Corona

Warum Greiz einer der schlimmsten Hotspots des Landes ist

| Lesedauer: 5 Minuten
Theresa Martus
RKI: Das Virus über Ostern "ausbremsen"

RKI: Das Virus über Ostern "ausbremsen"

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat an die Bürger appelliert, die Osterfeiertage zu nutzen, um das Coronavirus "auszubremsen". Auf Besuche sollte deshalb verzichtet werden.

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Kaum irgendwo in Deutschland ist die Corona-Inzidenz so hoch wie im Landkreis Greiz. Liegt das auch an einer neuen Teststrategie?

Greiz.  „Wer will nach Hause?“ ruft Torsten Scheler in einem Ton, der eher nach Jahrmarktansager als nach Mitarbeiter einer Corona-Teststation klingt. Dann verteilt er einen Schwung weiße Zettel an wartende Menschen. Alle Testergebnisse sind negativ. Scheler begleitet den umfunktionierten Linienbus an diesem Nachmittag in Weida. Eine mobile Schnellteststation, seit vergangener Woche unterwegs im Landkreis Greiz – dem bis Samstag (27. März) heißesten Corona-Hotspot Deutschlands. Überholt wurde Greiz seither vom ebenfalls in Thüringen gelegenen Saale-Orla-Kreis.

Zum Testbus kommen kann jeder, gratis, ohne Voranmeldung. Am vorderen Ende des Busses hat sich an diesem Nachmittag eine Schlange von Testwilligen gebildet, am hinteren Ende sammeln sich in kleinen Grüppchen diejenigen, die darauf warten, dass Scheler ihnen die erlösende Bescheinigung gibt.

Höchste Sieben-Tage-Inzidenz im Bundesgebiet

Drinnen, am hinteren Ausgang des Busses, steht in Schutzkleidung, Maske und mit einer doppelten Schicht Gummihandschuhe DRK-Mitarbeiterin Julia Winter. Routiniert trägt sie Probenflüssigkeit auf und wertet Tests aus. Wer getestet werden möchte, muss eine Einwilligungserklärung unterschreiben, einen Abstrich machen lassen und 20 Minuten warten.

Fast 80 Tests haben sie in dieser ersten Stunde, die sie in Weida sind, schon durchgeführt, sagt Winter stolz. Bisher alle negativ. Und das, obwohl der Landkreis Greiz, in dem Weida liegt, zuletzt die höchste Sieben-Tage-Inzidenz im Bundesgebiet hatte: 528,8 meldete der Kreis am Freitag.

Fragt man Landrätin Martina Schweinsburg, was da los ist in Greiz, hat sie eine klare Antwort: „Die hohe Inzidenz hängt natürlich mit der Teststrategie zusammen“, sagt die CDU-Politikerin. Denn der Landkreis verfolge eine neue Strategie. Nach den Winterferien habe man festgestellt, dass es in Kindergärten und Grundschulen eine erhöhte Zahl von positiven Testungen bei Erziehern und Lehrern gegeben habe. „Wir wollten sehen, wo das herkommt.“

Der Landkreis ließ deshalb alle Kontaktpersonen der infizierten Menschen testen – auch diejenigen, die keine Symptome zeigten und bei denen die Testung laut RKI eine „Einzelfallentscheidung“ ist.

Das Ergebnis: Von 935 symptomfreien getesteten Kontaktpersonen waren laut Schweinsburg 306 infiziert, 151 davon Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Unter deren Eltern und Angehörigen fanden sich weitere 138 Infizierte. „Das sind die Altersgruppen, die besonders beweglich sind und bisher durch alle Raster gefallen sind, weil sie ohne Symptome einfach nicht getestet wurden“, sagt Schweinsburg.

Erfurt macht Druck und setzt die Ausgangssperre durch

Im Gesundheitsministerium in Erfurt will man das Testen als einzigen Grund für die hohen Zahlen allerdings nicht gelten lassen. Das allein sei „keine hinreichende Erklärung für die hohen Fallzahlen“, sagt auf Anfrage Ministerin Heike Werner (Linke). Es könne höchstens helfen, eine Dunkelziffer sichtbar zu machen.

Durch die Nähe zu Tschechien, das nur einen Nachbarlandkreis von Greiz entfernt liegt, sei davon auszugehen, dass Virusmutationen eine große Rolle spielten. Man wisse aber auch, dass private Feiern stattfänden und ein Teil der Menschen sich nicht an Schutzmaßnahmen halte. Gegen den Willen der Landrätin setzte der Freistaat deshalb eine Ausgangssperre für den Kreis durch – kein Aufenthalt im öffentlichen Raum, es sei denn, man hat „triftige Gründe“. In Greiz ist seitdem noch ein bisschen mehr Lockdown als im Rest des Landes.

Geistlicher macht sich Sorgen um Corona-Skeptiker

Die Liste der triftigen Gründe ist lang, 20 Ausnahmen zählt die Verordnung. Und so ist das Stadtzen­trum an einem Wochentag nicht ganz menschenleer. Boutiquen sind zu, Buch- und Blumenläden aber offen. Ältere Leute sind unterwegs, Jugendliche, Eltern mit Kindern.

Mitten im Stadtzentrum liegen auch Büro und Kirche von Pfarrer Tobias Steinke. Sind die Greizer wirklich unvorsichtiger als die Leute anderswo? Nein, sagt Steinke. „Die Menschen sind hier nicht anders als in anderen Regionen.“

Doch der Geistliche macht sich Sorgen, vor allem über die Polarisierung, die er beobachtet: Zwei Gruppen treffe er derzeit bei seiner Arbeit, sagt Steinke. Die einen, die Corona ernstnehmen, vielleicht sogar ein bisschen übervorsichtig sind. Und die anderen, die jede Maßnahme für überflüssig halten und das Virus für eines unter vielen. Die seien weniger, aber auch lauter. Einig seien die Leute eigentlich nur in einem: „Die Menschen haben den Kanal so richtig voll.“

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