30-Jahre-Wiedervereinigung

Was bedeutet für Sie der Tag der Einheit? Promis berichten

Horst Seehofer, Nina Hoss, Regisseur Oliver Stone und viele andere haben uns ihre ganz persönlichen Gefühle zum 3. Oktober verraten.

Der Tag der Deutschen Einheit

Mit dem Mauerfall 1998 und der Wiedervereinigung 1990 kam das Ende der DDR und die neuen Bundesländer traten der BRD bei. Seitdem ist der 3. Oktober der Nationalfeiertag der Deutschen Einheit.

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Berlin. Das ganze Land feierte die Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen und Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit. Wir haben nachgefragt bei Politikern, Wissenschaftlern, Schauspielern und Musikern: Was bedeutet Ihnen der 3. Oktober – ganz persönlich? Die Antworten sind überraschend wie emotional.

Udo Lindenberg über „die schönste Party ever“

„Ich erinnere mich immer so gern an den Mauerfall … die schönste Party ever. So entstand das Gedicht. „Damals in der DDR“. Gratuliere der Bunten Republik Deutschland. Es wächst zusammen, was zusammengehört, es dauert nur’n bisschen länger.

Udo Lindenberg im Interview: Corona ist „’ne scheißharte Erfahrung“

Heiko Maas: „Der Mut der Ostdeutschen hat mich zutiefst beeindruckt“

Einheit Deutschlands und die Einheit Europas – 1990 haben wir erlebt, wie untrennbar beides zusammenhängt. Da war der Mut Hunderttausender Ostdeutscher, der mich als junger Student zutiefst beeindruckt hat. Da waren die Menschen in Mittel- und Osteuropa, die Mauern und Stacheldraht niedergerungen haben. Und da waren unsere Partner im Westen wie im Osten, die einem friedlichen, vereinigten, europäischen Deutschland Vertrauen schenkten. Ihnen allen sind wir dankbar für unsere Einheit.

Und damals wie heute gilt: Die Zukunft Deutschlands liegt im vereinten Europa. Klimawandel, Digitalisierung, Migration – alle großen Fragen unserer Zeit lösen wir nur gemeinsam. Wo andere ihre Länder an die erste Stelle setzen wollen, muss unsere Antwort ein souveränes Europa sein, das zusammenhält.

Katrin Sass: „Der 3. Oktober ist mir nicht wichtig“

Der 3. Oktober ist mir nicht wichtig. Großartig und einmalig bleibt der 9. November. Ihn selbst hab ich gar nicht kapiert, es war so unwirklich.

Erst zwei Tage später, als ich über die Glienicker Brücke in die Freiheit lief, kam es nach und nach an. Keinem osteuropäischen Land ging es so gut wie uns. Wir können glücklich sein, in Deutschland zu leben, und endlich toleranter werden.

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Peter Maffay: „Nichts ist hundertprozentig vollkommen, auch die Einheit nicht“

„Es gibt nichts auf der Welt, was hundertprozentig vollkommen ist. Das gilt auch für die deutsche Einheit. Dennoch ist das Glas halb voll – und nicht halb leer. Ein totalitäres Regime hat aufgehört zu existieren. Wir haben zueinandergefunden, wir haben eine gemeinsame Kultur. Dass es Korrekturen geben muss, ist klar.

Ich kenne in meinem privaten Umfeld viele Lehrer. Es kann nicht sein, dass ein Lehrer im östlichen Teil unserer Republik für die gleiche Leistung weniger Geld verdient. Das verletzt das Selbstwertgefühl der Menschen in den neuen Bundesländern und muss korrigiert werden.“ Peter Maffay: „Ohne die Musik wäre ich nicht mehr da“

Katrin Göring-Eckardt über einen letzten Coup für die Umwelt in der DDR

Am 1. Oktober 1990 erschien das letzte Gesetzblatt der DDR. Damit trat das auf der letzten Sitzung des Ministerrates verabschiedete Nationalparkprogramm der DDR in Kraft, das knapp fünf Prozent der Landesfläche schützte: Harz, Spreewald, Müritz und viele andere Orte wunderschönen Naturerbes. Einmalig in der deutschen Geschichte!

