Betrugsvorwürfe

Donald Trump dreht durch und verschreckt sogar Republikaner

| Lesedauer: 7 Minuten

Joe Biden geht in Pennsylvania in Führung

Joe Biden geht in Pennsylvania in Führung

Im US-Präsidentschaftsrennen hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden Berichten zufolge im wichtigen Bundesstaat Pennsylvania die Führung übernommen. Sollte er den Bundesstaat gewinnen, wäre er Gesamtsieger der Präsidentschaftswahl.

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Joe Biden liegt bei der US-Wahl vorn – und Donald Trump wirft mit haltlosen Betrugsvorwürfen um sich. Einigen Republikanern reicht es.

Washington. 
  • Joe Biden liegt bei der Präsidentschaftswahl in den USA in mehreren potenziell entscheidenden Staaten vor Amtsinhaber Donald Trump
  • Für diesen schwinden die Chancen auf eine zweite Amtszeit
  • Doch der Präsident will eine mögliche Niederlage nicht akzeptieren – und wirft mit haltlosen Betrugsvorwürfen und Unwahrheiten um sich
  • Selbst einige republikanische Parteikollegen zeigen sich vom Verhalten des Amtsinhabers entsetzt

Wenn Karl Rove hinter seiner hohen Stirn eines kann, dann rechnen. Der bebrillte Ex-Berater von Altpräsident Georg W. Bush ist bei Auftritten im TV-Sender Fox News berüchtigt für seine Zahlentafeln, um komplexe Wahlvorgänge zu erklären.

Als der erzkonservative Republikaner von den brutalen Attacken Donald Trumps gegen die Integrität der Präsidentschaftswahlen Anfang der Woche hörte, vor allem vom Vorwurf, die Demokraten hätten Trump massenhaft Stimmen „gestohlen“, winkte Rove ab. „Um Hunderttausende Stimmen zu stehlen“, schrieb er in seinem viel gelesenen Internet­blog, „wäre ein Komplott von einem Ausmaß nötig, dass es eines James-Bond-Films würdig wäre. Das wird es nicht geben.“

Donald Trump wittert eine große Verschwörung

Gibt es doch, behauptet der Präsident steif und fest. 40 Stunden nach seiner vorzeitigen Ausrufung zum Sieger in der Wahlnacht, legte er im Pressesaal des Weißen Haus nach. Vom Blatt las Trump eine Reihe von unbewiesenen Behauptungen ab, die ihn abermals als Opfer einer Verschwörung erscheinen lassen sollten.

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„Wenn man die legalen Stimmen zählt, gewinne ich mit Leichtigkeit“, sagte Trump. „Wenn man die illegalen Stimmen zählt, können sie versuchen, uns die Wahl zu stehlen.“

Illegale Stimmzettel sind nach Trumps Verständnis jene, die derzeit in noch sechs nicht abschließend ausgezählten Bundesstaaten (North Carolina, Nevada, Arizona, Pennsylvania, Georgia und Alaska) unter Hochdruck ausgewertet werden und meist bei seinem Konkurrenten Joe Biden zu Buche schlagen.

„Es ist unglaublich zu sehen, wie einseitig diese Briefwahlstimmen sind“, so Trump. Er beschrieb etwas wehleidig im Ton, dass er in besagten Bundesstaaten mit 300.000 bis 700.000 Stimmen hoch geführt habe. Plötzlich seien „mysteriöse Stimmzettel“ aufgetaucht oder herbeigeschafft worden und hätten seinen Vorsprung schrumpfen lassen.

Gerichte weisen erste Klagen der Trump-Kampagne ab

Der Präsident erneuerte auch seine Anschuldigung, dass ihm vor allem demokratisch geführte Bundesstaaten und Städte (er erwähnte Philadelphia und Detroit) die Wahl „stehlen“ wollten. Dass Trump seine eigene Wählerklientel über Monate mit Nachdruck dazu aufgefordert hatte, eben nicht per Brief abzustimmen, ließ er bei seinem Auftritt unerwähnt.

Trump erklärte, dass es eine „riesengroße Menge von Klagen“ gebe, die am Ende vor dem Obersten Gerichtshof landen könnten. Realität: Davon ist beim Supreme Court in Washington bisher nichts zu hören.

Dagegen hatten in den Bundesstaaten Michigan und Georgia regionale Gerichte Klagen der Trump-Wahlkampagne auf Abbruch der noch laufenden Auszählung abgewiesen. Trump blieb trotzdem bei seinen Vorwürfen und sprach von „massenhaften Beweisen“ für Manipulationen und Vertuschungsversuchen in Wahllokalen, legte aber keinen einzigen Beleg vor.

