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Amazon blamiert sich bei Gewerkschaftswahl in den USA

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexander Klay
Milliardär Jeff Bezos: Das ist der Amazon Gründer

Milliardär Jeff Bezos- Das ist der Amazon Gründer

Der Amazon-Grüner Jeff Bezos gründete 1994 den Online-Buchhandel. Heute wird sein Vermögen auf 188 Milliarden Dollar geschätzt. Im Feburar 2020 tritt er als Chef von Amazon zurück: Bezos will mehr Zeit in andere Projekte investieren.

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Mit allen Mitteln stellte sich Amazon gegen eine historische Gewerkschaftswahl in den USA. Für den Konzern schon jetzt ein PR-Desaster.

Berlin/Bessemer/Leipzig. Amazon hat innerhalb von 27 Jahren eine beispiellose Geschichte geschrieben: Vom Schreck des Buchhandels zum weltumspannenden Handelskonzern. Gründer Jeff Bezos ist reichster Mann der Welt geworden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diesen Erfolg ermöglicht haben, klagen dagegen über niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Jetzt könnten sie Geschichte schreiben.

Erstmals hat eine Gewerkschaft in den USA gute Chancen, eine Vertretung in einem Logistikzentrum von Amazon zu gründen. Die 5800 Beschäftigten in Bessemer im südöstlichen Bundesstaat Alabama haben darüber abgestimmt. Seit Dienstag läuft die Auszählung der Stimmen. Während das Ergebnis noch offen ist, gerät die Wahl für den Konzern zu einem PR-Desaster – kleinlaut gestand Amazon am Osterwochenende ein, dass Lieferfahrer unter Zeitdruck Urinflaschen nutzen müssen.

Bislang haben Gewerkschaften bei dem Online-Handelsgiganten in den USA gar nichts zu melden. Amazon ist mit 800.000 Mitarbeitern zweitgrößter Arbeitgeber des Landes, nur die Supermarktkette Walmart beschäftigt noch mehr Menschen. Auch in Deutschland sind die Fronten zwischen Amazon und der Gewerkschaft Verdi seit Jahren verhärtet.

Amazon: Sieg der Gewerkschaft könnte Dominoeffekt auslösen

Die Abstimmung in Alabama wird überall in den USA aufmerksam verfolgt. Erwartet wird ein knappes Ergebnis. Schließen sich die Mitarbeiter der US-Handelsgewerkschaft RWDSU zusammen, wäre das womöglich nicht nur ein historischer Wendepunkt für Amazon. In den vergangenen Jahrzehnten sind immer weniger Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert, zuletzt waren es weniger als elf Prozent. Gelingt die Wahl, könnte das Vorhaben im ganzen Land Nachahmer bei Amazon und anderen Unternehmen finden, schreiben US-Medien.

Die Gewerkschaft will für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicherere Arbeitsbedingungen und faire Löhne erstreiten. In der Corona-Krise hatte es immer wieder Berichte über angeblich unzureichenden Infektionsschutz bei Amazon gegeben. Beschäftigte klagen über das strapaziöse Arbeitspensum und angebliche Überwachung. „Ich bin stolz auf die Arbeiter bei Amazon, die aufstehen und sagen: ‘Es reicht’“, sagt der örtliche RWDSU-Vorsitzende Joshua Brewer.

Der Handelsgigant meint, seinen Beschäftigten gute Bedingungen zu bieten. Amazon zahle einen der im Branchenschnitt höchsten Löhne, biete umfassende Nebenleistungen ab dem ersten Tag im Job, Karrieremöglichkeiten und ein sicheres und modernes Arbeitsumfeld. Zudem wurde die Bezahlung deutlich angehoben.

Wahlkampf um Gewerkschaftswahl gerät zur Schlammschlacht

Für Amazon geht es um viel. Wohl auch deshalb geriet der Wahlkampf, bei dem US-Präsident Joe Biden die Gewerkschaft unterstützt hatte, zu einer Schlammschlacht. „Mitarbeitern 15 Dollar Stundenlohn zu zahlen, macht einen nicht zu einem ‘fortschrittlichen Arbeitsplatz’, wenn man gegen Gewerkschaften vorgeht und Beschäftigte in Wasserflaschen urinieren“, schimpfte der demokratische Abgeordnete Marc Pocan.

Seit Jahren kursieren Berichte über Amazon-Lieferfahrer, die aus Zeitdruck nicht auf Toilette gehen können. Der Konzern schoss in zurück: „Sie glauben nicht wirklich die Sache mit dem in die Flasche pinkeln? Wenn das wahr wäre, würde niemand für uns arbeiten.“ Ein blamables Eigentor, wie Amazon am Osterwochenende eingestehen musste.

