Historie

Nahostkonflikt und die Ursachen – Eine Geschichte der Gewalt

| Lesedauer: 14 Minuten
Jan Scharpenberg und Bettina Funk
Bewohner von Sderot: "Das Leben hier ist nicht einfach"

Bewohner von Sderot: "Das Leben hier ist nicht einfach"

Eine Woche nach Beginn der Kämpfe zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas setzen beide Seiten ihre Angriffe unvermindert fort. Im südisraelischen Sderot leben die Menschen in Sorge vor den Raketen aus dem Gazastreifen.

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Erneut eskaliert die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern. Im Überblick klären wir alle wichtigen Fragen zum Nahostkonflikt.

Berlin. 
  • Seit Jahrzehnten eskaliert der Nahostkonflikt immer wieder und führt zu Krieg, Gewalt und Tod
  • Doch der Streit reicht in der Geschichte noch viel weiter zurück
  • Wer ist außer der Hamas und Israel noch daran beteiligt? Was ist eigentlich der Gazastreifen? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick

Wieder einmal eskaliert im Nahen Osten die Gewalt zwischen Palästinensern und Israel mit Toten auf beiden Seiten. Der sogenannte Nahostkonflikt entzündete sich diesmal an einer geplanten Zwangsräumung von palästinensischen Familien in dem von Israel besetzten Ost-Jerusalem. In der Folge kam es dort zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen palästinensischen Demonstranten, Sicherheitskräften und israelischen Extremisten.

Als Reaktion begannen wiederum die palästinensischen Extremisten der Hamas mit dem Raketenbeschuss Israels aus dem Gazastreifen heraus. Auf den anhaltenden Beschuss reagiert das israelische Militär mit Luft- und Artillerieschlägen auf Gaza.

Doch welchen Ursprung hat der Nahostkonflikt? Welche Nationen sind daran beteiligt und was ist eigentlich die Hamas? Die Antworten auf diese Fragen und warum der Kampf um das historische Palästina eine jahrtausendealte Historie hat, lesen Sie in unserem Überblick.

Was versteht man unter dem Nahostkonflikt?

Die Konflikte im Nahen Osten – vor allem zwischen Israel und den benachbarten arabischen Ländern – werden insgesamt als Nahostkonflikt bezeichnet.

Welche Vorgeschichte hat der Nahostkonflikt?

Das Gebiet, das im Nahostkonflikt im Mittelpunkt steht, hat für Juden und Muslime, aber auch für Christen eine besondere geschichtliche und religiöse Bedeutung. Bezeichnet wird das Gebiet häufig mit dem historischen Begriff Palästina. Damit werden grob Israel, die autonomen Palästinensergebiete, südliche Teile Syriens und Jordanien umfasst. Das historische Palästina ist also nicht zu verwechseln mit dem modernen Palästina.

Die Besiedlung des historischen Palästina ist bis in die Altsteinzeit belegt. Als ältester dort ansässiger Volksstamm gelten die Kanaaniter. Daher wird für das historische Palästina auch manchmal das Synonym Kanaan verwendet.

Laut der jüdischen Thora entstand dort 3000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung die monotheisitische jüdische Religion durch Stammvater Abraham. Heutzutage gehen viele Historiker davon aus, dass sich das Volk der Hebräer aus mehreren lokalen Stämmen bildete, die wiederum als Vorfahren der Israeliten gelten. Der Begriff der Juden stammt aus der hebräischen Sprache und bezeichnete sowohl die ethnische Gruppe der Israeliten als auch Mitglieder des jüdischen Glaubens. Rund 1100 Jahre vor Christus übernahmen die Israeliten in Palästina die Macht von den Kanaaitern.

Wiederum tausend Jahre später eroberten die Römer Palästina und machten es zur Provinz Judäa. Die Römer waren es auch die mehrere Aufstände der Juden niederschlugen, zirka 70 v. Chr. den Tempel in Jerusalem zerstörten und die Juden schließlich vertrieben. Die Zerstreuung in viele Teile der Welt ist heute als "Diaspora" bekannt.