Ein Coup der Umweltbewegung, die 1989 auch die Proteste befeuerte. Zwei Tage später wurden die Schutzgebiete durch den Einigungsvertrag zu Bundesrecht und lösten einen Naturschutzboom aus. Heute gibt es über 138 Großschutzgebiete und hoffentlich gehört das Grüne Band, die ehemalige innerdeutsche Grenze, bald dazu.

Interaktiv zur Deutschen Einheit:

Wolfgang Lippert: „Wenn sich Menschen vereinigen, dann knutschen die vorher“

Ich glaube, wenn man vom Osten redet, dann muss man über eine Generation reden, die wirklich das schwerste Los während der Wende hatte, weil sie schon in einem Alter war, wo man schwer neu anfangen kann. Ich finde, dass man die Lebensleistung dieser Menschen neu bewerten muss, weil sie sich in allerschnellster Zeit umstellen mussten.

Die Verlierer dieser Wende sind eben die, die damals zu alt waren für einen Wechsel. Wenn sich Menschen vereinigen, dann knutschen die vorher. Die Vereinigung ging jedoch so schnell, dass wir vor Schreck gar nicht geschmust haben. Das müssen wir jetzt erst mal nachholen.

Schwimm-Star Michael Groß über hart erkämpften Frieden und Freiheit

Am Tag der deutschen Vereinigung hatte ich große Vorfreude. Denn im Januar 1991 konnten wir Schwimmer als erstes gesamtdeutsches Team bei einer Weltmeisterschaft starten. Der Sieg damals in Perth/Australien in der 4-mal-200-Meter-Staffel wurde zum krönenden Abschluss meiner Karriere.

Heute erinnert mich der 3. Oktober immer daran, dass unser Friede und unsere Freiheit hart erkämpft wurden und alles andere als selbstverständlich sind. Unser Zusammenhalt, nicht nur an das eigene Wohl zu denken, sind entscheidend, gerade in schwierigen Zeiten, wie aktuell während Corona.

Horst Seehofer über „das schönste politische Erlebnis in meinem Leben“

Die Wiedervereinigung ist das schönste politische Erlebnis in meinem Leben. Der 3. Oktober 1990 steht für die Einheit unseres Landes nach vier Jahrzehnten der Teilung. Ich erinnere mich genau: Als uns am 9. November 1989 die Nachricht vom Fall der Mauer erreichte, erhob sich der gesamte Bundestag und sang die Nationalhymne. Die friedliche Überwindung der deutschen Teilung war dem Mut und der Weitsicht Vieler zu verdanken, von den Montagsdemonstrationen bis zum Einigungsvertrag.

Doch die wirkliche Wiedervereinigung war mit dem 3. Oktober 1990 nicht vollzogen. Darauf, wie wir diesen Weg bis heute alle zusammen gegangen sind, in Freiheit und im Herzen Europas, können alle Deutschen stolz sein.

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Regisseur-Legende Oliver Stone wurde in Berlin ausgebuht

Für mich war die Zeit 1989–1990 einer der Höhepunkte meines Lebens. Ich hatte Gorbatschow getroffen – ein sehr liebenswürdiger Mann. In dieser Zeit schien die Welt endlich Frieden zu finden. Ich war mit meinem Vietnamveteranen-Film „Geboren am 4. Juli“ bei der Berlinale. Und die Reaktionen waren faszinierend. Ich wurde ausgebuht.

Wie man mir später erklärte, lag das daran, dass die Leute die US-Militärpräsenz in Deutschland hassten. Zu Recht. Und obwohl ich einen Antikriegsfilm gedreht hatte, verkörperte er für manche Leute eben das US-Militär. Doch ein paar Tage später fand eine erste Vorführung in Ost-Berlin statt, und es gab donnernden Applaus.

