Parteigeschichte

Geschichte der CDU: Anfangs wurde der Kapitalismus abgelehnt

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Miriam Hollstein
Das ist der Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet

Das ist der Unions-Kanzlerkandidat: Armin Laschet

Armin Laschet ist der Kanzlerkandidat der Union. Als CDU-Chef hat er sich bei der K-Frage gegen CSU-Chef Markus Söder durchgesetzt. Im Wahlkampf muss er mit viel Druck umgehen.

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1945 wurde die CDU in Berlin von einem Mann gegründet, dessen Namen heute kaum jemand kennt. Das Programm sorgt heute für Erstaunen.

Berlin. Ausgerechnet die Geschichte der CDU begann mit einer Knallhart-Absage an den Kapitalismus. „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden“, heißt es im Ahlener Programm der CDU von 1947. Und weiter: „Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.“ Gefordert wurde unter anderem die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien.

Was heute nach Linkspartei klingt, gehörte zu den ersten wichtigen Erklärungen der noch jungen Partei. Ihre Anfänge nahm diese schon zwei Jahre früher – in Berlin. Betrieben von einem Mann, dessen Name im Gegensatz zu dem von Konrad Adenauer viele nicht mehr kennen.

CDU: 1945 ruft Hermes zur Gründung einer neuen Partei auf

Am 26. Juni 1945 veröffentlichte der Politiker Andreas Hermes mit 35 Gleichgesinnten einen Aufruf zur Gründung der neuen Partei „Christlich-Demokratische Union Deutschlands“ (CDUD) in der Sowjetischen Besatzungszone – nur 16 Tage, nachdem die Sowjets dort die Gründung „antifaschistischer“ Parteien genehmigt hatten. „In der schwersten Krise, die je über ein Land gekommen ist, ruft die Christlich-Demokratische Union Deutschlands aus heißer Liebe zum deutschen Volk die christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte zur Sammlung, zur Mitarbeit und zum Aufbau einer neuen Heimat“, heißt es in dem Aufruf, den Hermes verfasst hatte.

Ein „gewissenloser Diktator“ habe „das eigene Volk und andere Völker getäuscht“. Man stehe vor einem „Trümmerhaufen sittlicher und materieller Werte“. Eine „Wiedergeburt“ sei notwendig: An Stelle des „Zerrbilds einer staatlichen Gemeinschaft“ solle jetzt „der wahrhaft demokratische Staat“ treten. Gefordert wird eine freie Presse, Religionsfreiheit, das Recht der Eltern auf Erziehung (ohne staatlichen Einfluss) und eine Verstaatlichung des Bergbaus und anderer Schlüsselindustrien.

Hermes war zum Tode verurteilt worden

Viele der Erstunterzeichner des Aufrufs hatten vor 1933 der katholischen Zentrumspartei angehört, darunter auch der christliche Gewerkschafter Jakob Kaiser. Hermes war in der Weimarer Republik Landwirtschafts- und Finanzminister gewesen. 1933 hatte er schon vor dem Ermächtigungsgesetz aus Protest gegen die Nationalsozialisten seine öffentlichen Ämter niedergelegt.

Er war im Widerstand aktiv, flüchtete nach Kolumbien ins Exil, kehrte 1939 zurück, um seine Familie nachzuholen und konnte wegen des Kriegsbeginns dann Deutschland nicht mehr verlassen. Wegen seiner Kontakte zu den Widerstandskämpfern vom 20. Juli wurde er Anfang Januar 1945 zum Tode verurteilt. Der Hinrichtung entkam er nur, weil seine Ehefrau mehrmals eine Verschiebung erwirken konnte und weil die sowjetischen Truppen vor der Vollstreckung des Urteils Berlin eroberten. Nach dem Krieg hatte er mit ein paar Mitstreitern die Idee, eine überkonfessionelle Partei zu schaffen.

Weiterer Gründungsaufruf für eine Christlich Demokratische Partei

Kurz danach und unabhängig von der Berliner Initiative kam es auch in der britischen Besatzungszone zu einem Gründungsaufruf für eine Christlich Demokratische Partei (CDP) mit Sitz in Köln. Treibende Kraft war dabei Konrad Adenauer, der bis 1933 Oberbürgermeister in Köln gewesen war, bevor ihn die Nazis aus dem Amt drängten. Weitere Gruppierungen entstanden in den anderen Besatzungszonen. In Bayern gründete sich die Christlich Soziale Union.

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Andreas Hermes sorgte dafür, dass es vom 14. bis 16. Dezember 1945 ein Reichstreffen der regionalen Gruppen in Bad Godesberg gab. Dort einigte man sich auf einen offiziellen Parteinamen: Christlich Demokratische Union. Nur die Vertreter aus Bayern beharrten auf „Christlich Soziale Union“ (CSU). Das „C“ war dabei durchaus umstritten.

