und Wähler der AfD als „Verlierer“ der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch das zeigen Umfragen der Wahlforschungsinstitute. Fühlen sich also vor allem die jüngeren Menschen abgehängt, sorgen sie sich vor der Zukunft?

Studien zeigen, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall die Kluft zwischen Ost und West bei den Zukunftsängsten stark ist. Junge Menschen sehen im Westen Deutschlands viel bessere Karrierechancen. Die Pandemie, so deuten Untersuchungen an, hat diese Sorgen über Aufstieg und Zukunft noch verschärft.

Hang zur „autoritären Haltung“, Sympathie für „starke Führungsfiguren“

„Wenn etwas eine Rolle spielt, dann die gefühlte Benachteiligung“, sagt Alexander Yendell, Soziologe von der Universität Leipzig. „Der Glaube, dass man im Vergleich zu anderen weniger bekommt, nicht so sehr, dass man wirklich abgehängt ist.“

Noch immer ziehen viele Menschen aus dem Osten in den Westen – gerade weil sie dort eine bessere Perspektive für sich sehen. Es sind vor allem junge Frauen, die wegziehen. Und es sind eher junge Männer, die in den ländlichen Räumen im Osten Deutschlands bleiben. Vor allem dort, bei jungen Männern auf dem Land, ist die AfD stark. Vor allem bei ihnen, so zeigen Studien, sind „autoritäre Haltungen“ und die Zustimmung zu „starken Führungsfiguren“ eher verbreitet – eine Einstellung, die die AfD für sich nutzt.

Die Wahlergebnisse im Osten weisen darauf hin, dass es der AfD deutlich besser gelingt, diese Sorge vor Benachteiligung in ihrem Wahlkampf aufzugreifen. Sie macht dies auch – gerade im radikalen AfD-Flügel im Osten – mit Hetze gegen Fremde, die Partei wettert gegen „den Islam“ und „die Flüchtlinge“. Und sie nimmt die „etablierten Parteien“ oder „Altparteien“ ins Visier. Spalten als Wahlprogramm.

Nicht mehr der Protest zählt, sondern das Wahlprogramm der AfD

So zeigen Untersuchungen der Wählerschaft, dass junge Menschen in Ostdeutschland deutlich stärker als im Westen des Landes auf ausländerfeindliche Parolen anspringen. Vor allem wegen ihrer migrationsfeindlichen Politik erhält die AfD in Sachsen-Anhalt Zuspruch. Obwohl – oder gerade weil – dort im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands kaum Asylsuchende oder Menschen mit Zuwanderungsgeschichte leben. „Der wichtigste Faktor für die Entscheidung, AfD zu wählen, ist tatsächlich Ausländerfeindlichkeit“, sagt Forscher Yendell.

Protest gegen die Regierenden, gerade in der Corona-Pandemie, zugleich die Sorge vor sozialem Abstieg und rassistische Ressentiments – es ist dieses Programm, das die AfD aufgebaut hat im Wahlkampf. Und Umfragen zeigen, dass die AfD genau für ihr Programm gewählt wurde.

Anders als früher zählt nicht mehr der „Protest“, nicht die Ablehnung gegenüber anderen Wahlprogrammen etwa von CDU und Linkspartei. Die AfD wählen junge Menschen heute stärker aus „Überzeugung“, so Umfragen.

Faktor: Ausländerfeindlichkeit

Verantwortung für den Aufstieg der AfD sieht Experte Yendell dennoch bei den Regierenden. Über viele Jahre sei in Regionen Ostdeutschlands die Jugendarbeit gekürzt worden, mussten Treffpunkte für Kinder und Jugendliche schließen, wurden Sozialarbeiter eingespart. Häufig würden dann nur noch die extremen Rechten bleiben, die jungen Menschen auf dem Land ein Angebot machen.

Und wo die Rechten ungestört und ohne Widerspruch agieren können, verfestigen sie ihr Weltbild bei den jungen Menschen. Forscher Yendell spricht von einer „Normalisierung von Rechtsextremismus“. Er sagt: „Es gibt Regionen, wo es normal ist, rechtsextrem zu sein.“

Viele Menschen im Osten wählen AfD. Doch es sind in Sachsen-Anhalt weniger als noch vor fünf Jahren. Bei der Landtagswahl 2016 hatten noch 29 Prozent der unter 30-Jährigen für die AfD gestimmt – neun Prozentpunkte mehr als in aktuellen Erhebungen.

Und: Auch wenn die extrem rechte „Alternative“ auf gut 20 Prozent der Stimmen in Sachsen-Anhalt kommt. 80 Prozent der Menschen in dem Bundesland haben sie nicht gewählt.

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