Seit dem 16. Jahrhunderte gab es immer wieder Gruppen von jüdischen Einwanderern, die sich in Palästina niederließen. Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand bei einigen Juden der Wunsch, in dem Gebiet einen eigenen Staat zu errichten. Dort lebten jedoch inzwischen viele nicht-jüdische Bewohnerinnen und Bewohner, vor allem Muslime, aber auch Christen. Viele von ihnen sprachen Arabisch.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen wegen verstärkter Ausgrenzung in anderen Ländern (Anitsemitismus) vermehrt jüdische Einwanderer in die Region. Die Spannungen zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung wuchsen.

Welche Ursachen hat der Nahostkonflikt?

1948 wurde der Staat Israel gegründet. Eine Ursache dafür war der Holocaust. Menschen jüdischer Herkunft sollten in Zukunft in einem eigenen Staat sicher leben können. Eine andere Ursache war die Diaspora der Jüdinnen und Juden, die Tatsache also, dass sie keinen eigenen Staat hatten und verstreut in vielen Ländern auf der ganzen Welt lebten. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mehr und mehr Juden und Jüdinnen nach Palästina gezogen. In Palästina lebten sie neben Arabern und Araberinnen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet zunächst von Großbritannien verwaltet – es war damals geplant, dass sowohl ein jüdischer als auch ein arabischer Staat entstehen sollten. Dies beschloss später die UNO in einem Teilungsplan. Als dann 1948 der Staat Israel gegründet wurde, gab es massiven Widerstand von anderen Ländern wie Ägypten, Jordanien oder Syrien. Neben der generellen Ablehnung eines jüdischen Staates waren die arabischen Führer vor allem deshalb gegen den Teilungsplan, weil er aus ihrer Sicht die Rechte der nicht-jüdischen Mehrheitsbevölkerung in Palästina verletzte.

Kritisiert wurde außerdem die Größe und die Qualität des Landes, das den Juden und Jüdinnen zugeteilt wurde. In der Folge gab es immer wieder Kriege zwischen Israel und arabischen Ländern.

Wie hat sich der Nahostkonflikt entwickelt?

Eckpunkte des Konflikts sind der gescheiterte UN-Teilungsplan von 1947, der Palästinakrieg 1948 und ein sich daraus ergebendes Flüchtlingsproblem sowohl auf arabischer als auch auf jüdischer Seite. Rund 750.000 Juden wurden aus arabischen Staaten vertrieben und überwiegend zu israelischen Staatsbürgern, während eine ähnliche Zahl palästinensischer Araber aus Israel / Palästina vertrieben wurde und in umliegende arabische Staaten flüchtete. Da ihnen meistens eine Staatsbürgerschaft verwehrt wird, leben ihre Nachfahren größtenteils als Staatenlose in Jordanien, dem Libanon und Syrien und in offiziellen Flüchtlingslagern.

1967 folgte dann der Sechs-Tage-Krieg, 1973 der Jom-Kippur-Krieg. Später kam es zur Herausbildung eines palästinensischen Nationalbewusstseins vor allem durch die Gründung der PLO, die 1974 von den Vereinten Nationen offiziell als „Repräsentantin des palästinensischen Volkes“ anerkannt wurde, sowie die Einrichtung der völkerrechtlich bis heute nicht überall als Staat anerkannten Palästinensischen Autonomiegebiete. Aus dem diplomatischen und bewaffneten Streben (Intifada) der Palästinenser nach einem Nationalstaat, wie er ihnen im UN-Teilungsplan zugesprochen wurde, resultierte der bis heute andauernde Konflikt mit Israel.

Erste und zweite Intifada: So eskalierte die Gewalt in Nahost
Erste und zweite Intifada: So eskalierte die Gewalt in Nahost

Wer ist am Nahostkonflikt beteiligt?

Auf verschiedene Arten sind wie der Name schon sagt fast alle Staaten im Nahen Osten in den Nahostkonflikt verwickelt. Dies sind neben Israel die wichtigsten.

