Kanzlerkandidatur

Markus Söder: Wie geht es nach der Niederlage weiter?

| Lesedauer: 9 Minuten
Miriam Hollstein
Söder: "Die Würfel sind gefallen"

Söder: "Die Würfel sind gefallen"

CSU-Chef Markus Söder akzeptiert die Entscheidung des CDU-Vorstands für CDU-Chef Armin Laschet als Kanzlerkandidat der Union.

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Markus Söder hat verloren, Armin Laschet ist nun Kanzlerkandidat der Union. Doch was treibt den bayerischen Ministerpräsidenten an?

Berlin/München. 
  • Markus Söder hat den Machtkampf in der Union verloren - vorerst
  • Der bayerische Ministerpräsident akzeptiert den CDU-Beschluss für Laschet als Kanzlerkandidaten und zieht seine Kandidatur zurück
  • Er werde Laschet ohne Groll und mit voller Kraft unterstützen
  • Lesen Sie hier, was Sie über Markus Söder wissen müssen

Über seine eigene Karriere hat Markus Söder einmal gesagt: „Bei mir waren am Anfang immer alle dagegen“. Gegenwind ist etwas, was Söder anspornt. Verlieren ist in seinem Weltbild nicht vorgesehen.

Diesmal ist sein Machtkalkül nicht aufgegangen. Zurück bleibt eine tief gespaltene Union und ein geschwächter Sieger Laschet. Formal akzeptiert Söder seine Niederlage. Sicher ist aber auch: Niederlagen sind für ihn nur Zwischenetappen – bis er dann doch siegt.

Das war schon im Oktober 1993 so, als Söder als absoluter Außenseiter im Stimmkreis Nürnberg-West um eine Nominierung für ein Landtagsmandat gegen zwei CSU-Mitbewerber antrat. Monatelang tourte Söder die CSU-Ortsverbände, scharte ein junges Unterstützerteam um sich, zielstrebig und mit dem unbedingten Willen zur Macht.

Als „eine Art innerparteilichen Guerillakrieg“ haben seine beiden Biografen Roman Deininger und Uwe Ritzinger diesen ersten großen Wahlkampf des Markus Söder beschrieben. Er gewann ihn zur Überraschung aller – und vor allem des favorisierten Gegenkandidaten - im ersten Durchgang mit 42 von 77 Stimmen.

Seehofer wollte Söder als CSU-Chef verhindern

Jahre später setzte sich Söder mit der gleichen Methode als Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender durch. Dabei hatte sein Vorgänger Horst Seehofer alles getan, um ihn zu verhindern. Er hatte Ilse Aigner nach Berlin zurückgeholt, um für seine Nachfolge eine populäre Politikerin an der Seite zu haben. Sie war dem Söderschen Ränkespiel nicht gewachsen.

Zum Schluss versuchte Seehofer in seiner Verzweiflung, den über seine Doktorarbeit gestürzten Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu reaktivieren. Auch dies misslang. Söder wurde bayerischer Ministerpräsident, dann CSU-Chef.

Diesmal war Armin Laschet sein Gegner. Seit Wochen hat Söder, der im Dreikampf um den CDU-Vorsitz noch am meisten mit Laschet sympathisierte, daran gearbeitet, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten zu demontieren.

Als Kanzlerin Angela Merkel Laschet im TV-Talk von „Anne Will“ Laschet wegen seiner Pandemie-Politik kritisierte, stichelte Söder, es sei doch sehr seltsam, wenn der CDU-Vorsitzende mit der CDU-Kanzlerin ein halbes Jahr vor der Wahl streitet“.

Söder wollte zur Kandidatur gerufen werden

Lange war unklar, ob Söder die Kandidatur wirklich anstrebt. Eigentlich wollte er gerufen werden. Erst als das nicht klappte, bot er bei der Klausur des Unionsfraktionsvorstands vor einer Woche in Berlin seine Kandidatur an, wenn die CDU dies wolle. Als die CDU-Führungsgremien am Tag danach Laschet den Rücken stärkten, änderte Söder flugs die Strategie. Nun ging es nicht mehr um die CDU, sondern um die „Breite der CDU“, die über die Kanzlerkandidatur entscheiden solle. Wer damit gemeint war, ließ er offen.

Es ist ein typischer Söder-Schachzug. Spielregeln haben für ihn keine Bedeutung, wenn sie ihn vom Sieg abhalten. Den Schaden, den der Streit für die Union auslöste, nahm er dafür billigend in Kauf.

Söder: Die CDU entscheidet die K-Frage allein
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Sicher ist auch: Söders Ziel war immer, bayerischer Ministerpräsident zu werden. Kanzler war hingegen nie sein Lebenstraum. Schon früher hätte er als Minister nach Berlin wechseln können, doch Söder lehnte ab. „Mein Platz ist in Bayern“, betonte er lange Zeit gebetsmühlenartig. Dann Anfang April beim TV-Talk „Lanz“ die überraschende Wende: „Mein Platz ist überall.“

Söder dürfte Laschets Zähigkeit unterschätzt haben

Berlin kann Söder nichts abgewinnen. Als bayerischer Finanzminister strebte er 2013 einer Verfassungsklage, weil Bayern als Geberland für die notorisch klamme Hauptstadt aufkommen muss (sie wurde 2017 wieder zurückgezogen). Doch die Aussicht, ins wichtigste Regierungsamt zu kommen, muss am Ende stärker gewesen sein. Mit dem Widerstand von Teilen der CDU und der Zähigkeit von Armin Laschet hatte er nicht gerechnet.