Während es bei den katholischen Anhängern beliebt war, betonten die Protestanten die Betonung des Begriffs „demokratisch“. Hermes war selbst bei dem Treffen nicht dabei, wie auch sonst kein Vertreter der CDUD aus der Ostzone: Sie hatten keine Reiseerlaubnis erhalten. Das führte auch dazu, dass Hermes im neuen Machtgefüge der CDU an Einfluss verlor und sich Adenauer mit seinem Führungsanspruch als starker Mann durchsetzen konnte.

Kein Wort zum Holocaust auf dem 1. Parteitag der CDU

Der erste Bundesvorsitzende der CDU wurde Adenauer aber erst fünf Jahre später, obwohl er bereits seit September 1949 Bundeskanzler der Bundesrepublik war. Es dauerte bis zum 20. Oktober 1950, bis die CDU zu ihrem ersten richtigen Bundesparteitag zusammenkam. Als neu gegründete Partei konnte sie anders als die SPD an keine früheren Strukturen anknüpfen. In Goslar waren auch erstmals christdemokratische Gruppierungen aus der französischen und der amerikanischen Zone bei einem überregionalen Treffen dabei, denen ein Zusammenschluss lange untersagt blieb.

Der Parteitag fand unter dem Motto „Einigkeit und Recht und Freiheit“ im Goslaer Odeon-Theater statt. In seiner Eröffnungsansprache beschwor Adenauer die Westbindung in Abgrenzung zu „Sowjet-Russland“, dem er eine „rücksichtslose Ausbeutung durch eine kleine Oberschicht in Form eines totalen Staates“ vorwarf. Der Kampf gegen den „Bolschewismus“ und die Verteidigung christlichen Gedankenguts ist das Herzstück von Adenauers Rede, in dem er dafür plädierte, dass Deutschland auch wieder Teil westlicher Verteidigungsstrukturen werden müsse. Über den Holocaust verlor er kein einziges Wort.

Mit dem Goslarer Parteitag war die CDU endgültig eine Bundespartei

Zurück zum Ahlener Programm. Kerngedanke der Gründerväter war trotz der antikapitalistischen Formulierungen nicht die Abgrenzung vom Kapitalismus, sondern vom Stalinismus. Vor allem sollte die CDU eine christliche Bewegung sein, in der Katholiken und Protestanten vereint auftreten sollten – ein völlig neuer Ansatz. Die Gründer der CDU waren davon überzeugt, dass eine Abwendung vom christlichen Glauben einerseits, aber auch eine zu starke Polarisierung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in der Weimarer Republik verantwortlich für das Aufkommen des Nationalsozialismus gewesen seien.

Die Bundestagswahl in Zahlen
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Das Ahlener Programm hatte denn auch einen „christlichen“ Sozialismus zum Ziel, auch wenn sich der Begriff nicht explizit darin wiederfindet. Schon zwei Jahre später wurde es bereits wieder korrigiert. Mit den „Düsseldorfer Leitsätzen“ wandte sich die CDU vom Gedanken eines „christlichen“ Sozialismus ab und hin zur Idee der Sozialen Marktwirtschaft, von Grünen-Chefin Annalena Baerbock unlängst irrigerweise der SPD zugeordnet.

CDU-Gründervater Andreas Hermes verließ die Politik

Sechzehn Jahre lang blieb Adenauer Vorsitzender CDU, bevor er 1966 von Ludwig Erhardt abgelöst wurde. Und CDU-Gründervater Andreas Hermes? Dieser hatte Ost-Berlin Anfang 1946 verlassen, nachdem die Sowjets seinen Ausschluss aus dem Parteivorstand der Ost-CDU erzwungen hatte. Der Grund: Hermes hatte die Enteignungen im Rahmen der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone kritisiert. Hermes übersiedelte ins Rheinland. Weil er sich aber gegen eine West-Integration der Bundesrepublik gewandt und für bessere Beziehungen zu Osteuropa eingesetzte, geriet er in der CDU ins Abseits.

Die Differenzen mit Adenauer, der in ihm fälschlicherweise einen „Freund der Sowjetunion“ witterte, führten dazu, dass der promovierte Landwirt nicht wie geplant Landwirtschaftsminister in dessen Regierung wurde. Hermes verließ die Politik, gründete den Deutschen Bauernverband und wurde später Präsident des Verbands der Europäischen Landwirtschaft. Im Januar 1964 starb er. 2003 wurde ihm zum 125. Geburtstag eine Briefmarke in der Serie „Aufrechte Demokraten“ gewidmet.