Michaela May: „Ich hatte bei Berlinreisen immer ein merkwürdiges Inselgefühl“

Man hatte sich die Wiedervereinigung die ganze Zeit gewünscht. Wenn man hörte, was es alles in der DDR nicht gab, dachte man fast, die leben im Kongo. Und bei Berlinreisen war es immer so ein merkwürdiges Inselgefühl, weil man da über ein Land hinwegflog, das irgendwie nicht dazugehörte. Wobei ich das Berlin damals als witziger und kreativer empfand als heute. Die Maueröffnung kam dann plötzlich und unerwartet. Ich war damals in München und habe nur Freude gefühlt.

Silvester haben wir ausgelassen gefeiert. Der beherrschende Gedanke war: endlich. Was das nach sich zog, hat damals keiner bedacht. Jetzt gibt es für mich einen schalen Nachgeschmack, weil es immer noch keine wirtschaftliche Ausgeglichenheit gibt. Die Abwanderung aus dem Osten ist traurig. Und ich kann den Unmut mancher Leute verstehen. Man erwartete das Paradies, aber das kam dann nicht.

Bodo Ramelow: Der 3. Oktober ist für ihn nur ein „technischer Vollzug“

„Der Tag, den ich emotional mit der Wiedervereinigung verbinde, ist der 9. November 1989. Der 3. Oktober 1990 markierte für mich dagegen nur den technischen Vollzug. Als Gewerkschaftssekretär, der gerade aus Hessen nach Thüringen gewechselt war, befand ich mich mitten im Chaos der Transformation.

Tausende Menschen wurden arbeitslos, Tausende gingen in den Westen. Die Einheit in Frieden und Freiheit, für die ich dankbar bin, führte bis heute nicht zu echter Chancengleichheit in Ost und West. Die Ernüchterung, die dies mit sich brachte, war schon am 3. Oktober 1990 zu spüren – und wirkt bis heute nach.“

Nina Hoss versteht Ost-Deutsche, die sich bis heute nicht verstanden fühlen

„Ich lebte damals in Stuttgart und hatte noch nicht so viel mit Berlin zu tun. Ich war ja auch erst 14. Mit der Wiedervereinigung bin ich erst konfrontiert worden, als ich 1995 nach Berlin auf die Schauspielschule kam. Wir waren zur Hälfte aus dem Westen und zur anderen Hälfte aus dem Osten. Diese Begegnung hat mich für die andere Hälfte Deutschlands, die ich nur aus der Literatur oder Berichten von Bekannten kannte, erst sensibilisiert.

Am stärksten erinnere mich an die seelischen Verletzungen, die sich in der Selbstwahrnehmung widergespiegelt haben. Da habe ich unglaublich viel zugehört und verstanden: dieses Sich-nicht-ernst-genommen-und-nicht-respektiert-Fühlen in dem, was man erlebt hat. Bei Westlern gab es ja die Haltung ‚Jetzt ist doch alles gut, jetzt seid ihr befreit’. Insofern konnte man leicht nachvollziehen, was dann in puncto Ostalgie passiert ist.“

Christian Lindner: „Die Mauer fiel nicht von allein“

„Ich war erst elf Jahre alt, als unser Land wiedervereinigt wurde. Mit dem Mauerfall und der Einheit verbinde ich zunächst auch familiäre Erinnerungen. Unsere Verwandten, die in Brandenburg leben, konnten uns lange nicht besuchen. Es war eine große Freude, als dies endlich möglich wurde. Eine Selbstverständlichkeit war die Wiedervereinigung nicht – die Mauer fiel nicht von allein, sondern sie wurde von Menschen eingerissen.

Es war dieser Freiheitsdrang der Menschen, der sie mutig und stark gemacht hat. Auch in aktuellen Debatten sollten wir uns an die Triebkräfte der friedlichen Revolution erinnern: Der Wunsch nach mehr Gleichheit droht den Wert der Vielfalt häufig zu überlagern. Es gilt auch im Deutschland von heute, die Faszination der Freiheit zu bewahren.“

Oliver Masucci: „Viele Vorurteile stimmten gar nicht“

„Wir haben damals in Bonn gewohnt. Und ich kam nach einer durchfeierten Nacht nach Hause, wo alles schlief. Ich schaltete den Fernseher ein und sah plötzlich, dass die Grenze offen war. Ich wusste nicht, was ich dabei empfinden sollte. Auf der einen Seite war es großartig, auf der anderen fragte ich mich: Wo soll das jetzt enden? Denn während Westdeutschland entnazifiziert wurde, ging die Diktatur im Osten 40 Jahre lang weiter. Was hatte das aus den Leuten gemacht?

