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Vier junge Afghanen: Vom Schlamm auf Lesbos bis ins Wendland

| Lesedauer: 12 Minuten

5 Tipps um im Alltag gegen Rassismus vorzugehen

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Rassismus ist ein ein ständiger Begleiter in unserer Gesellschaft. Wichtig ist es vor allem für Betroffene da zu sein und aufeinander zu achten. Wie man das schaffen kann, sehen Sie im Video.

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Vier junge Afghanen erleben im Wendland das Ende ihrer Flucht. Aber das Trauma bleibt. Und Corona macht die Sache nicht leichter.

Dannenberg . Die Turnschuhe quietschen auf dem Gummiboden. Assef springt ab, reckt die Arme hoch, pariert. Der Ball fliegt am Tor vorbei. Manuel Neuer, Bayerns Nummer eins im Tor, hatte er vorher noch mit Teenager-Glitzern in den Augen erzählt, sei sein Lieblingsspieler.

An diesem Tag im März ist der Fußball für Assef nicht nur Schwitzen und Rennen. Der Fußball macht auch seinen Kopf für den Moment frei. 90 Minuten Durchpusten nach einer monatelangen Flucht.

Bis zum vergangenen Herbst hockte Assef, ein Junge aus Afghanistan, noch im Sand und Schlamm auf der griechischen Insel Lesbos. Jetzt rennt er durch die Turnhalle am Stadtrand vom niedersächsischen Dannenberg, umgeben von Wäldern und Elbtalauen.

Wenige Toiletten, wenig Wasser – das Leben im Lager von Lesbos

Im Flüchtlingscamp in Griechenland teilte sich Assef ein Zelt mit einigen anderen jungen Afghanen. Wenn es regnete, war alles voll Schlamm. Wenn die griechische Sonne auf die Plastikplane brannte, stauten sich Staub und Luft. Es fehlten Toiletten, manchmal sogar ausreichend Wasser.

Jetzt teilt Assef sich eine ganze Turnhalle mit Mohammad, Ramazan und Said für den Nachmittags-Kick. Vier junge Menschen, gerade 15 und 16 Jahre alt, als sie aus ihrer Heimat in Afghanistan fliehen, suchen einen neuen Alltag in Deutschland, mitten im Wendland. Mitten in der Corona-Pandemie.

Am Beginn dieses Nachmittags möchte Assef erstmal nicht viel sagen. Er sitzt auf einem Stuhl in der Aula einer Schule am Rand von Dannenberg, trägt einen Kapuzenpullover, darüber eine Daunenjacke, er nestelt an seiner Atemschutzmaske. Sein Gesicht ist kantig, sein Blick ist meist nach unten gerichtet. Es wird dauern, bis er ein wenig erzählt. Bis er auch mal lächelt.

Angst, Skepsis und Misstrauen

Mit Angst, Skepsis und Misstrauen im Gepäck kommen viele junge Geflüchtete nach Deutschland. Wer ein Leben lang vor allem Krieg erlebt und ein Jahr im Dreck von Lesbos zeltet, braucht Zeit, bis er dem Frieden vertraut. Und jetzt, erst ein paar Monate nach der Ankunft in Deutschland, will auf einmal ein Reporter so viel von Assef wissen.

Am 11. November 2020 verschickte das Bundesinnenministerium eine E-Mail. Überschrift der Pressemitteilung: „Weiterer Flug aus Griechenland mit kranken Kindern und ihren Kernfamilien sowie unbegleiteten Minderjährigen in Hannover gelandet“.

Am Vormittag kamen 117 Menschen am Flughafen Hannover an. 18 Familien und 43 Minderjährige. Der deutsche Staat verteilte sie nach Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und in andere Bundesländer. Assef, Mohammad, Said und Ramazan landen im Wendland.

Sebastian Franke, der an diesem Märztag mit den jungen Afghanen Fußball in der Halle spielt, ist damals schon bei ihnen, an ihrem ersten Tag in Deutschland. Am Flughafen erklärte er den vier Jungen erst einmal, wer er ist, wo sie hinkommen, was sie erwartet.

Die jungen Afghanen sind in einem alten Krankenhaus im Wendland untergebracht

Über Monate wussten die vier Jungen nicht, was am nächsten Tag mit ihnen passieren würde. Ob sie Ärger bekommen würden im Lager von Lesbos, ob sie geschlagen werden oder ausgeraubt, vielleicht vergewaltigt. All das, so berichten es Mediziner und Helfer vor Ort, sei Alltag im Camp von Lesbos.

Heute schlafen sie in einem alten Krankenhaus in Dannenberg, Flachbau, gelber Stein. Dort, wo einst Patienten behandelt wurden, steht ein Schrank, ein Bett aus hellem Holz, ein Schreibtisch auf blauem Teppich, auf dem Tisch neben dem Bett ein Fernseher. Ramazan hat sogar eine Gitarre, im Gemeinschaftsraum steht ein Kamin. Die vier Afghanen – sie könnten auch Jungs auf Klassenfahrt in einer Jugendherberge in Niedersachsens dichten Wäldern sein.

