Corona-Regeln

Gegen zweite Welle: Kommen bald strengere Regeln?

Bei Festen und Feiern wie Hochzeiten will Gesundheitsminister Jens Spahn mit neuen Regeln die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen.

Dicht an dicht: Wilde Pool-Party in Wuhan

Feiern, als gäbe es das Coronavirus nicht: Im chinesischen Wuhan haben tausende Menschen an und in einem Pool zu Musik von der Bühne gefeiert - ohne Gesichtsmasken und Abstandhalten.

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Berlin. 
  • Bei den Corona-Zahlen meldet Deutschland so viele wie seit dem Mai nicht mehr
  • In der Politik wird längst wieder über eine Verschärfung der Corona-Regeln diskutiert
  • Im Mittelpunkt stehen dabei private Feiern, weil von ihnen in den jüngsten Wochen eine besondere Ausbruchsgefahr ausging
  • Welche neuen Corona-Regeln für Feste und Feiern könnten bald gelten? Wir zeigen sie Ihnen

Was tun, wenn die Infektionszahlen steigen – aber ein Lockdown wie im Frühjahr auf jeden Fall verhindert werden soll? Die Bundesregierung will vermeiden, dass Schulen und Kitas, Geschäfte und Betriebe wieder schließen müssen – Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt den Hebel deswegen bei Familienfeiern, Festen und privaten Partys an.

Neben dem Rückreiseverkehr waren es in den letzen Wochen vor allem Familienfeste, Gottesdienste und Partys, bei denen sich das Virus stark ausbreiten konnte. „Natürlich verstehe ich jeden, der seine Hochzeit mit 150 Gästen feiern will“, erklärte Spahn am Montag, „aber die Wahrheit ist doch: Nach dem dritten Bier ist es selbst bei einer Gruppe mit 20 Leuten unmöglich, dass alle die Regeln einhalten.“

Pandemie: Werden Familienfeiern und Feste jetzt wieder eingeschränkt?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) bewertet den Anstieg der Fallzahlen in Deutschland laut Lagebericht mittlerweile als „sehr beunruhigend“, Spahn sorgt sich vor allem wegen der großen Dynamik, die sich gerade in Ländern wie Spanien oder Frankreich zeigt: „Es ist schon überraschend, wie schnell in bestimmten Ländern die Zahlen wieder hochgegangen sind, wie schnell es gehen kann, wenn man nicht aufpasst.“ Das soll Deutschland nicht passieren.

Der Minister will die Bundesländer dazu bewegen, gemeinsam strengere Regeln für private und öffentliche Feiern festzulegen: „Wir wissen alle: Wenn wir gesellig werden, verbreitet sich das Virus besonders schnell.“ Diese Länder sind Corona-Risikogebiete

Zumal wenn es kälter wird, wenn Feste zunehmend in geschlossenen Räumen stattfinden. Spahn ist überzeugt, dass im Herbst und Winter im Grunde nur Feiern im engsten Familien- oder Freundeskreis verantwortbar sind. „Es gibt Dinge, auf die man mal verzichten kann.“ Es sei jetzt wichtig, abzustufen.

Die wichtigste Frage: „Wo können wir uns mit Lockerungen noch Zeit lassen – und wo müssten wir im Fall der Fälle zuerst wieder mit Beschränkungen ansetzen?“ Auf Wunsch von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sollen sich die Länderchefs noch im August treffen, um über den Umgang mit Festen und Großveranstaltungen wie Konzerten oder Bundesligaspielen zu reden. Kanzlerin Angela Merkel erklärte am Montag in einer CDU-Präsidiumssitzung, es könne derzeit keine weiteren Lockerungen geben – auch nicht für die Fußballbundesliga.

Die NRW-Landesregierung schließt eine Verschärfung der Regeln für private Feiern nicht aus: Man beobachte „das Infektionsgeschehen fortlaufend und wird – bei Bedarf – notwendige Maßnahmen treffen“, teilte das Landesgesundheitsministerium in Düsseldorf auf Anfrage mit.

Coronavirus: Warum sind private Feiern so riskant?

Spahn hat sich in seiner westfälischen Heimat Ahaus gerade mit ein paar Wirten getroffen. Tenor: Nach dem dritten Bier hält sich eh keiner mehr an die Regeln – egal, wie viele Gäste zugelassen sind.

Susanne Johna, Ärztin und Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, schaut mit Sorge auf die kommenden Wochen: „Es ist verständlich, dass die Leute nach den monatelangen Einschränkungen feiern wollen“, sagte Johna unserer Redaktion. Aber: Es sei wichtig, gerade die Jüngeren daran zu erinnern, dass es unbedingt nötig sei, Ansteckungsrisiken zu vermeiden.

