Kommentar

Warum sich USA und China wegen Corona so scharf bekriegen

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Backfisch
Trump will Herkunft des Coronavirus kennen

Trump will Herkunft des Coronavirus kennen

US-Präsident Donald Trump hat nach eigenen Angaben Informationen für einen Zusammenhang zwischen dem Coronavirus und einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan: Trump bejahte die Frage eines Reporters, ob er Hinweise habe, die ihn zu der Annahme veranlassten, dass das Virologische Institut in Wuhan der Ursprung der Coronavirus-Pandemie sei. SOUNDBITE

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Zwischen Washington und Peking tobt ein Propaganda-Krieg um die Deutungshoheit über Corona. Es ist auch ein Machtkampf zweier Systeme.

Berlin. Der globale Feldzug gegen die Corona-Pandemie wird von einem Propaganda-Krieg überlagert. Die beiden Staaten mit den größten Volkswirtschaften der Welt, die USA und China, wetteifern um die Deutungshoheit.

Es geht um die Botschaft, die Erzählung – neudeutsch: das Narrativ – rund um die Ursachen, die Ausbreitung und die Eliminierung des Virus. Dahinter steckt der Kampf zweier Systeme, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

USA: „Überwältigende Beweise“, dass das Virus aus einem Labor stammt

Amerika schiebt der Volksrepublik die Alleinschuld an der Corona-Krise zu. Außenminister Mike Pompeo warf China zunächst vor, die Epidemie vertuscht zu haben. Dann legte er mit der Behauptung nach: Es gebe „überwältigende Beweise“ dafür, dass der neuartige Erreger aus einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan stamme.

Präsident Donald Trump hatte zuvor mit einer Schadenersatz-Kampagne und Sanktionen gedroht. Knapp sechs Monate vor der Wahl um den Einzug ins Weiße Haus sucht Trump verzweifelt nach einem Sündenbock. Alle Entwicklungen zum Coronavirus in den USA in unserem Ticker.

China wirft USA "unverschämte Lügen" in Corona-Krise vor
China wirft USA unverschämte Lügen in Corona-Krise vor

China: „Der teuflische Pompeo versprüht mutwillig Gift und Lügen“

China wies Pompeos verbale Breitseite als „irrsinnige Äußerungen“ zurück. Das Virus sei auf einem Wildtiermarkt in Wuhan auf den Menschen übertragen worden. „Der teuflische Pompeo versprüht mutwillig Gift und Lügen“, polterte das Staatsfernsehen CCTV.

Die USA und China: Das ist nicht nur die rhetorische Schlacht um Auslöser und Bezwinger des Virus. Dahinter stehen auch zwei diametral entgegengesetzte kulturelle Konzepte. In den Vereinigten Staaten wird der Individualismus vergöttert.

In Michigan wollten bewaffnete Demonstranten den Corona-Notstand kippen

So drangen Hunderte zum Teil bewaffnete Demonstranten ins Parlament des Bundesstaats Michigan in der Hauptstadt Lansing ein. Sie forderten das Ende des Corona-Notstands. Dass Trump durch seine fahrlässige Verharmlosung der Krise dem Virus erst zu einer exponentiellen Wachstumskurve verholfen hatte, scherte die Menge nicht.

China ist hingegen durch den Konfuzianismus geprägt. Nicht die Freiheit des einzelnen Menschen steht an erster Stelle, sondern die Ordnung und der Schutz der Gesellschaft.

In China wurden sämtliche Handydaten an die Behörden geliefert

Deshalb wurde die Stadt Wuhan und die umliegende Provinz zwei Monate strikt abgeriegelt. Auf dem Höhepunkt unterlagen fast 800 Millionen Chinesen strengen Reisebeschränkungen.

Big Data und 200 Millionen Gesichtserkennungskameras im ganzen Land schufen eine Architektur der permanenten Kontrolle: Sämtliche Handydaten wurden von den Telekommunikationsanbietern an die staatlichen Behörden geliefert.

Der Lockdown wurde gelockert, die Wirtschaft wieder hochgefahren

Infizierte und deren Kontaktpersonen konnten sofort ausgemacht und isoliert werden. Selbst wenn die Zahlen bis zu einem gewissen Grad geschönt sein mögen: Im April wurde der Lockdown flächendeckend gelockert; die Wirtschaft auf breiter Front wieder hochgefahren.

Auch bei der Entwicklung eines Anti-Corona-Impfstoffs leben die USA und die Volksrepublik auf zwei verschiedenen Sternen. Trump setzt alles daran, das Gegenmittel unter Hochdruck im eigenen Land herzustellen. Der Rest der Welt kann sehen, wo er bleibt.

Trump: China könnte wegen Corona "zur Rechenschaft" gezogen werden
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Bei Pekings „Masken-Diplomatie“ geht es auch um neue Absatzmärkte

China baut hingegen auf internationale Kooperation. Im März und April versorgte Peking mehr als 125 Länder mit Hilfsgütern. Chinas „Masken-Diplomatie“ hatte aber auch zum Ziel, alte Absatzmärkte zu pflegen und den Boden für neue zu bereiten. Trump hat sich mit seinem Konfrontationskurs gegen China vom jahrzehntelangen Konsens der amerikanischen Außenpolitik verabschiedet. Seit Richard Nixons berühmter Reise nach Peking im Februar 1972 hat sich jeder US-Präsident um gedeihliche Beziehungen zur Volksrepublik bemüht.

Trump macht „America First“ zu seiner Wahlkampf-Fanfare

Während Trump „America First“ zur Fanfare seines Wahlkampfs macht, positioniert sich sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping als Prediger von Multilateralismus und Globalisierung.

Die Zeit, so scheint es, läuft für China. Vereinzelt wird bereits über eine „Wachablösung“ von der westlichen Führungsmacht USA zur östlichen Führungsmacht China diskutiert. Die Volksrepublik ist bestimmt kein Heilsbringer - schon gar nicht, wenn man die Maßstäbe liberaler Demokratie anlegt.

China müsste eine Kommission internationaler Wissenschaftler einladen

Aber um international an Zugkraft zu gewinnen, müssten die Herrscher in Peking ihre autokratischen Machtreflexe lockern, ihre Dünnhäutigkeit ablegen und mehr Transparenz zulassen. Ein richtiger Schritt wäre zum Beispiel, eine Kommission von internationalen Wissenschaftlern ins Land zu lassen, um für alle sichtbar Licht in die ersten Tage der Corona-Epidemie zu bringen.

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