Jeder bekommt sein eigenes Zimmer, sagte Franke den jungen Afghanen am Flughafen. Erstmal aber musste Franke, Sozialpädagoge und Erzieher, ihnen jedoch erklären, dass sie zwei Wochen in Quarantäne kommen.

Flucht mit 15 – über den Iran und die Türkei nach Griechenland

Assef foh aus Afghanistan, als er 15 war. Sein Vater sei von den Taliban ermordet worden. Sie sahen ihn als Kollaborateur mit den Regierenden. Assef war da gerade Schüler in Kabul. Doch dort ging es nicht weiter, und zurück in seine Heimatregion konnte er nicht. Zu gefährlich.

Über den Iran gelangte er in die Türkei. So berichten es auch Ramazan, Said und Mohammad. Sie zahlten Schleuser, die sie in Mini-Busse pferchten und zur Grenze brachten. Sie liefen nachts über Berge und durch Dickicht, wurden von Grenzpolizisten festgenommen.

Überprüfen lassen sich ihre Geschichten nicht. Aber offenbar ging es doch irgendwie immer weiter. Nach Monaten auf der Flucht erreichten die Jugendlichen die türkische Küste. Im Schlauchboot flohen sie nach Lesbos, die neun Kilometer über die Ägäis. Im Rucksack nur ein paar Klamotten, in der Hosentasche das Handy und das wenige Geld, das ihnen geblieben war.

Sie lernen, wie eine Waschmaschine funktioniert

Auf der Flucht ist ein Tag oft unberechenbar. Im Wendland soll für Assef und die anderen gerade alles sehr genau planbar sein. Verlässlich. Sicher. Mittags kommt eine Haushälterin, kocht, kein Schweinefleisch. Sie hat ihnen auch gezeigt, wie die Waschmaschine funktioniert. „Oft wissen junge Geflüchtete nicht, wie man in Deutschland eine Toilette benutzt. Sie kennen es nicht aus ihrer Heimat“, sagt Bernard Fathmann, Pädagoge und Geschäftsführer der örtlichen Wohngruppen.

Die vier Afghanen kochen selbst viel, meistens schon morgens warm. Meistens Reis, oft mit Hühnchen oder Ei. So erzählt es ihr Betreuer „Sammy“, der die ganze Zeit bei ihnen wohnt. Noch sind die vier in der Jugendhilfe untergebracht. Erst im Januar wurden sie 18. Per Gesetz greift der Jugendschutz in manchen Fällen sogar bis 25.

Drei Tage in der Woche sollen die vier jungen Afghanen die Schule besuchen, eine extra Klasse für Flüchtlinge in Lüchow. Eine junge Lehrerin unterrichtet zusätzlich Deutsch. „Die Pandemie hat die Integration erschwert“, sagt Fathmann. Unterricht ist nun oft digital. Ein Übersetzer, selbst vor Jahren aus Afghanistan geflohen, hilft.

Praktikum im Betrieb – Handwerk, Kundenservice, Vertrieb

An zwei Tagen in der Woche sollen Assef und die anderen laut Fathmann ein Praktikum in einem lokalen Betrieb machen. Baugewerbe. Handwerk, Vertrieb, Kundenberatung, in alle Abteilungen mal reinschauen. „Die Firma hat auch schon Lehrlinge aus Afghanistan eingestellt“, sagt Fathmann.

Im vergangenen Sommer hockte Assef in seinem Zelt mit anderen im völlig überfüllten Camp auf Lesbos. Da bekamen sie Besuch. Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks und der Internationalen Organisation für Migration hätten ihnen erzählt, dass sie wegkommen würden von der Insel. Die Offiziellen redeten von „Europa“, von einem „Projekt“, an dem sie teilnehmen dürfen.

Alle vier Afghanen wurden wie die anderen minderjährigen Geflüchteten in dem Aufnahmeprogramm interviewt, mussten ihre Fluchtgeschichte erzählen. Dann schickten sie die Helfer zurück ins Lager. Erst Wochen später erfuhren sie, dass es bald losgeht. Nach Athen, dann nach Deutschland.

Die Bundesregierung hat seit April 2020 mehr als 2500 Geflüchtete aus Griechenland aufgenommen, 1510 waren minderjährig. Laut Bundesinnenministerium sollen zuerst kranke Kinder mit ihrer Familie kommen, dann allein reisende Minderjährige, dann Familien.

1000 Kinder und Jugendliche auf der Flucht leben in prekären Verhältnissen

Assef, Ramazan, Said und Mohammad haben Glück. Die griechische Regierung holte die meisten der minderjährigen Geflüchteten von den Inseln der Ägais. Und doch: Einige bleiben zurück zwischen Staub und Stacheldraht im Lager von Lesbos. Laut Vereinten Nationen leben rund 1000 unbegleitete minderjährige Schutzsuchende in prekären Lagen in Griechenland – oder sind sogar obdachlos.

