Vertuschungsvorwürfe

Missbrauchsskandal: Hamburger Erzbischof in Erklärungsnot

Stefan Heße soll dafür gewesen sein, dass das Geständnis eines Priesters bewusst nicht protokolliert wurde. Sollten Spuren verwischt werden?

Erzbischof Stefan Heße

Erzbischof Stefan Heße

Foto: Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Hamburg. 
  • Ein Priester aus dem Bistum Köln soll über Jahre seine Nichten missbraucht haben. Intern soll er alles gestanden haben
  • Zu dem Geständnis wurden nur handschriftliche Notizen angelegt – kein Protokoll, das hätte beschlagnahmt werden können
  • Der damalige Generalvikar im Bistum, Stefan Heße, soll dieses Vorgehen gebilligt haben

Die Katholische Kirche verliert in Deutschland seit Jahren massiv an Mitgliedern – einer der Hauptgründe: ihr Umgang mit Missbrauchsfällen in den eigenen Reihen. Kritiker werfen den Verantwortlichen vor, nicht genug gegen übergriffige Priester zu tun und obendrein Fälle aus der Vergangenheit unter den Teppich gekehrt zu haben. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz eine Studie zum Thema – diese wurde zwar von vielen als wichtiger Schritt zur Aufarbeitung gewürdigt, nannte jedoch keine Namen.

Jetzt aber steht erstmals ein konkreter Oberhirte unter Druck: der Hamburger Erzbischof Stefan Heße. Heße, ein gebürtiger Kölner, hat in seinem Heimatbistum Karriere gemacht. Er war dort Personalchef und Generalvikar, bevor er 2015 als Erzbischof nach Hamburg wechselte.

In Erklärungsnot bringt ihn nun ein Gutachten, das der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei einer Münchner Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben hat. Die Juristen sollten den Umgang des Erzbistums mit sexualisierter Gewalt untersuchen – und zwar völlig unabhängig.

Rückzieher kurz vor Veröffentlichung eines Gutachtens

Und: Sie sollten auch die Namen derjenigen nennen, die dafür verantwortlich waren, „dass Vorfälle von sexuellem Missbrauch gegebenenfalls vertuscht oder nicht konsequent geahndet wurden“. Das hat Woelki ausdrücklich versprochen.

Im März sollte das Gutachten der Presse vorgestellt werden. Doch kurz vor dem angekündigten Termin machte Woelki einen Rückzieher: Die „identifizierbare Nennung der früheren Verantwortungsträger“ sei nicht in all ihren Rechtsaspekten „abschließend geklärt“, hieß es.

Zuvor, so ist zu hören, hatten einige dieser „Verantwortungsträger“ mit Gegenmaßnahmen gedroht. Inzwischen ist rund ein halbes Jahr vergangen, aber einen neuen Termin für die Veröffentlichung des Gutachtens gibt es immer noch nicht. Und nun sickern die Ergebnisse nach und nach auf inoffiziellem Weg durch.

Anwälte förderten Brisantes zu Tage

Offenkundig ist, dass die Münchner Anwälte durchaus Brisantes aus den Archiven des größten deutschen Bistums zutage gefördert haben – und einer derjenigen, die das betrifft, ist Erzbischof Heße. Es geht dabei um den Fall eines heute 69 Jahre alten Priesters, der in den 90er Jahren seine minderjährigen Nichten über Jahre hinweg schwer sexuell missbraucht haben soll. In diesem Sommer hat die Staatsanwaltschaft Köln Anklage gegen den Geistlichen erhoben.

Die „Bild“-Zeitung hat nun enthüllt, dass die Münchner Anwälte bei ihren Nachforschungen auf einen brisanten Aktenvermerk gestoßen sind. Das Erzbistum Hamburg hat den Text mittlerweile wie folgt bestätigt: „Aus einer Gesprächsnotiz über ein Telefongespräch geht hervor, dass Pfarrer U. im Generalvikariat in einem Gespräch alles erzählt hatte.“

Weiter heißt es in dem Vermerk: „Es sollte über dieses Gespräch jedoch bewusst kein Protokoll angefertigt werden, weil befürchtet wurde, dass dies dann beschlagnahmefähig wäre. Aus diesem Grund sollten nur handschriftliche Notizen existieren, die notfalls vernichtet werden könnten. Herr Prälat Dr. Heße gibt zu diesem Vorgehen sein Einverständnis.“

Missbrauchsopfer sollen jetzt zu Aussage bereit sein

War es also so, dass der Pfarrer den Missbrauch intern zugegeben hatte, aber dann entschieden wurde, darüber den Mantel des Schweigens zu breiten und möglichst keine Spuren zu hinterlassen? Heße bestreitet das entschieden: „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, um jedem Fall gerecht zu werden“, sagte er im vergangenen Monat in einem Interview mit der „Zeit“-Beilage „Christ Welt“.

