Analyse

Kanzlerkandidatur: Schadet sich Söder mit seinem Zündelkurs?

| Lesedauer: 4 Minuten
Michael Backfisch
Machtkampf in der Union um die K-Frage spitzt sich abermals zu

Machtkampf in der Union um die K-Frage spitzt sich abermals zu

CDU-Chef Armin Laschet und CSU-Chef Markus Söder haben sich breite Rückendeckung ihrer Parteien für eine Kanzlerkandidatur geholt. Während Laschet nach Sitzungen mit CDU-Präsidium und -Vorstand in Berlin auf eine rasche Klärung der Personalfrage drängte, forderte Söder noch mehrere weitere Gespräche.

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Er wäre der erfolgversprechendere Kanzlerkandidat. Doch durch seinen Parforce-Ritt gegen Armin Laschet beschädigt Söder die Union.

Berlin.  Markus Söder sucht die offene Machtprobe. Das breite Votum der CDU-Führungsgremien für Armin Laschet als Kanzlerkandidat der Union: Makulatur. Der vor Selbstbewusstsein strotzende Ministerpräsident aus Bayern gibt plötzlich den Volkstribun. Die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, die Landesverbände sollten gehört werden, fordert er. Und natürlich seien die Meinungsumfragen, in denen Söder seit Monaten haushoch vor Laschet führt, ein wichtiges Kriterium.

Es ist ein offener Aufruf an seine Unterstützer in der Union, jetzt ins Söder-Lager zu wechseln. Und es ist eine blanke Misstrauenserklärung an Laschet, mit dem er der Union indirekt ein Desaster prophezeit. Wer auf aktuelle Umfragedaten schaue, sehe, dass früher sichere schwarze Wahlkreise „jetzt grün im Süden, rot im Westen und blau im Osten“ seien, warnt er.

Alle aktuellen Entwicklungen zur K-Frage der Union lesen Sie in unserem Newsblog.

Markus Söder nutzt Populismus als politische Waffe

Söder hält sich für denjenigen, der den Abwärtstrend für CDU/CSU drehen kann. Dabei hat er den Populismus als politische Waffe entdeckt. Die Führungsgremien und Institutionen der Partei will er umgehen, politische Legitimation speist sich für ihn aus der breiten Zustimmung der Bevölkerung.

Auch andere kamen mit der Populismus-Karte zum Ziel. Frankreichs Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron trat aus der Partei der Sozialisten aus, präsentierte sich als Anti-Establishment-Kandidat und wurde so in den Elysée-Palast getragen. Donald Trump wetterte gegen den „politischen Sumpf“ in Washington, traf damit einen Nerv in der Bevölkerung und eroberte als Quereinsteiger das Weiße Haus.

Bundestagswahl 2021: Die Union ist programmatisch ausgebrannt

Söder hat durchaus gewichtige Argumente auf seiner Seite. Nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel ist die Union programmatisch ausgebrannt und erschöpft. Ein Aufbruch täte not. Sowohl, was politische Inhalte, als auch personelle Frische angeht.

Die Grünen bieten das an. Der Kampf gegen Klimawandel, Umweltschutz, Digitalisierung-Offensive sind Themen, die auch in bürgerlichen Milieus auf Widerhall stoßen. Mit Robert Habeck oder Annalena Baerbock als Kanzlerkandidat bzw. Kanzlerkandidatin hat die Partei ein unverbrauchtes Gesicht. Es ist wie an der Börse eine Wette auf die Zukunft – ob die Hoffnungen am Ende eingelöst werden, ist freilich eine andere Frage.

Söder: Basis muss in K-Frage gehört werden
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Söder könnte der Union Erfolg bringen – aber nur mit Rückendeckung

Söder wäre der interessantere und vermutlich auch erfolgversprechendere Kanzlerkandidat der Union – vorausgesetzt, er hätte die Rückendeckung durch CDU und CSU. Er ist wandlungsfähig, opportunistisch und offeriert viele Projektionsflächen. Als immigrationskritischer Kämpfer gegen die AfD vertrat er in der Vergangenheit stramm konservative Positionen, neuerdings gibt er sich als schwarz-grüner Bannerträger der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie.

CDU-Chef und NRW-Ministerpräsident Laschet ist hingegen die Fortsetzung des Merkelismus mit nettem Gesicht: integrativ, aber konturenlos. Es ist nicht auszuschließen, dass die Union mit ihm an der Spitze bei der Bundestagswahl ein desaströses Ergebnis einfährt. Aber die Führung der CDU hat nicht strategisch gedacht, sondern sich an der Parteilogik orientiert. „Ja nicht den erst vor drei Monaten gekürten Vorsitzenden beschädigen“, lautete das Mantra.

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Macht Söders Ehrgeiz ihm einen Strich durch die Rechnung?

Dennoch ist Söders populistischer Zündelkurs gefährlich. Hätte er nach dem Pro-Laschet-Votum von CDU-Präsidium und -Bundesvorstand eingelenkt und dem Kontrahenten die Unterstützung im Wahlkampf zugesagt, wäre er der Team-Player, der seinen Ehrgeiz zügeln kann und großmütig verzichtet. Seine Position wäre gestärkt.

Diesen Zeitpunkt hat der Bayer verpasst. Jetzt steht er als machtversessener Alpha-Mann da. Sein Parforce-Ritt wird bei vielen in der CDU zu einer Solidarisierung mit Laschet führen. Selbst wenn Söder – gegen alle Wahrscheinlichkeit – seine Kanzlerkandidatur doch noch durchdrücken könnte, wäre die Union zerrissen und schwer beschädigt. Es bleiben tiefe Verletzungen zurück. Für Söder wäre es ein Pyrrhussieg.

Lesen Sie hier, wie Söder den Machtkampf doch noch gewinnen will. Unsere Chefreporterin Miriam Hollstein sieht allerdings kaum noch Chancen für Söder, über Armin Laschet zu triumphieren..

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