Feuer

Flüchtlingslager Moria: „Es ist schlimmer als im Gefängnis“

Nach dem Brand in Moria wissen die Menschen nicht, was mit ihnen passiert. Viele suchen Schutz unter Bäumen, schlafen auf der Straße.

"Was sollen wir machen?": Verzweiflung nach Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria

Ein verheerendes Großfeuer hat das überfüllte Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos zerstört und mehr als 12.000 Menschen obdachlos gemacht. Die Geflüchteten sind verzweifelt und ratlos, wie es jetzt für sie weitergeht.

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Lesbos. Alles, was Maqbool Hossain noch hat, stopft er in den kleinen Müllcontainer. Plastiktüten mit Decken, ein paar Kleidungsstücke, einen Schlafsack, eine Kinderkarre, ein paar Schüsseln, Flaschen mit Wasser, einen Topf. Der Container ist aus Metall, mit kleinen Rädern, Hossain hat ihn ausgewaschen an einer der wenigen Leitungen, aus denen noch Wasser fließt. Er hat den Dreck weggespült, die Asche. Jetzt schiebt er den Müllcontainer über den Asphalt, die Straße runter, weg vom Lager, raus aus der „Hölle“, wie Hossain sagt.

Sein drei Jahre alter Sohn hockt oben, wie ein Steuermann auf einem rostigen Kutter, versunken in den Plastiktüten und Decken. Wäre doch alles nur ein Spiel. Aber Maqbool Hossain weiß an diesem Nachmittag auf der griechischen Insel Lesbos noch nicht, wo er schlafen soll. Er sucht einen Platz für die Nacht, ein neues Lager. Für sich, seine drei Kinder und die schwangere Frau Shaheda. Seit drei Tagen habe er nichts gegessen, sagt Maqbool Hossain. Sein Sohn habe Fieber und Durchfall.

Moria: Griechische Behörden gehen von Brandstiftung aus

Hossain ist ein stämmiger Mann, 30 Jahre alt, aus Pakistan sind er und seine Familie geflohen, über den Iran, die Türkei, mit dem Schlauchboot nach Lesbos, in die EU. 17 Monate ist das her. Zuletzt haben sie in einem Zelt im dem Flüchtlingscamp auf der Insel gelebt, im „Level 3“, wo viele Familien mit Kindern ausharrten. Doch in dieser Woche brannte Level 3 ab, brannten die Zelte ab und die Container, in denen die Behörden Flüchtlinge registrierten und ihre Fingerabdrücke nahmen.

Und es standen die unzähligen Holzverschläge in Flammen, die wie ein Slum um das Lager nahe dem kleinen Ort Moria wuchsen. „Moria is finished“, sagen viele der Flüchtlinge hier. Moria ist vorbei.

Vermutlich war es Brandstiftung, davon gehen die griechischen Behörden aus. Es deckt sich mit Berichten von Augenzeugen vor Ort. Flammen brachen an unterschiedlichen Stellen aus. Der Wind war stark, das Feuer breitete sich rasend aus. Lesen Sie hier: Moria: Wie eine Krankenschwester den Großbrand erlebte

Videos der Nacht zeigen Männer, Frauen, Kinder, die mit Rucksäcken und Tüten weglaufen. Jetzt sind mehr als zwei Drittel des Lagers abgebrannt, Eisenstangen der Zelte ragen wie Gerippe aus der Asche, Dixi-Klos sind von der Hitze geschmolzen, verkohlte Wasserkocher, Teller, Flaschen liegen im Dreck. Die Luft riecht nach verbrannter Erde. Seit zwei Tagen gehen die Bilder um die Welt. Ein brennender Slum, mitten in Europa.

Lesbos: Auf den Feldern und Straßen entstehen neue Lager

In Deutschland protestieren nun Tausende Menschen für die Aufnahme von Geflüchteten aus dem Camp, die Bundesregierung und vor allem Innenminister Horst Seehofer stehen unter Druck, die EU-Funktionäre in Brüssel beraten, was zu tun ist. Für Maqbool Hossain ist das alles an diesem Tag weit weg. Er schwitzt unter der griechischen Sonne, schiebt den Müllcontainer vor sich her. Die Straße von Moria zur Küste der Insel ist knapp zwei Kilometer lang.

Links und rechts wachsen Olivenbäume auf den Hügeln, hier und da stehen Lagerhallen, ein paar Felder sind umzäunt. Und überall hocken, liegen, laufen Flüchtlinge. Manche harren auf Matratzen im Schatten einer Mauer aus, andere sitzen unter Bäumen im Kreis, haben Planen aufgespannt. Menschen kochen über Öfen aus Ziegelsteinen, andere waschen ihre Kleidung am Straßenrand. Alle neuen Informationen zum Thema Moria: EU-Länder wollen 400 Minderjährige übernehmen

Etwa 12.000 Menschen sollen zuletzt im Lager Moria gelebt haben, vielleicht sogar 14.000. Gebaut wurde es in der Hochphase der europäischen Asylkrise für gut 3000 Geflüchtete. Wie Hossains Familie irren nun viele in der Umgebung von Moria umher. Die Polizei hat die Wege zur Hauptstadt der Insel abgeriegelt. Sie lassen die Menschen auf der Straße und den Feldern. Und weil die Behörden keinen Plan haben, entstehen nun neue, kleine Lager mit Dutzenden, manchmal Hunderten Flüchtlingen entlang der Hügel um Moria. Maqbool Hossain sagt, er wisse nicht, wie es weitergehe.

