Covid-19-Pandemie

5000 Corona-Intensivfälle: Für andere Patienten wird es eng

| Lesedauer: 5 Minuten
Julia Emmrich
Corona: Das ist die Lage auf den Intensivstationen

Corona- Das ist die Lage auf den Intensivstationen

Seit einem Jahr ist Deutschland von der Pandemie gelähmt. Auf den Intensivstationen kämpfen die Patienten ums Überleben. Die Gefahr, dass im Zweifelsfall nicht genügend Intensivbetten da sind, ist dabei allgegenwärtig.

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In den Kliniken liegen rund 5000 Covid-19-Intensivpatienten. Für Eingriffe bei Krebskranken oder Hüftpatienten fehlen die Kapazitäten.

Berlin. Seit Wochen warnen Experten exakt vor dieser Lage – jetzt ist sie da: Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten erreicht wieder die Marke von 5000, die Betten auf den Stationen werden erneut knapp, der reguläre Betrieb muss wieder zurückgefahren werden.

Der Bundestag will zwar an diesem Mittwoch nach langem Ringen die Corona-Notbremse beschließen – doch bis die Maßnahmen wirken und die Zahl der Covid-19-Kranken in den Kliniken wieder sinkt, wird es noch lange dauern.

Für reguläre Patienten, die jetzt wochenlang auf ihre Krebsoperation warten müssen oder auf eine neue Hüfte, ist das nicht nur schwer zu ertragen – es kann auch schwerwiegende Folgen haben. Intensivmediziner warnen bei weiter steigenden Zahlen bereits vor einer „Krisenmedizin“.

Andere OPs werden zurückgestellt

Eine aktuelle Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zeigt, wie heikel die Lage ist: Zwar werden in der jetzigen dritten Welle noch nicht wieder so viele Eingriffe abgesagt wie zu Beginn der Pandemie, als die Politik, aufgeschreckt durch die Bilder von Bergamo, die Kliniken in Alarmzustand versetzte. Doch die Zahlen steigen bereits wieder deutlich.

„90 Prozent der Kliniken stellen aktuell mehr als 10 Prozent der Eingriffe zurück, 50 Prozent sogar mehr als 20 Prozent. Bei einzelnen Eingriffen, zum Beispiel beim Hüftgelenksersatz, werden im Schnitt schon wieder 40 Prozent abgesagt“, fasst DKG-Hauptgeschäftsführer Gerald Gaß die Situation zusammen.

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Planbare Eingriffe werden massiv verschoben

Je länger die dritte Pandemiewelle dauere, desto massiver würden die Engpässe bei planbaren Eingriffen. „Wenn sich die Infektionslage in den nächsten Wochen nicht entspannt, werden viele Kliniken an den Punkt kommen, dass sie Operationen nicht nur um ein paar Wochen, sondern um Monate verschieben müssen.“

Was viele vergessen: Die Covid-19-Intensivpatienten der dritten Welle sind im Durchschnitt jünger und bleiben oft viel länger auf der Intensivstation. Das erhöht den Druck auf die Krankenhäuser.

Viele Kliniken haben nur ein Intensivbett für andere Patienten frei

Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), macht eine einfache Rechnung auf: „Die meisten Intensivstationen haben zehn bis zwölf Betten. Um Platz für akute Fälle zu haben – den Herzinfarkt, den Schlaganfall oder den Schwerverletzten nach Autounfall – lässt man in der Regel 20 Prozent frei, also zwei bis drei Betten. Wegen der hohen Belastung durch Covid-19-Patienten sind in vielen Kliniken aber nur noch zehn Prozent oder sogar weniger frei – also nur ein einziges Bett.“

Deswegen würden in den meisten Kliniken inzwischen auch zahlreiche Eingriffe verschoben, bei denen im Anschluss an die OP normalerweise oder bei auftretenden Komplikationen eine Intensivbehandlung notwendig werden könnte.

Intensivmediziner warnen vor dem „Katastrophenmodus“

Doch es kann noch härter kommen: „Wenn die bundesweite Notbremse jetzt nicht schnell greift, brauchen wir in wenigen Wochen die Betten-Notreserve aller Kliniken in Deutschland.“ Marx nennt es Katastrophenmodus: „Wir müssten das Personal aus den anderen Abteilungen abziehen, um die Covid-Patienten und andere akut lebensbedrohlich erkrankte Patienten zu versorgen – aber eben nur noch ausschließlich diese.“

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Das bedeute weniger und schlechtere Versorgung für alle. „Wenn wir deutlich über 6000 Covid-Intensivpatienten kommen, ist im gesamten Krankenhaus nur noch Krisenmedizin möglich.“ Darunter würden dann vor allem Patienten mit großen, aber planbaren Herzoperationen oder onkologische Patienten leiden, deren Tumoroperationen ebenfalls bis auf Weiteres verschoben werden müssen, wenn sie nicht akut lebensbedrohlich sind.

OP-Verschiebung kann zu Verschlechterung führen

In der Praxis passiert das bereits. „Ich möchte nicht von Triage sprechen“, sagt Thomas Seufferlein, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, „aber viele Kliniken müssen jetzt priorisieren: Krebspatienten, deren Zustand medizinisch stabil ist, müssen jetzt häufig zwei oder drei Wochen länger auf ihren Eingriff warten.“

In der Regel sei das medizinisch zu verantworten, bei einigen Tumorerkrankungen könne es aber auch zu Verschlechterungen führen. Und: „Es ist einfach extrem belastend, wenn man drei Wochen auf eine lebensrettende OP warten muss. Eine solche Lage hatten wir vor Corona in Deutschland noch nicht.“

Sollte sich die Infektionslage weiter verschärfen, rechnet Seufferlein damit, dass die Wartezeiten auf planbare Operationen noch deutlich zunehmen. „Im vergangenen Jahr wurden in der ersten und zweiten Pandemiewelle zum Beispiel bis zu 15 Prozent weniger Darmkrebsoperationen durchgeführt, weil nötige Eingriffe verschoben werden mussten. In der aktuellen dritten Welle werden die Zahlen ähnlich hoch sein.“

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