Kommentar

Corona-Impfung: Warum die Briten nicht besser dran sind

Anderswo beginnt man schon mit der Corona-Impfung. Warum dauert es hier also länger? Es gibt Erklärungsbedarf, meint Christian Kerl.

Biontech: Impfstoff wird bereits nach Großbritannien geliefert

Großbritannien hat den Impfstoff des Mainzer Herstellers Biontech und seines US-Partners Pfizer zugelassen. Biontech geht davon aus, dass die Markteinführung "in den nächsten Tagen" erfolgt.

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Brüssel.  Das war ein heftiger Dämpfer von der Kanzlerin: Erst verkündet Angela Merkel die Verlängerung des Lockdowns bis Mitte Januar – dann bremst sie auch noch die Hoffnung auf rasche Corona-Impfungen .

Wahrscheinlich nur 3,5 Millionen Menschen würden in Deutschland bis Ende März gegen das Virus geimpft werden können, hat Merkel vorgerechnet. Dabei haben sich die Pharmakonzerne zuletzt mit Erfolgsmeldungen überschlagen, die Briten beginnen jetzt mit der Impfung, die Amerikaner folgen bald, die Chinesen spritzen schon millionenfach. Läuft da etwas schief bei uns? Verschläft die deutsche Politik die Chance, mit schnellen Impfungen die Pandemie zu stoppen? Lesen Sie dazu auch: Lauterbach fordert Impfung der Deutschen „in Rekordzeit“

Biontech-Impfstoff soll hier erst im Januar bereitstehen

Nein, aber Erklärungsbedarf hat Merkels Regierung schon: Es ist schwer vermittelbar, dass das fertige Mittel des deutschen Herstellers Biontech jetzt in Großbritannien verwendet werden kann, hierzulande aber erst im Januar bereitstehen soll.

Dass die zuständige EU-Behörde auf Nummer sicher geht und dieses Vakzin wohl erst rund um Weihnachten nach gründlicher Prüfung inklusive öffentlicher Expertendebatte freigeben wird, ist dabei gar nicht zu beanstanden. Entscheidend für den Erfolg der Impfkampagne wird ja am Ende sein, dass die Bürger der Medizin auch vertrauen. Dennoch ist die Frage, warum weder Deutschland noch ein anderer EU-Staat von der Möglichkeit Gebrauch machen, vorab mit einer befristeten nationalen Notfallzulassung eben doch schon erste Impfungen an freiwilligen Kandidaten vorzunehmen – und dabei wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

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Stattdessen übertreffen sich Politiker mit Mahnungen, die EU-Wissenschaftler sollten sich nach dem Briten-Coup nun aber bitte sputen. Nein! Lasst sie ihren Job gut machen – und übernehmt wie die britische Regierung so lange selbst Verantwortung! Allerdings: Der Schaden der Drückebergerei in Berlin und anderswo ist doch sehr überschaubar, Empörung ist fehl am Platz.

Großbritannien kann nicht einfach den Markt leer kaufen

Die Zulassung ist ja nicht das Pro­blem, sondern die Verfügbarkeit des Impfstoffs. Dem britischen Premier Johnson ist mit der Eilgenehmigung für das Biontech-Vakzin ein Propaganda-Erfolg gelungen, in der Praxis haben die Bürger nicht viel davon. Johnson kann, Zulassung hin oder her, nicht einfach den Markt leer kaufen. Der sehr knappe Impfstoff wird von den Herstellern nach längst geschlossenen Verträgen streng zugeteilt. Die Briten dürfen zunächst 400.000 Menschen versorgen, 0,6 Prozent der Bevölkerung.

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Auch Deutschland erhält über einen EU-Vertrag aus dieser allerersten Tranche Impfstoff, er liegt schon auf Vorrat bereit. Nicht nur Biontech ist eine sichere Bank: Kein größeres Land der Welt hat sich für die Versorgung mit Corona-Vakzinen so breit abgesichert wie die EU. Die EU-Kommission hat bereits für viel Geld mit allen sechs aussichtsreichen Herstellern Verträge über 1,3 Milliarden Impfdosen abgeschlossen. Das ist weit mehr, als die Europäer jemals brauchen werden.

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Die Frage ist nur, wann welcher Impfstoff bereitsteht. Folgt man den Ankündigungen der bislang erfolgreichen Unternehmen, könnten in Europa bis zum Sommer so viele Mittel ausgeliefert sein, dass größere Teile der Bevölkerung immunisiert sind.

Dieser Winter wird also noch hart. Es wäre falsch, nach den ersten Impfstoff-Erfolgsmeldungen mit den Schutzmaßnahmen nachzulassen. Das hatte Merkel mit ihrer Rechnung im Sinn. Aber wir haben dennoch allen Grund zur Zuversicht: Wenn die Impfhersteller endlich liefern, werden wir in Deutschland und Europa so gut versorgt sein wie kaum eine andere Region der Welt.

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