Kommentar

Ungeklärte K-Frage der Union: Spiel mit dem Wahlsieg

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörg Quoos
CDU und CSU: Immer wieder Streit um Kanzlerkandidatur

CDU und CSU- Immer wieder Streit um Kanzlerkandidatur

Der Streit zwischen Söder und Laschet ist nicht der erste in der Union. Die Schwesterparteien haben auch in der Vergangenheit mit der K-Frage zu kämpfen: Ein Rückblick auf die großen Machtkämpfe.

Beschreibung anzeigen

Die Union muss sich in der K-Frage schnell entscheiden – und kann dabei vom politischen Gegner lernen, meint Chefredakteur Jörg Quoos.

Das bei Kindern sehr beliebte Spiel „Verkehrte Welt“ ist seit dieser Woche endgültig in der Welt der erwachsenen Politiker angekommen. Es ist die wichtige Kür des Kanzlerkandidaten und der Start in die heiße Phase des Wahlkampfs, bei denen Grüne und Union endgültig die Rollen getauscht haben.

Während sich CDU und CSU mit selbstzerstörerischen Scharmützeln oppositionsreif schießen, kann man gleichzeitig die neue grüne Professionalität bestaunen. In einem perfekt orchestrierten Verfahren wird die Partei am Montag die Spitzenpersonalie verkünden und hat es geschafft, dass die Solidarität unter dem „Team Baerbock“ und dem „Team Habeck“ auch auf den letzten Metern hält.

Vorbei die Zeiten, in denen Grünen-Chefs die Farbbeutel um die Ohren flogen und Partei-Irrlichter kurz vor dem wichtigen Wahltermin fünf Euro für den Liter Sprit forderten oder Schnitzelfans mit einem „Veggie Day“ auf die Barrikaden trieben.

Dafür wirkt die Union jetzt wie eine zerstrittene Sponti-Truppe, bei der nur noch Sitzstreik und Eierwerfer fehlen. Sie hat auch am Tag vier nach dem Zusammenprall ihrer beiden Vorsitzenden keine Idee, wie man den eigenen Kanzlerkandidaten überzeugend bestimmt und damit beim Wähler eventuell doch noch punktet.

Für die Union ist diese verkehrte Welt brandgefährlich. Das Hickhack zwischen Armin Laschet und Markus Söder kann den Vorsprung, den die Union noch vor den Grünen hat, gefährden. Die Umfragen sind volatil und der Abstand war schon auf vier Punkte geschrumpft. Das heißt: Die große Volkspartei CDU, die schon Kanzler gestellt hat, bevor die Grünen in Latzhosen und mit Blumentöpfen ins Parlament einzogen, ist für die Ex-Protestpartei durchaus einholbar.

Man braucht nicht viel Fantasie, um die weitere Entwicklung zu beschreiben. Wenn die Grünen Anfang der Woche ihren Spitzenmann/Spitzenfrau überzeugend präsentieren und die Union 24 Stunden später mit einem zerbeulten Kandidaten und einer gespaltenen Fraktion hinterherkleckert, kann sich die Wählergunst weiter verschieben.

Dann geht es am 26. September auch nicht mehr um die Frage: Zieht Laschet oder Söder in das von Angela Merkel geräumte Kanzleramt ein? Sondern dann lautet die Frage: Ist im Kanzleramt überhaupt noch Platz für einen Spitzenmann der Union?

Daher müssen die zerstrittenen Schwestern jetzt schnell und entschlossen diese Krise beenden und zeigen, dass sie begriffen haben, wo ihr wirklicher politischer Gegner steht. Nur dieser profitiert von dem Schauspiel, das wir erleben.

Mit dem Streit auf offener Bühne betonen die beiden Vorsitzenden schließlich nicht ihre Stärken, sondern ihre Schwächen. Bei Armin Laschet sind es die schlechten Zustimmungswerte. Und bei Markus Söder ist es die Egomanie, die auch vor Zerstörungen nicht haltmacht.

Besonders verrückt ist bei diesem Streit: Inhaltlich gibt es eigentlich kein Konfliktpotenzial zwischen den Vorsitzenden. Das war längst nicht immer so. Auf allen wichtigen Politik-Feldern unterscheiden sich die Parteichefs nur in Nuancen. Sogar ihr Verhältnis zur Kanzlerin ist vergleichbar. Armin Laschet war schon immer im Team Merkel. Und Markus Söder hat sich längst dort artig eingereiht.

Der Schlamassel ist also völlig ohne Not und hausgemacht. Und wenn die Union nicht spätestens bis zum Ende dieses Wochenendes Klarheit über ihren Kanzlerkandidaten schafft und den Grünen tatsächlich die Bühne überlässt, dann ist ihr wirklich nicht mehr zu helfen.