Für mich hat sich erst mal konkret wenig geändert. Ich bin dann nach Berlin auf die Schauspielschule und stellte fest: Viele der Vorurteile, die man hatte, stimmten gar nicht, wenn man die Leute kennenlernte.“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sang als 12-Jährige bei einem Festakt

„Deutschland freut sich über seine Wiedervereinigung vor genau 30 Jahren. Ich erinnere mich sehr gut an die Freude und Aufregung in diesen Tagen. Ich weiß noch, wie in meinem Heimatort in der Nähe von Frankfurt an der Oder ein Festakt im Gemeindehaus geplant wurde. Ich durfte als Zwölfjährige dabei sein - im Musikprogramm.

Wir sangen das erste Mal die Brandenburger Hymne „Märkische Heide, märkischer Sand, sind des Märkers Freude, sind sein Heimatland. Steige hoch Du roter Adler, hoch über Sumpf und Sand, hoch über dunkle Kiefernwälder, heil Dir mein Brandenburger Land.“ Meine Großmutter kannte als Musiklehrerin das Lied noch von früher. Sie freute sich so sehr, dass es wieder gesungen wurde.

Für mich öffneten sich mit dem 3. Oktober Welten - Möglichkeiten und Chancen, die ich ohne die deutsche Einheit nie gehabt hätte. Ich bin dankbar dafür. Und ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam stolz sein können, auf das, was wir - die Menschen aus Ost und West - in den letzten 30 Jahren erreicht haben.

Heute können sich unsere Kinder kaum noch vorstellen, wie es war, in einem geteilten Land mit Grenzen und Mauern zu leben. Für mich sind der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung der Glücksfall des letzten Jahrhunderts. Wir haben heute eine gemeinsame Verantwortung, dafür zu sorgen, dass das, wofür die Menschen damals gekämpft haben - unsere freiheitliche Demokratie - erhalten bleibt.“

Ulf Merbold, erster Westdeutsche im All – flog selbst zur Feier Unter den Linden

„Der 3. Oktober 1990 ist ein wunderbares Datum. Der Moment der Wiedervereinigung ist für mich der glücklichste, den wir Deutschen in meiner Lebenszeit kollektiv erleben durften. Für mich war die Teilung unsere Landes besonders schmerzlich. In Thüringen hatte ich das Abitur abgelegt, durfte aber in Jena nicht studieren. Ich wollte unbedingt Physiker werden, aber ohne mich kompromittieren zu müssen.

In die FDJ oder die Partei einzutreten, kam für mich nicht in Frage. Gerade noch rechtzeitig vor dem Bau der Mauer konnte ich dem Arbeiter- und Bauernstaat entkommen, aber meine Mutter blieb hinter Stacheldraht und Minen zurück. Auf Jahre blieben wir getrennt.

Am Tag der Wiedervereinigung habe ich mich ins Cockpit eines unserer Trainingsflugzeuge gesetzt und bin von Köln mit meiner Frau und den Kindern durch einen der drei seit Mitternacht auch für deutsche Luftfahrzeuge freien Korridore nach Berlin geflogen. In Tegel bin ich als einer der ersten Piloten mit einem „D“ auf dem Leitwerk gelandet. Dann haben wir Unter den Linden gefeiert.“

Prof. Dr. Kurt Starke, der „Sexpapst des Ostens“ konnte nicht jubeln

„Mein Institut, das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig, war wenige Tage zuvor per Telefon geschlossen worden. Ich habe nicht gejubelt, ich war traurig und besorgt.

Aber ich hatte Glück. Ich konnte irgendwie weiterforschen, auch dank der Solidarität von Fachkollegen, und so fand ich ein neues Zuhause in dem großen Deutschland, das stark ist, wenn Liebe und Lebenslust eine Chance haben.“

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