ProSieben-Interview

SPD-Zugpferd Scholz: Ein Aktenkundler aus der Vergangenheit

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Unger
Scholz: Bei den Steuereinnahmen sind wir auf Kurs

Scholz: Bei den Steuereinnahmen sind wir auf Kurs

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat sich nach der jüngsten Steuerschätzung optimistisch gezeigt. Bis 2025 werden demnach Steuermehreinnahmen von zehn Milliarden Euro erwartet - verglichen mit der letzten Schätzung.

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SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei ProSieben: Er mag lieber Bratwurst als Grillgemüse. Ein wenig politisch wurde es dann aber doch.

Berlin. 
  • SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sprach bei ProSieben über seine Ziele
  • Dabei ging es um den Klimawandel, Hartz 4, Israel und viele weitere Themen
  • Doch allzu tief ins Detail durfte Scholz nicht gehen

Um es gleich vorwegzunehmen: Es wird nicht lustig in 45 Minuten Olaf Scholz auf ProSieben. Das hat womöglich auch niemand erwartet. Und vielleicht muss eine Politikerier ein Politiker auch nicht lustig sein. Politik ist kein Witz, wenn Menschen in einer Pandemie sterben und in Nahost ein neuer Krieg ausbricht. Olaf Scholz’ Stärke war nie der Witz – sondern eher das Aktenstudium.

Fachkenntnis ist ein Vorteil in der Politik, eine Art Ladestation, wenn anderen bei der verfassungsrechtlichen Tüftelei zur Rentenreform oder Hartz-IV-Gesetzesnovelle der Akku leerläuft. Aber was ist die Fachkenntnis noch wert, wenn sie nur vorgetragen wird? Und oftmals auch noch belehrend.

Olaf Scholz: Lieber FDP oder die Linke?

Olaf Scholz ist Bundesfinanzminister – und noch viel wichtiger: Kanzlerkandidat der SPD. Am Mittwochabend sitzt er im TV-Studio von ProSieben, vor ihm Moderator Louis Klamroth und Linda Zervakis (genau, die ist nicht mehr bei der Tagesschau!). Erfahren Sie hier mehr über Mitglieder, Minister und Ziele der SPD.

Klamroth und Zervakis geben sich große Mühe, hinter dem Aktenkundler Scholz den Menschen im Kanzlerkandidaten zu erkunden. Im politischen Alltagsgeschäft brauchen die Bürgerinnen und Bürger keinen Wohnzimmer-Blick. Aber im Wahlkampf wollen sie wissen, was für eine Type sie wählen. Lesen Sie hier alles zur Bundestagswahl 2021.

Scholz sagt gleich zu Beginn der Sendung: „Wenn Leute manchmal denken, dass ich nicht so richtig aus mir rauskomme, dann liegt das vielleicht daran, dass sie mich nicht so gut kennen.“ 45 Minuten Sendezeit zur Primetime reichen nicht aus, um Scholz besser kennenzulernen.

Scholz entscheidet sich weder für Kevin Kühnert noch Wolfgang Thierse

Man erfährt: Er mag Bratwurst lieber als Grillgemüse und Instagram lieber als TikTok. Aber ob er Neu-Jungsozialist Kevin Kühnert lieber mag als Altsozialist Wolfgang Thierse, mag er lieber nicht sagen. Und ob er die FDP lieber als die Linke mag – auch nicht. Was man weiß: Er sieht sich als „reich“ an. Und er sieht sich noch immer als „links“. Und über eigene Fehler in der Corona-Krise möchte er lieber nicht reden (auch wenn er natürlich bereit sei, Fehler auch einzugestehen, wenn er welche mache).

Wenn Scholz von sich erzählt, dann lieber aus der Vergangenheit: mit 17 in die SPD, dann bei den Jungsozialisten. Irgendwann landet er bei Helmut Schmidt und dem Mauerfall.

Zervakis und Klamroth geben sich Mühe, stellen kreative persönliche Fragen („Herr Scholz, was sind für Sie eigentlich würdevolle Sanktionen gegen Arbeitslose?“). Klamroth – immerhin kritisch – fällt Scholz zu oft ins Wort, ruiniert die Gesprächsatmosphäre, Zervakis sympathisch, aber irgendwie seicht und still. Lesen Sie auch: Das ist der Termin der Bundestagswahl 2021

Olaf Scholz: Kein kostenloser Nahverkehr

Also, Privates abgehakt. Dann lieber politisch. Schwarzbrot. Das Moderatoren-Team streift durch die Schlagzeilen-Agenda:

  • Herr Scholz, Israel? „Wir erleben schlimme Angriffe auf Israel. Die Hamas hat definitiv die Absicht, Zivilisten zu töten. Solidarität zu Israel ist für mich Staatsräson.“
  • Herr Scholz, Hartz IV? Weniger Sanktionen für junge Menschen. Nicht gleich an das eigene Vermögen gehen, wenn jemand seine Arbeit verliert. „Großzügiger sein, wenn jemand in Not ist und nicht gleich kucken, ob die Wohnung zu groß ist.“
  • Herr Scholz, Klimawandel? „Das ist die größte technologische Herausforderung, die Deutschland je hatte.“ Also, raus aus der Kohle (2038). CO2-Ausstoß massiv reduzieren (68 Prozent bis 2045 im Vergleich zu 1990). Und Ja zum 1,5-Grad-Ziel.

„Dass jeder Mensch Anerkennung und Würde verdiene“

Scholz wolle die Industrie mit Milliarden-Investitionen grüner machen. Er wolle aber trotz Klimaschutz Deutschlands Wohlstand auch nicht verlieren. Und einen kostenlosen Nahverkehr hält Scholz für nicht machbar, wenn dieser zugleich ausgebaut werden soll.

Zu sehr ins Detail darf Scholz nicht gehen, dann stoppt ihn schon das Moderatoren-Team: nächstes Thema, nächste Frage. Vielleicht haben Klamroth und Zervakis im Hinterkopf die Kernklientel von ProSieben, die eher 14 als 49 ist. Und eher schnelle Bilder und TV-Shows gewohnt ist als Polit-Talk. Doch bleibt der Eindruck, dass mit mehr Ruhe und weniger Frage-Gewitter und „Ja-Nein“ und „Entweder-Oder“ mehr für die Zuschauer drinsteckt. Auch für die ganz jungen.

Ihre beste Frage stellt Linda Zervakis ganz am Ende der 45 Minuten Live-Scholz: Kanzler Brandt sei bekannt geworden durch seinen Kniefall von Warschau, Helmut Kohl durch den Mauerfall und Kanzlerin Merkel durch ihr „Wir schaffen das“ – womit wolle Scholz am Ende seiner (derzeit laut Umfragen eher unwahrscheinlichen) Kanzlerschaft in die Geschichtsbücher eingehen, fragt Zervakis.

Olaf Scholz sagt: Dass jeder Mensch Anerkennung und Würde verdiene. Und dass niemand schlecht bezahlt werde.

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