Kommentar

Gütersloh zeigt: Das Coronavirus ist noch nicht besiegt

Die Aufarbeitung der Corona-Krise hat begonnen und es wurden zum Teil beschämende Fehler gemacht, findet Chefredakteur Jörg Quoos.

Schlachtbetrieb geschlossen – über 600 Mitarbeiter mit Corona infiziert

Der Schlachtbetrieb Tönnies in Nordhein-Westfalen ist geschlossen worden. Dort wurde ein Corona-Ausbruch festgestellt: Über 650 Mitarbeiter wurden bereits positiv getestet, weitere Tests stehen noch aus.

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Berlin. 
  • In den Kreisen Gütersloh und Warendorf gilt ein regionaler Lockdown
  • Hat Deutschland bislang richtig auf die Corona-Krise reagiert?
  • Ein Kommentar von Chefredakteur Jörg Quoos

Am 18. März erklärte Angela Merkel in einer historischen Fernsehansprache den Ernst der Lage: Eine Pandemie hat auch Deutschland heimgesucht. Am Mittwoch trat die Kanzlerin wieder vor die Öffentlichkeit. Zwischen den Auftritten liegen nur 91 Tage – aber 8818 Tote, 178.986 Infizierte und 218 Milliarden Euro neue Schulden.

Obwohl das Virus noch nicht besiegt ist, hat die Aufarbeitung der Krise längst begonnen. Befürworter und Kritiker der Maßnahmen stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Es wird die Antwort auf die Frage gesucht: Hat Deutschland grundsätzlich richtig reagiert – oder durch überzogene Maßnahmen alles nur schlimmer gemacht?

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Das beste Argument liefert die Statistik. Deutschland steht im weltweiten Ranking der Pandemiebekämpfung sehr gut da. Zwar sind viele Tote und Infizierte zu beklagen. Aber gemessen am Rest der Welt kam das Land mit einem blauen Auge davon. Bilder von Militär-Lkw, die bei Dunkelheit Särge zur Massenbestattung verladen, sind uns zum Glück erspart geblieben. Dafür ist allen Verantwortlichen zu danken.

Todesraten in Altenheimen sind beschämend

Aber die Zufriedenheit über den einigermaßen glimpflichen Verlauf darf den Blick auf die Schattenseite nicht verstellen. Es ist keine Retro-Besserwisserei, wenn man die Fehler klar benennt. Am gravierendsten war, wie schlecht der Staat seine Alten schützen konnte.

Die Todesraten in Alten- und Pflegeheimen sind beschämend, Hygienekonzepte zum Teil

himmelschreiend inkonsequent. Viele Senioren könnten noch leben, wenn man früher bessere Schutzmaßnahmen ergriffen hätte. Das darf so nicht mehr passieren. Die Menschen, die das Land unter großen Entbehrungen aufgebaut haben, haben das Recht auf maximale Fürsorge.

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Nicht weniger erschreckend war das Versagen der meisten Schulen. Sie waren nicht in der Lage, auch nur einen rudimentären digitalen Unterricht zu organisieren. Auch engagierte Lehrer konnten die technischen Defizite nicht wettmachen.

Politiker sollten schnellstens digitale Lehrkonzepte entwickeln

Während sich die Berufstätigen hocheffizient ins Homeoffice verabschiedeten, wurden Schüler und Eltern alleingelassen. Dafür müssen unsere Bildungspolitiker nachsitzen und ganz schnell moderne, digitale Lehrkonzepte entwickeln. Damit bei der nächsten Pandemie der Unterricht per Laptop klappt.

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Beim Thema Schutzmasken und Schutzkleidung lief es gleich doppelt schlecht. Allein mit gesundem Menschenverstand hätte man darauf kommen können, dass einfache Masken schützen. Jeder Hausarzt hatte sie intuitiv schon angelegt, während die Politik das Maskentragen noch verteufelte.

Und dass das teuerste Gesundheitssystem Europas genug Hightech-Beatmungsstationen, aber viel zu wenig Papiermasken und Plastikkittel hatte, muss ebenfalls Konsequenzen haben.

Skandal in Gütersloh zeigt Mängel beim Arbeitsschutz auf

Bleibt der Arbeitsschutz, der zwischen vorbildlich und krass unverantwortlich changiert. Dass in einem fleischverarbeitenden Betrieb in Gütersloh in kurzer Zeit festgestellt wurde, dass 400 von 500 Beschäftigten infiziert sind, ist ein Skandal.

Es war seit Wochen bekannt, dass das Virus sich in den kühlen Schlachthallen besonders stark vermehrt – und trotzdem waren die Schutzkonzepte für die Mitarbeiter viel zu lax. Der Verdacht liegt nahe, dass die Lieferung mit billigen Nackensteaks zur Grillsaison wichtiger war als konsequenter Schutz. Ausbaden muss das jetzt die Bevölkerung mit Schulschließungen.

Ob der Lockdown mit seinen krassen wirtschaftlichen Folgen zu hart war, kann erst später beurteilt werden. Noch grassiert das Virus, und wir müssen höllisch aufpassen, dass Erfolge bei der Bekämpfung nicht leichtfertig verspielt werden.

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