„Wir haben alles verloren. Und niemand schert sich um uns“

Letzte Nacht haben sie unter einem Olivenbaum geschlafen, im „Dschungel“, wie er die Olivenhaine nennt. Die Polizisten auf der Straße schweigen, sagen ihm nur: „Ihr müsst warten.“ Auf Nachfrage erklären manche der griechischen Beamten, dass sie auch nicht wüssten, was nun passiere. Mitarbeiter der EU-Asylbehörden sind vor Ort nicht mehr zu sehen, von den Helfern der Flüchtlingsorganisationen laufen nur wenige durch die Massen, verteilen Wasser und Decken.

Denn Wasser gebe es kaum, das Essen gehe zuneige, der Strom für die Handyakkus auch, sagen viele der Flüchtlinge. „Wir haben alles verloren. Und niemand schert sich um uns“, sagt ein junger Afghane. „Es ist schlimmer als ein Gefängnis.“ Die meisten Menschen hier kommen aus dem Land am Hindukusch, aber einige auch aus Somalia, Eritrea, Kongo, Syrien. Schlimm sei vor allem, dass es keine Informationen darüber gebe, was nun mit ihnen passiere. Auch interessant: Der Kommentar zur Lage in Moria

Dort, wo das Lager in Asche liegt, wachsen deshalb jetzt die Gerüchte. Errichtet die griechische Regierung ein neues Camp auf der Insel? Pläne für ein geschlossenes Lager noch weiter abgelegen in der Mitte der Insel gibt es schon länger. Auch ein Schiff der Marine soll jetzt Schutz für Flüchtlinge bringen. Kommen sie dann auf das Festland, nach Athen und Thessaloniki? Bisher haben die Griechen nun einige Hundert minderjährige Flüchtlinge von Lesbos ausgeflogen. Kommen sie nach Deutschland? Viele wollen dorthin. Hoffnung haben nur noch wenige.

35 Menschen mit dem Corona infiziert

Eher glauben sie, dass wochenlang wieder nichts passiere. Denn die Not in Moria ist nicht neu. Seit Jahren sind die Bedingungen katastrophal, fehlt es an Medikamenten und Ärzten. Viele Geflüchtete sind älter, viele Frauen schwanger, dann wieder Kinder, die operiert werden müssen. Die Corona-Pandemie, sagen die Menschen nun, sei einfach zu viel für einen Ort wie Moria gewesen. Die Lage ist jetzt außer Kontrolle. Abdi sitzt auf einem Plastikstuhl vor dem letzten Kiosk, der direkt gegenüber vom alten Lager steht.

Ein Grieche von der Insel betreibt den Laden seit Jahren, verkauft Cola für einen Euro, Pommes oder Kaffee. Abdi kommt aus Somalia, er lebt seit mehr als einem Jahr in dem Camp. Über ihm fliegen an diesem Nachmittag Löschflugzeuge, ein Helikopter kippt Wassermassen vom Meer auf die Hänge. Auch jetzt flackern immer wieder Brände auf, schwarze Rauchwolken türmen sich in den Himmel. Die Lage sei eskaliert, als die Behördenmitarbeiter vor Ort Quarantäne verhängt hätten, berichtet Abdi.

Viele im Lager wurden in den vergangenen Wochen auf das Corona-Virus getestet. Kurz vor dem großen Brand kam die Nachricht, dass 35 Menschen infiziert waren. Viele tragen auch jetzt Masken vor dem Gesicht, viele auch nicht. Und wo die meisten der Corona-Erkrankten jetzt, nach dem Brand sind, ist laut Medienberichten unklar. Afghanen und Somali hätten in Quarantäne gemusst, sagt Abdi. „Aber es war allen unklar, wer isoliert wird und wie lange.“

Viele Einwohner der Insel sind wütend auf die EU und die griechische Regierung

Dann sei die Unruhe gewachsen. Am späten Dienstagabend brannte das Lager. Wer die Feuer gelegt hat, ist in den Tagen danach unklar. Die griechische Regierung beschuldigt eine Gruppe Flüchtlinge. Feuerwehrleute seien in der Nacht angegriffen worden, als sie zu den Flammen ausrückten. Die Unruhe war gewachsen, allerdings nicht nur im Lager.

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Auch unter den Einwohnern der Insel. Viele sind wütend auf die EU, auf die griechische Regierung. Sie fühlen sich allein gelassen mit den Tausenden Geflüchteten. Und jetzt nach dem Brand wissen auch die Menschen auf der Insel nicht, wie es weitergeht. Am Donnerstag protestierten einige von ihnen, blockierten Straßen nach Moria.

Der Ort ist zu einem Symbol geworden. Für das Scheitern der EU-Asylpolitik. Für eine humanitäre Katastrophe in Europa. Für Hilflosigkeit. Auf den Müllcontainer, mit dem Maqbool Hossain jetzt seinen letzten Besitz die Straße entlang schiebt, hat jemand „Moria“ in blauer Farbe gemalt, darum ein Herz und einen Pfeil in Weiß. Als wäre das Lager ein Ort zum Verlieben.

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