Aber wer ist Söder? Geboren 1965 in Nürnberg als erstes Kind eines mittelständischen Bauunternehmers, verliert er seine Mutter bereits früh. Als Jugendlicher hat er ein Plakat von Franz Josef Strauß im Zimmer hängen und engagiert sich in der Jungen Union, macht ein Einser-Abitur und Wehrdienst, beendet sein Jura-Studium nach dem Ersten Staatsexamen und macht lieber ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk statt Juristenkarriere.

Nebenbei treibt er mit brennendem Ehrgeiz und ungeheurem Einsatz seine politische Karriere voran. 2003 macht ihn Edmund Stoiber zum CSU-Generalsekretär, 2007 wird er Europaminister im Kabinett von Günther Beckstein und hat danach diverse Ministerposten in der bayerischen Regierung inne – auch unter seinem späteren Erzfeind Horst Seehofer.

Als Finanzminister verteilt Söder das Geld großzügig

Als Finanzminister hat er den Ruf, nach dem Gießkannenprinzip großzügig finanzielle Förderungen zu verteilen und damit seine Beliebtheit in Bayern ungemein zu erhöhen. Das kommt ihm im späteren Machtkampf gegen Seehofer zugute. Dieser wird immer öffentlicher ausgetragen. Seehofers Formulierung, der Söder 2012 „zu viele Schmutzeleien“ vorwarf, ist dabei legendär.

Sein Privatleben schirmt Söder weitgehend ab. Verheiratet ist er mit der Bauunternehmerin Karin Baumüller-Söder, das Paar hat drei Kinder, Söder noch eine ältere Tochter aus einer früheren Beziehung. Über das Familienleben spricht Söder kaum, lediglich die beiden Hunde Molly und Bella werden gelegentlich erwähnt.

Offenherziger war Söder in der fränkischen Fastnacht. Da sorgte er mit spektakulären Kostümen für Aufsehen, wobei das Verspielte der früheren Jahre (Marilyn Monroe, Shrek, Homer Simpson) zunehmend „seriöseren“ Kostümen wich (Prinzregent Luitpold von Bayern). Zuletzt kam Söder als Söder, ohne Verkleidung.

Söder setzte sich in der Pandemie früh für strengen Kurs ein

Aber Söder ist auch einer, der Stimmungen früh erspürt und sich an ihre Spitze setzt. In der Pandemie begriff er früh die Gefahr und schlug von Anfang einen Kurs der strengen Auflagen ein – zu einem Zeitpunkt, als die Mehrheit der Deutschen noch unentschieden war. Das hätte ihn alles kosten können. Stattdessen gewann er. In den Umfragen schoss er an die Spitze. 2018 war er noch der unbeliebteste aller Ministerpräsidenten gewesen. Für niemand dürfte die plötzliche Welle der Sympathie überraschender gewesen sein als für Söder selbst.

Zuvor hatte er auch seine politischen Positionen ähnlich häufig gewechselt wie seine Kostüme. Stets die Umfragen im Blick, entwickelte er sich so vom Grünen-Hasser zum Grünen-Kuschler. 2016 warnte er noch vor schwarzgrünen Koalitionen („Alle, die von Schwarz-Grün träumen, müssen wissen, dass die Grünen in Bündnissen schon die SPD schleichend entkernt haben. Das darf der Union nicht passieren“).

Bei der bayerischen Landtagswahl 2018 profilierte er sich eher rechts. Nach deutlichen Verlusten für die CSU und starken Zugewinnen für die Grünen folgte eine 180-Grad-Wende. Mal schwärmte er im Doppelinterview mit Grünen-Chef Robert Habeck vom „großen Reiz“ eines solchen Bündnisses, mal umarmte er Bäume. Zwischendurch erinnerte er daran, dass er schon als bayerischer Umweltminister für die „Bewahrung der Schöpfung“ gewesen sei.

Nun steht fest: Annalena Baerbock wird die Grünen als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf führen. Lesen Sie hier: Kommentar: Was für Annalena Baerbock als Bundeskanzlerin spricht

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Söder und die Kanzlerin: Ein wandelbares Verhältnis

Ähnlich wandelbar wie das zu den Grünen ist auch Söders Verhältnis zur Kanzlerin. Ihre Asylpolitik nannte er „einen grundlegenden Fehler“, drohte damit, die CSU werde sie im Bundestagswahlkampf 2017 nicht unterstützen. 2018 kokettierte er damit, zur Abschlusskundgebung seines Landtagswahlkampf nicht Merkel, sondern den österreichischen Kanzler Sebastian Kurz geladen zu haben.

Doch in der Pandemie trug er ihren rigorosen Kurs von Anfang an mit. Seither wird Söder nicht müde, Merkels Meriten zu betonen. Die Kanzlerin, sonst eher wenig anfällig für strategische Schmeicheleien dieser Art, ließ sich ihrerseits im vergangenen Sommer gern von ihm unter großem Pomp am Chiemsee empfangen. Sie widersprach auch nicht, als er unlängst ein gutes Verhältnis zur Voraussetzung für die Kanzlerkandidatur erklärte.

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