Als Elena Lydon das Foto der vier jungen Afghanen sieht, sagt sie, dass sie sich an Ramazan und Mohammed erinnern könne. Lydon ist Irin und arbeitet auf Lesbos als Krankenschwester für die Organisation Medical Volunteers International. Sie kümmert sich vor allem um minderjährige Schutzsuchende. Die meisten kommen aus Afghanistan, Pakistan und Syrien.

Fast immer sind es Jungs, nur in Ausnahmen allein fliehende Mädchen. Noch immer, sagt Lydon, seien einige Hundert Minderjährige auf der Insel. Trotz der Rettungsaktionen mehrerer EU-Staaten.

Die Lage sei dramatisch. Unter den jungen Menschen herrsche Verzweiflung, viele würden versuchen, sich selbst zu verletzen. Manche schlucken Pillen, andere versuchen, sich zu erhängen. Von Suizidversuchen berichten auch andere Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen. „Oft ist es für uns Mediziner schwer zu erkennen, ob jemand noch um Hilfe schreit – oder schon wirklich nicht mehr leben möchte“, sagt Lydon.

Der Körper ist noch voll mit Adrenalin vom Überleben auf der Flucht

Das Trauma, sagt Sozialpädagoge Franke, zeige sich selten in den ersten Monaten nach der Ankunft im sicheren Deutschland. Der Körper ist noch voll mit Adrenalin vom Überleben auf der Flucht. Alles ist neu, alles ist aufregend. Keine Zeit für die Schwere.

Auch andere Betreuerinnen und Pädagogen bestätigen, dass sich ein Trauma zeigt, wenn ein Mensch Sicherheit im Umfeld gewonnen hat. Dann wachsen Angstzustände, Schlafstörungen, Misstrauen. „Manche Flüchtlinge verstecken Essen“, sagt Franke. Verlustängste. Und trotzdem, so berichten es Fachleute, würden junge Menschen aus Afghanistan oder Syrien nur selten zugeben, wie schlecht es ihnen auch in Deutschland noch geht – ohne Familie, aber mit dem Krieg noch im Kopf.

Irgendwann, so berichtet Geschäftsführer Fathmann, kommen dann bei vielen die Drogen, Haschisch, Alkohol. So erzählt es auch eine andere Pädagogin. Viele junge Afghanen in Deutschland seien süchtig. Die Jugendhilfe sei aber mit der psychischen Betreuung oft überfordert, alleingelassen. Therapieplätze sind rar. Nicht nur für Flüchtlinge.

Das Bild von Deutschland: Geprägt von Schönfärberei der Schleuser

Sebastian Franke erzählt, dass junge Flüchtlinge sehr schnell fragen, wie viel Geld sie bekommen in Deutschland. Wo ihre Wohnung ist. Welche Klamotten sie kaufen können. Der Adrenalin-Spiegel der Flucht treibt sie noch. Und dort überlebt vor allem, wer laut ist. „Das gibt sich dann nach einer Zeit in einem sicheren Umfeld“, sagt Franke.

Was die jungen Flüchtlinge auch umtreibt, sind die falschen Erwartungen an Deutschland – oft geprägt von den Schönfärbereien der Schleuser. Von den Bildern des Überflusses, die schon in der Heimat Afghanistan oder Syrien kursierten. Manche Flüchtlinge sollen ihrer Familie Geld aus dem reichen Europa schicken – und enden in einem Heim mit ein wenig Taschengeld. „Auch das schafft Frust“, sagt eine Betreuerin.

Wünsche und Träume von Teenagern auf der Flucht

Assef, Ramazan, Said und Mohammad haben jetzt vor allem sich selbst. Sie kochen, sie spielen Fußball, fahren mit dem Fahrrad zum Supermarkt. Sie bleiben unter sich. Corona lässt kaum mehr zu. „Aber die Gruppe funktioniert gut“, sagt Betreuer Franke. Er erkenne das beim Sport. Die jungen Afghanen spielen zusammen, stoppen den Ball, wenn einer am Boden liegt, helfen. „Das spricht für Vertrauen.“

Wer Assef und Ramazan, Said und Mohammad nach ihren Wünschen fragt, hört knappe Sätze. Deutsch lernen, als erstes Ziel. Kleidung aus ihrer Heimat, etwas Traditionelles, einen Schal oder einen Mantel, das wäre fein. Etwas Leckeres, das sie an zuhause erinnert.

Said möchte einen Führerschein machen und Bahnfahrer werden. Assef in der Landwirtschaft arbeiten. Mohammad und Ramazan wollen Maurer werden. Teenager-Träume am Ende einer Flucht.

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