  • Iran: Nach der islamischen Revolution 1979 entwickelten sich Iran und Israel zu Erzfeinden. Der Iran lehnt die Existenz Israels und deren Unterstützung durch die USA vollständig ab. Zwischen den Nationen gibt es immer wieder mehr oder weniger offene militärische Auseinandersetzungen. Israel wirft dem Iran vor, anti-israelische Terrororganisationen mit Waffen zu versorgen. Die iranische Eliteeinheit namens Quds-Brigaden gibt die Unterstützung der militanten Palästinenser offen zu. Israel wiederum gab 2019 offiziell zu, dass es mehrere Luftangriffe in Syrien durchgeführt habe, um dort iranische Waffenlager zu zerstören. Im Zuge der Verhandlungen um ein internationales Atomabkommen mit dem Iran hat sich die Stimmung zwischen den beiden Ländern noch einmal verschlimmert. Israel drohte der Regierung in Teheran offen mit einem Krieg, sollte es zu einem für Israel schlechten Atom-Deal kommen.
  • Jordanien: Mit dem östlich benachbarten Königreich Jordanien hat Israel seit 1994 einen Friedensvertrag. Über die Hälfte der Bevölkerung Jordaniens hat einen palästinensischen Ursprung. Die Lage zwischen den beiden Nationen ist angespannt. Der größte Konfliktpunkt ist das 1967 von Israel im Krieg mit Jordanien eroberte Westjordanland. Viele Palästinenser sehen in dem Gebiet das Kernland für einen eigenen unabhängigen Staat in der Zukunft. Israels Premier Netanjahu kündete hingegen im vergangenen Jahr Annexionspläne für das Westjordanland an. Bereits seit Jahren betreibt Israel in dem Gebiet eine Siedlungspolitik, die vom UN-Sicherheitsrat als Verletzung des Völkerrechts und als ernsthafte Gefahr für eine Zwei-Staaten-Lösung eingestuft wird. Der jordanische König Abdullah II. sieht einen eigenen palästinensischen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt als einzige Lösung für dauerhaften Frieden in der Region. Das jordanische Königshaus hat seit dem Friedensvertrag von 1994 offiziell die Wächterrolle des Tempelbergs inklusive der Al-Aksa-Moschee inne. Auch darüber entstehen immer wieder Kompetenzstreitigkeiten mit Israel.
  • Libanon/Hisbollah: Der Libanon und Israel befinden sich offiziell noch im Krieg. An der gemeinsamen Grenze kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah. Die Organisation ist sowohl eine Partei als auch eine Milliz. Sie wird von Deutschland als Terrororganisation eingestuft. Die Hisbollah ist im Libanon so mächtig und einflussreich wie keine andere Gruppe und beherrscht de facto große Teile des Landes. Sie ist eng mit dem Iran verknüpft und bekämpft Israel als Erzfeind. Während des aktuellen Konflikts wurden auch Raketen aus dem Libanon auf Israel abgefeuert.
  • Saudi-Arabien/Vereinigte Arabische Emirate (VAR): Das Verhältnis von Israel mit Saudi-Arabien und den VAR hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die VAR und Israel haben 2020 offiziell vereinbart ihre diplomatischen Beziehungen zu normaliseren. Auch mit dem Königshaus in Riad näherte sich Israel an. Saudi-Arabien fordert jedoch weiterhin eine umfassende Lösung der Palästinenserfrage samt der Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaats mit Ost-Jerusalem als dessen Hauptstadt. Die Verbesserung der diplomatischen Beziehungen Israels zu den beiden Staaten wird durch den aktuellen Konflikt stark belastet.
  • Syrien: Israel hat sich zwar nicht offen in den Bürgerkrieg im Nachbarland eingemischt, jedoch mehrere Luftangriffe auf Stellungen im Süden des Landes geflogen. Als Grund gilt die Unterstützung Irans für Syriens Diktator Baschar al-Assad. Israel befürchtet, dass der Iran in Syrien einen militärischen Brückenkopf errichten könnte, um von dort Angriffe auf Israel zu starten.
  • USA: Die Vereinigten Staaten gelten als die Schutzmacht Israels und die Beziehungen beider Länder reichen weit zurück. Bereits der zweite Präsident der USA, John Adams, befürwortete die Gründung eines eigenständigen israelischen Staates. Präsident John F. Kennedy erklärte die Sicherheit Israels zu einem persönlichen Anliegen der USA. Die beiden Nationen teilen zudem ihre Feindschaft zum Iran. Israel erhält von den USA militärische Unterstützung und erhielt bis in die 2000 Jahre auch Wirtschaftshilfe in Milliardenhöhe. Die Vereinigten Staaten sind im Nahostkonflikt mehrfach als Vermittler für eine friedliche Lösung aufgetreten, bisher aber daran gescheitert. Lesen Sie dazu: Das sind Joe Bidens Pläne im Nahen Osten

Was ist der Gazastreifen?