Zu dem Vermerk teilt er der Deutschen Presse-Agentur mit: „Es handelte sich um eine Telefonnotiz meiner Sekretärin. Es ist also nicht etwas, was ich gesagt habe, auch nicht etwas, was mir gesagt wurde, sondern etwas, das aufgeschrieben worden und mir vorgelegt worden ist, und das wirft einige Fragen auf.“ Er sei an einer vollständigen Aufklärung interessiert.

Fest steht, dass der Priester schon 2010 angezeigt worden war. Doch dann wurde die Anzeige wieder zurückgezogen. Machte die Kirche da Druck? 2019 nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen erneut auf, was dieses Jahr zur Anklage führte. Die Missbrauchsopfer - heute erwachsen - sollen jetzt aussagebereit sein.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Priester war nach dem erstmaligen Bekanntwerden der Vorwürfe noch lange für das Kölner Erzbistum tätig. Von 2002 bis 2016 war er Krankenhauspfarrer in Wuppertal, von 2016 bis 2019 Pfarrvikar im Kreisdekanat Euskirchen. Auch beteiligte sich das Erzbistum an seinen Anwaltskosten.

Was wird jetzt geschehen? Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ sagte in der vergangenen Woche der „Augsburger Allgemeinen“: „Für mich kann Erzbischof Stefan Heße sein Amt nicht mehr glaubwürdig ausfüllen - weder im Umgang mit den Betroffenen noch mit Blick auf die Aufarbeitung. Ich denke, dass er über kurz oder lang zurücktreten wird müssen.“

Der Fall zeigt der katholischen Kirche in jedem Fall: Allgemeine Schuldbekenntnisse sind das eine, persönliche Verantwortung und damit verbundene Konsequenzen das andere. Möglicherweise ist dies Woelki nicht in seiner vollen Tragweite bewusst gewesen, als er das Gutachten in Auftrag gab.

Erzbischof Heß ist nicht nur wegen des Falls des Kölner Priesters unter Druck. Es ist gerade mal eine Woche her, dass der Kleriker Fehler im Zusammenhang mit einer Informationsbroschüre zum Thema Missbrauch eingeräumt hat.

Es geht dabei um eine Broschüre, die Heße 2012 als Generalvikar im Erzbistum Köln verantwortet hatte. Darin berichtete das Erzbistum von nur fünf des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Priestern in seinem Verantwortungsbereich. Die 2018 veröffentlichte Missbrauchstudie der Deutschen Bischofskonferenz beschuldigte dagegen 87 Geistliche. „Spätestens als Generalvikar hätte ich besser die Broschüre überarbeiten lassen müssen“, sagte Heße der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ vergangene Woche. „Hier hätten wir im Sinne aller, besonders der Betroffenen, sensibler arbeiten müssen.“ Die Broschüre war erstmals 2010 in Kölner Kirchen verteilt worden.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ans Licht gekommen. Drei Beispiele aus jüngerer Vergangenheit:


Polnischer Bischof nach Vertuschungsvorwürfen zurückgetreten

Im vergangenen Monate setzte die Bischofskonferenz trotz Kritik von Opfervertretern ein neues Modell zur Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Kraft gesetzt. Ab dem 1. Januar können Betroffene Anträge auf bis zu 50.000 Euro stellen – unabhängig davon, ob sie bereits früher Geld bekamen. Opfervertretern ist das zu wenig. Sie fordern Schmerzensgeldzahlungen von bis zu 400.000 Euro.

Auch im Nachbarland Polen ist der sexuelle Missbrauch durch Priester ein großes Thema. Nach einem im März 2019 von der Bischofskonferenz vorgelegten Bericht wurden in Polen zwischen 1990 und 2018 insgesamt 382 Geistliche als Täter ausgemacht, demnach soll es 625 Opfer geben.

Womöglich ereilt Heße schon bald dasselbe Schicksal wie jüngst seinem polnischen Kollegen Bischof Edward Janiak. Dieser soll Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs durch Priester in der Diözese Kalisz ignoriert haben. Vor wenigen Tagen nahm Papst Franziskus den Rücktritt Janiaks an.

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(dpa/heg)

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