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Auch Nachfragen von Journalisten waren nicht erlaubt. Stattdessen warf der Präsident den Medien vor, sie hätten verfälschte Umfragen veröffentlicht, um republikanische Wähler im Vorfeld der Wahl zu entmutigen.

„Verrückt“: Republikaner ohne Verständnis für den Präsidenten

Trump war mit seiner Rede, deren Übertragung mehrere Fernsehsender schnell unterbrachen, um wahrheits­widrige Aussagen zu korrigieren, erst wenige Minuten fertig, da setzten bereits ungewohnt heftige Schimpfkanonaden aus den eigenen Reihen ein.

„Hören Sie auf, entlarvte Falschinformationen zu verbreiten“, schrieb der republikanische Kongressabgeordnete Adam Kinzinger auf Twitter. „Das wird langsam verrückt.“ Sämtliche Stimmen müssen ausgezählt sein, so Kinzinger. „Sie werden entweder gewinnen oder verlieren. Und Amerika wird das akzeptieren.“

Noch weiter ging der in der Regel sehr besonnen agierende republikanische Gouverneur des Bundesstaates Maryland. „Es gibt keine Rechtfertigung für die Äußerungen des Präsidenten heute Abend, die unseren demokratischen Prozess untergraben“, sagte Larry Hogan.

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Joe Biden kündigt Rede an

Da wusste er noch nicht, dass Trump am Freitagnachmittag bei der Auszählung der Stimmen in Pennsylvania und Georgia erstmals hinter Joe Biden rangierte: Der 77-Jährige stand laut US-Medien kurz davor, eventuell noch vor dem Wochenende die Schallmauer von 270 Stimmen zu durchbrechen, die am 14. Dezember im „Electoral College“ zur Präsidentschaft führen würden.

Pennsylvania vergibt 20 Wahlmännerstimmen, Georgia 16. Biden hat auch noch in Arizona und Nevada Chancen, Stimmen anzuhäufen. North Carolina wird laut Wahlleiter bis in die nächste Woche ausgezählt. Trumps Weg zum Sieg ist stark verengt.

Biden wollte noch am Freitagabend eine Rede halten. Ob er sich, falls die Zahlen es hergeben, offiziell zum Gewinner der Präsidentschaftswahl ausrufen wird, blieb zunächst offen.

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Sohn rät Vater Donald Trump zu einem „totalen Krieg“

Unter den Schwergewichten der Repu­blikaner sprang allein der texanische Senator Ted Cruz Donald Trump bei, dessen Chancen auf eine zweite Amtszeit am Freitag deutlich sanken. „Ich sage Ihnen, der Präsident ist wütend. Und ich bin wütend. Und die Wähler sollten wütend sein“, erklärte der Texaner. Und behauptete, ebenfalls ohne jeden Beleg, dass die von den Demokraten beherrschte Justiz in Pennsylvania angeordnet habe, so lange auszuzählen, „bis Biden gewinnt“.

Selbst die Trump regelmäßig zugetane Boulevardzeitung „New York Post“ urteilte: „haltlos“. In aktuellen Umfragen schließen sich nur 16 Prozent der Amerikaner der Meinung Trumps an, wonach er die Wahl gewonnen habe. Im Trump-Lager steigt auch darum leise die Verzweiflung.

Vor Wahlzentren in Phoenix und Philadelphia prallten Anhänger und Gegner des Präsidenten aufeinander. „Stoppt den Diebstahl“, skandierten die einen. „Zählt alle Stimmen!“, riefen die anderen. Am Ende blieb es friedlich. Allerdings: Für das Wochenende haben Trump-Anhänger landesweit Demons­trationen angekündigt.

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Trumps Sohn Donald jr. entgleist verbal

Unterdessen beklagten Eric und Donald jr., die ältesten Söhne des Präsidenten, mangelnden Rückhalt vonseiten der Partei. „Zeigt Rückgrat. Kämpft gegen diesen Betrug. Unsere Wähler werden euch das nicht vergessen, wenn ihr Angst habt!“, schrieb Eric Trump auf Twitter.

Donald jr., der Heißsporn in der Familie, riet seinem Vater, er möge einen „totalen Krieg“ um den Briefwahlbetrug anzetteln und die „ganze Schummelei“ offenlegen. Twitter versteckte die Aussage hinter einem Warnhinweis.

Die drastischsten Worte über den Auftritt Trumps kamen jedoch von seiner Nichte Mary Trump. Sie schrieb: „So sieht es aus, wenn ein Verlierer verliert.“

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