Der Gazastreifen ist ein Gebiet im Südosten Israels. Es grenzt neben Israel an Ägypten und das Mittelmeer. Der Gazastreifen mit seiner Haupstadt Gaza-Stadt gehört zu den palästinensischen Autonomiegebieten. Der Gazastreifen ist um die 40 Kilometer lang und zehn bis 15 Kilometer breit. Israel eroberte das Gebiet im Sechs-Tage-Krieg mit Ägypten 1967 und hielt es bis September 2005 besetzt. Nach blutigen Machtkämpfen mit der gemäßigteren Fatah kontrolliert die Hamas seit 2007 den Gazastreifen. Dort leben derzeit zirka zwei Millionen Menschen unter miserablen Bedingungen und unter einer Blockade Israels.

Was ist die Hamas?

Die Hamas ist sowohl eine politische Partei als auch eine paramilitärische Organisation. Sie betreibt auch mehrere karitative Einrichtungen für Bildung, Gesundheit und Sozialhilfe. Die Hamas gilt als radikal-islamistisch und wird von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Was ist Palästina?

Als Palästina bezeichnet man heute die autonomen palästinensischen Gebiete im Gazastreifen und in Teilen des Westjordanlandes. Dieser palästinensische Staat wird nicht überall auf der Welt anerkannt. Auch Deutschland tut dies nicht. Die Bundesregierung unterhält aber diplomatische Beziehung zu der Regierung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Die UN hat Palästina 2012 mit großer Mehrheit den Status eines Beobachterstaates zuerkannt.

Das historische Palästina hingegen beschreibt das Gebiet, das ungefähr Israel, das südliche Syrien, die autonomen Palästinensergebiete und Jordanien umfasst.

Was haben die Palästinenser bisher erreicht?

Im Rahmen der nach 1993 unterzeichneten Friedensverträge von Oslo erzielen die Palästinenser eine Teilautonomie im Gazastreifen und Westjordanland. Doch Kernfragen des Konflikts etwa über den künftigen Grenzverlauf eines möglicherweise unabhängigen Palästina, die Frage der israelischen Siedlungen und das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge sind bisher nicht abschließend geregelt.

Was wollen die Palästinenser und was Israel?

Die Palästinenserführung fordert einen eigenen Staat im Westjordanland und dem Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt. Sie will zudem ein Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge in ihre alte Heimat, doch Israel lehnt dies ab. Die Palästinenser sind sich jedoch nicht einig. Im Gegensatz zur gemäßigteren Fatah bestreitet die radikale Hamas das Existenzrecht Israels und fordert die gewaltsame Errichtung eines islamischen Palästinas vom Mittelmeer bis zum Jordan.

Israel will vor allem die Anerkennung des eigenen Staates und ein Ende des Terrors. Zankapfel bleibt allerdings die systematische Besiedlung palästinensischen Gebiets im Westjordanland und in Ost-Jerusalem. Dort leben inzwischen rund 600.000 israelische Siedler.

Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?

Als eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts gilt international weitgehend unisono, dass das Gebiet in zwei unabhängige Länder aufgeteilt wird. Dabei soll neben Israel ein demokratisches Palästina entstehen. Doch alle diplomatischen Initiativen für solch einen Ausgang sind bisher gescheitert.

Bisher haben weltweit rund 140 Länder Palästina als souveränen Staat anerkannt, allerdings vertreten die meisten westlichen Länder wie die USA oder Deutschland die Auffassung, dass es einen Palästinenser-Staat erst nach einer Friedenslösung mit Israel geben sollte. Auch die Spaltung zwischen den rivalisierenden Palästinenserorganisationen Hamas und Fatah gilt als großes Hindernis für eine Lösung.

(mit dpa)

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