Israel

Raketen auf Tel Aviv: Israelin erzählt von Nacht im Bunker

| Lesedauer: 3 Minuten
Christian Unger
Gewalt im Nahen Osten: Mehrere Tote nach Raketenangriffen

Gewalt im Nahen Osten: Mehrere Tote nach Raketenangriffen

Die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern im Nahen Osten ist trotz internationaler Appelle in den vergangenen Tagen eskaliert. Das israelische Militär hat nach Beschuss aus dem Gazastreifen Luftangriffe gegen die Häuser mehrerer hochrangiger Mitglieder der radikalislamischen Hamas geflogen.

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Die Israelin und Ex-Sonderbotschafterin Melody Sucharewicz berichtet im Interview über die Nacht unter Raketenbeschuss in Tel Aviv.

Berlin . In den vergangenen Stunden erlebte Israel den schwersten Angriff der Hamas aus dem Gaza-Streifen seit mehreren Jahren. Israels Armee reagierte mit Vergeltungsschlägen. Auf israelischer Seite sind von den Angriffen der Hamas diesmal nicht nur Menschen in unmittelbarer Grenznähe betroffen, sondern auch Israelis in Tel Aviv. So wie Melody Sucharewicz.

Die in München geborene Politikberaterin war von 2006 bis 2007 Sonderbotschafterin des israelischen Staates und vertrat international die Interessen des Landes. Heute lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Tel Aviv. Im Gespräch berichtet sie über ihre persönlichen Erlebnisse der vergangenen Stunden.

Frau Sucharewicz, wie ist die Lage jetzt, am Mittwochmittag?

Sucharewicz: Im Moment ist es ruhig. Die Sirenen sind still, es kommen derzeit keine Raketen in Richtung Tel Aviv. Der Süden, an der Grenze zum Gaza-Streifen, steht dagegen weiter im Fokus der Angriffe durch die Hamas.

Wie war die Lage in der Nacht?

Sucharewicz: Die Nacht war sehr unangenehm. Hunderte Raketen der Hamas gingen in Richtung Israel, nicht alle konnte das israelische Militär abfangen. Es gab Einschläge, auch gezielt in Familienhäuser, es gab auch Tote.

Wie haben Sie reagiert?

Sucharewicz: Ich bin derzeit allein mit den Kindern, weil mein Mann in die Reserve des Militärs einberufen wurde. Wir wissen genau, was zu tun ist. In jedem modernen Haus ist im Wohnhaus ein Luftschutzbunker. Eigentlich ist der Raum mein Büro, aber es gibt dort auch Liegen zum Übernachten. Gestern Abend bin ich mit den Kindern direkt in den Bunker gegangen, wir haben die ganze Nacht dort verbracht. Wir hörten die Explosionen. Und man weiß nie, ob das ein Einschlag war oder das Donnern der israelischen Abwehrraketen. Wenn das Donnern der Explosionen näher rückt, dann schütze ich meine Kinder noch mit meinem Körper. Auch im Bunker ist man nicht sicher, wenn es einen direkten Treffer in das Haus gibt.

Wie haben Ihre Kinder die Lage aufgenommen?

Sucharewicz: Zum Glück hat mein vier Jahre alter Sohn durchgeschlafen. Das hat mich sehr erleichtert. Meine sieben Jahre alte Tochter hat jedoch sehr viel mitbekommen, sie hatte Angst und hat auch geweint. Die Kinder fragen mich bei Sirenen und Donnern immer, ob die Rakete uns getroffen hat und wie lange das noch so weitergeht. Ich versuche einerseits, sehr offen mit den beiden zu sprechen und genau zu sagen, was wir machen, wenn Alarm ist. Andererseits versuche ich die Notlage auch spielerisch zu bestehen: Wir machen ein Wettrennen zurück in die Wohnung, oder wir spielen, dass wir uns auf den Boden werfen. Heute nehmen die Kinder auch Spielzeug mit in den Bunker. Wir richten uns darauf ein, dass die Angriffe der Hamas anhalten werden. Die Hamas kann bei der Versorgung mit Raketen auf das Regime im Iran zählen.

Wie ist die Lage in der Stadt, auf den Straßen?

Sucharewicz: Die Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Aber die Supermärkte, viele Geschäfte und die öffentlichen Verkehrsmittel sind geöffnet. Und trotzdem sind die Straßen leer, viele Menschen haben sich zurückgezogen. Nicht aus Angst, sondern aus Pragmatismus. Die Menschen wollen nicht einknicken vor dem Terror. Doch niemand will in dieser Lage zu weit entfernt sein von einem Bunker.

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