Das US-Portal „Buzzfeed“ veröffentlichte wenig später Dienstanweisungen einer für Amazon tätigen Lieferfirma, in denen Fahrer dazu aufgerufen wurden, „Urinflaschen“ nach Schichtende aus ihren Vans zu entsorgen. Und das Investigativportal „The Intercept“ postete Dokumente einer Amazonlogistics-Managerin: In Lieferzentren würden keine Tüten mit „menschlichen Fäkalien“ geduldet.

Das führte dazu, dass Amazon am Karfreitag kleinlaut zurückrudern musste. Die Aussage sei nur auf die Logistikzentren bezogen gewesen, nicht auf die große Zahl an Lieferfahrern. „Das war ein Eigentor, wir sind unglücklich darüber und schulden dem Abgeordneten Pocan eine Entschuldigung“, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

Auch gestand Amazon ein, man wisse um die Nöte der Fahrer – dass sie etwa wegen der Verkehrslage oder in abgelegenen Gebieten Probleme hätten, Toiletten zu finden. Dies sei vor allem in der Corona-Krise mit vielen geschlossenen öffentlichen Toiletten der Fall.

Der Handelskonzern kündigte an, das Urinflaschen-Problem lösen zu wollen. „Wir wissen zwar noch nicht wie, aber wir werden nach Lösungen gucken“, heißt es in der Mitteilung. Und sollten Mitarbeiter in den Logistikzentren nicht „jederzeit“ die Möglichkeit zum Toilettengang haben, ermutigt Amazon sie dazu, dies bei ihrem Vorgesetzen anzusprechen.

Konzern wehrte sich mit allen Mitteln gegen Abstimmung

Auch im Logistikzentrum in Bessemer selbst hatte die Leitung zuletzt jede Gelegenheit genutzt, um die Gewerkschaft als unnötig darzustellen – auf Konferenzen, mit einer Internetseite und sogar mit Flyern auf der Toilette. Zuletzt hatte der Konzern auch noch versucht, die Abstimmung hinauszuzögern – blitzte aber bei der US-Arbeitnehmerschutzbehörde ab.

Auch in Deutschland hat Amazon seit Jahren Ärger wegen der Arbeitsbedingungen. Hier gibt es zwar Betriebsräte, aber die Gewerkschaft Verdi fordert einen Tarifvertrag für die Beschäftigten. Seit 2013 wird deswegen immer wieder gestreikt, und immer mit überschaubaren Auswirkungen.

Vor dem Osterwochenende hatten Mitarbeiter in Rheinberg, Werne, Koblenz, Leipzig und an zwei Amazon-Standorten in Bad Hersfeld die Arbeit niedergelegt. Nach Verdi-Angaben beteiligten sich 2000 Mitarbeiter. Laut Amazon seien mehr als 90 Prozent der Beschäftigten in den Logistikzentren planmäßig erschienen. Die Beschäftigten profitierten von „exzellenten Löhnen, exzellenten Zusatzleistungen und exzellenten Karrierechancen“, erklärte der Konzern.

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Man arbeite eng mit den Betriebsräten zusammen. „Wir beweisen jeden Tag, dass wir auch ohne Tarifvertrag ein guter Arbeitgeber sind“, betonte Amazon. Gewerkschafter entgegneten, die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat sei nicht so, wie von Amazon dargestellt. Zwei Mal habe das Unternehmen die Betriebsratswahl in Leipzig angefochten.

Einsteiger verdienen 11,30 Euro in der Stunde

Amazon zahlt in Deutschland je nach Standort einen Einstiegslohn von 11,30 Euro bis 12,70 Euro brutto. Nach zwölf und 24 Monaten steige dieser automatisch. Nach zwei Jahren verdienten Mitarbeiter durchschnittlich 2600 Euro brutto im Monat.

Der Konzern hat enorm vom Bestellboom in der Corona-Pandemie profitiert und seinen Nettogewinn im vergangenen Jahr auf nahezu 21 Milliarden Dollar verdoppelt. Um die Nachfrage zu bewältigen, will Amazon seine Mitarbeiterzahl in Deutschland in diesem Jahr um 5000 auf 28.000 steigern.

Der Versandhändler verdiene sich an der Krise „eine goldene Nase“, kritisierte Verdi. Bei den Beschäftigten herrschte dagegen „permanente Arbeitshetze und Leistungskontrolle“. Auch in anderen Ländern wehren sich die Arbeitnehmer zunehmend gegen Amazon. In Italien gab es vor Ostern die ersten Streiks bei Amazon. Die Beschäftigten protestierten fühlen sich überlastet. (mit AFP/dpa)

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