„Viele sind sorglos, weil sie auf die hohe Quote der Genesenen in Deutschland schauen“, so Johna. „Doch sie vergessen dabei, dass darunter auch Menschen erfasst werden, die an schweren Langzeitschäden leiden, zum Beispiel an chronischer Erschöpfung oder Herzmuskelentzündungen. Sie haben Covid-19 überlebt, sind aber nicht gesund.“ Es gebe Schätzungen, nach denen der Anteil der an Covid-19 erkrankten Patienten mit Folgeschäden im oberen einstelligen Bereich liege.

Ärztegewerkschaft fordert einheitliche Regeln für private und öffentliche Feiern

Die Forderung der Ärztegewerkschaft: Um Ansteckungsrisiken auch im Herbst und Winter zu verringern, sollten sich die Länder bald auf einheitliche Regeln für private und öffentliche Feiern aller Art verständigen – etwa mit Blick auf Obergrenzen für Gäste und Konzepte fürs Lüften.

Je größer die Zahl der Feiernden gerade in geschlossenen Räumen sei, desto wahrscheinlicher sei ein Mensch dabei, der die anderen anstecke. „Wenn die Infektionszahlen wieder stark steigen, sind 150 Gäste bei einer Familienfeier oder einer Party in Innenräumen zu viel“, so Johna.

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Der Staat kann das Ansteckungsrisiko minimieren, indem er die Obergrenze für die Teilnehmer senkt. Das würde im Ernstfall den Gesundheitsämtern die Rückverfolgung der Infektionsketten erleichtern. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat konkrete Vorgaben vor Augen: Die Länder sollten die Zahl der Teilnehmer bei Feiern deutlich verringern, „von derzeit bis zu 150 wieder auf 50“.

  • Für Geburtstagspartys oder Hochzeiten gilt das Abstandsgebot, zumeist müssen auch die Kontaktdaten erfasst werden.
  • Eine gängige, aber keineswegs allgemeingültige Messlatte sind 50 Personen in geschlossenen Räumen und 150 unter freiem Himmel.
  • So ist es in Schleswig-Holstein. In Bayern sind es 100 und 200 Personen. In Nordrhein-Westfalen liegt die Messlatte bei höchstens 150 Teilnehmern.
  • In Bremen sind Feiern und Veranstaltungen unter freiem Himmel mit bis zu 400 Personen, in geschlossenen Räumlichkeiten mit bis zu 250 Personen möglich.
  • In Berlin liegt diese „Obergrenze“ bei 500 Personen.

Risikogebiete: Werden die Reisewarnungen erweitert?

Das RKI weist auf seiner Internetseite extra die Regionen aus, die in den vergangenen 14 Tagen Risikogebiete waren, aber derzeit nicht mehr als solche gelten – also weggefallen sind. Das ist momentan buchstäblich eine Leerstelle: Es trifft auf keinen Staat zu. Stattdessen wird die „rote Liste“ von Woche zu Woche nur noch länger.

Nachdem das Auswärtige Amt am Freitagabend eine Reisewarnung für Spanien (mit Ausnahme der Kanarischen Inseln) ausgesprochen hatte, scheint es nur noch eine Frage von Tagen zu sein, bis die nächsten Risikogebiete ausgemacht werden. Auf dem Balkan etwa sind bereits weite Teile von Bulgarien und Rumänien so eingestuft – der nächste Schritt könnte jeweils das gesamte Land betreffen. Ähnliches gilt im Falle Belgiens für Brüssel, nachdem schon der Großraum Antwerpen zum Risikogebiet erklärt wurde.

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Mit Sorge wird auch die Infektionslage in Kroatien beobachtet. In Deutschland gibt es Überlegungen, zumindest stark betroffene kroatische Regionen zu Risikogebieten zu erklären. Bedrohlich ist die Entwicklung in den Niederlanden und in Frankreich – hier zumindest in den Regionen Paris und Marseille. Frankreich hat sie selbst in die höchste Risikokategorie eingestuft. Schaut man in Paris auf die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner, liegt die Stadt mit mehr als 60 Fällen in der roten Zone.

Reisewarnung: Malta gehört auf die Liste der Risikogebiete

Noch wartet man ab, ob die Situation unverändert bleibt. Neu auf die Liste gehört eigentlich Malta. Seit die Insel am 1. Juli die Grenzen öffnete, zieht die Zahl der Infizierten „deutlich an“, erklärte das Auswärtige Amt. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) kam der Inselstaat in den letzten 14 Tagen auf einen Wert von 87 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner. Die Richtschnur ist ein Anstieg von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner auf sieben Tage. Das wären im Falle Maltas mit knapp 500.000 Einwohnern 250 Fälle.

In den vergangenen sechs Tagen meldete Malta 364 neue Fälle. Wie dramatisch sich die Lage dort verschlechtert hat, erkennt man an der Zahl der aktiven Fälle. Sie betrug am 22 Juli gerade mal fünf – einen Monat später waren es gestern 548. In Regierungskreisen wird denn auch erwartet, dass Malta noch im Laufe der Woche zum Risikogebiet erklärt wird.

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