Pandemie

Wie Israel mit neuem Lockdown von 9000 auf 900 Fälle kam

Die Corona-Zahlen sind in Israel nach einem erneuten Lockdown deutlich gesunken. Doch wie geht es nach neuen Lockerungen nun weiter?

Übersetzen, Luft filtern: Was Masken in Zukunft können

Masken sind für viele bislang ein lästiges Wegwerfprodukt, doch Forscher in aller Welt arbeiten an High-Tech-Masken, die zum Beispiel Vitalfunktionen messen oder Sprache übersetzen können.

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JErusalem. Freitagnachmittag am Mahane-Yehuda-Markt in Jerusalem. Riesige Mangos türmen sich neben Körben mit frischen Feigen. „Die sind aber noch grün“, sagt ein Mann mit Käppi, eine Mango in der Hand. „Ja, aber köstlich“, entgegnet der Verkäufer. „Aber zu hart“, knurrt der Mann und legt die Mango zurück auf den Stapel. Er späht zu den Bananenkisten, aber dort drängen sich die Menschen.

Er stellt sich hinten an, wird von anderen Kunden hin und her geschubst. Es gibt wenig Platz in dem Marktladen, deutlich weniger als vor dem Corona-Lockdown. Da war die Ware noch auf großen Tischen im Freien ausgebreitet. Nun drängt sich alles im Inneren des Ladens, sodass auch das Ansteckungsrisiko höher ist.

Marktstände müssen im Lockdown geschlossen bleiben, Lebensmittelgeschäfte nicht. Also hat Mosche, der Verkäufer, kurzerhand alles nach innen geräumt und nennt sich nun nicht mehr Marktfahrer, sondern Geschäftsinhaber. So kann er weiter jeden Tag aufsperren. Mosche ist nicht der Einzige, der trickst, um den Lockdown zu überleben.

Corona in Israel: Kaum jemand erwartete, dass Restriktionen so schnell wirken

Israel war das erste Land, das Mitte September einen zweiten Lockdown verhängte – für vier Wochen. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr gab es zu schnell Lockerungen. Die Zahl der Neuinfektionen in dem Land mit rund zehn Millionen Einwohnern explodierte auf mehr als 9000.

Der strenge Lockdown produzierte klare Ergebnisse: In nur vier Wochen sank die Zahl der täglichen Corona-Neuansteckungen rasant auf bis zu 900. Auch die Zahl der schweren Fälle geht stetig zurück. Die lautesten Kritiker des Lockdowns sind nun auffallend still. Kaum jemand hätte erwartet, dass die Restriktionen so schnell Wirkung zeigen.

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Dennoch: Seit einer Woche gibt es schrittweise Lockerungen. Israelis dürfen einander wieder besuchen und an den Strand gehen, die Kleinen kehrten in die Kitas zurück. Die Schulen bleiben aber weiter geschlossen. Auch Cafés, Restaurants, Museen und Einkaufszen­tren dürfen noch nicht öffnen. Viele arbeiten weiter im Homeoffice. Die Ausgangssperre im Radius von einem Kilometer rund um die eigene Wohnung ist aber immerhin passé.

Videos von Massentreffen der Ultraorthodoxen

War der Lockdown also ein Erfolg? Obwohl die Zahl der Neuinfektionen in den Keller ging, bleiben Experten skeptisch. Die Ausgangssperre habe den Blutfluss gestoppt, aber die Ursache der Blutung nicht behoben, wendet der Epidemiologe Ran Balicer ein. Israel kämpfe nach wie vor mit denselben Problemen wie zuvor. Würden die nicht gelöst, dann drohe bald der dritte Lockdown.

Das größte Hindernis ist, dass viele Israelis ihrer Regierung nicht mehr zutrauen, die Krise in den Griff zu bekommen. Etliche sind sauer und glauben, dass die Polizei nur bei ihnen genau hinschaue, ob sie die Regeln einhalten, bei anderen hingegen nicht. Besonders groß ist die Wut auf die Ultraorthodoxen. Videos von Massenveranstaltungen orthodoxer Juden mitten im Lockdown gingen viral. „Wenn die dürfen, darf ich auch“, sagen viele.

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Untersuchungen zeigen, dass 40 Prozent jener Israelis, die Quarantäne halten sollten, weil sie in Kontakt mit einem Infizierten waren, nicht zu Hause bleiben. Und die, die positiv getestet wurden, sind äußerst geizig mit Auskünften: Jeder Patient gibt im Schnitt nur drei Namen von Personen an, mit denen er in den zwei Wochen vor der Diagnose in Kontakt war. „Das ist lächerlich“, meint die Epidemiologin Ronit Calderon-Margalit von der Hebräischen Universität in Jerusalem. Mit einer derart geringen Datenbasis lasse sich keine Infektionskette nachvollziehen, der Kampf gegen das Virus sei fast unmöglich.

Private Feiern werden nicht abgeblasen

Manche Experten äußern Zweifel, dass die Infektionen während der vierwöchigen Ausgangssperre tatsächlich so stark gesunken sind, wie das die offiziellen Daten zeigen. „Es gibt Vermutungen, dass sich Ultraorthodoxe jetzt weniger testen lassen“, sagt Calderon-Margalit. „Sie wollen nicht mehr als Problemgruppe dastehen.“

Darüber hinaus haben sich manche ultraorthodoxe Gemeinden ein eigenes medizinisches Hilfsnetzwerk eingerichtet: mobile Teams, die ins Haus kommen und Corona-Kranke professionell behandeln. Diese Patienten tauchen dann weder in der Teststatistik noch in den Krankenhäusern auf. Das Kalkül dahinter: Je niedriger die Zahl der Fälle in der Gemeinde ist, desto geringer ist auch das Risiko, im Ampelsystem als rote Stadt eingestuft zu werden – und sich einem weiteren Lockdown unterziehen zu müssen.

Viele Israelis, vor allem in den arabischen Kommunen, nutzen nun die letzten milden Herbsttage, um Hochzeit zu feiern. Nicht immer bleibt es im kleinen Kreis. Am Donnerstag löste die Polizei eine Hochzeitsparty mit 300 Gästen auf, die in einem Wald nahe Tel Aviv stattfand.

Private Feiern werden nicht abgeblasen, sondern einfach in die Natur oder auf die Dachterrasse verlegt. Die Polizei setzt Helikopter ein, um die Regelbrecher aufzuspüren. „Wenn das so weitergeht“, befürchtet der Epidemiologe Balicer, „dann verlieren wir alles, was wir erreicht haben.“

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