ARD-Talkshow

Anne Will: Armin Laschet wirkt beim Corona-Talk unsouverän

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet attackierte bei „Anne Will“ die Virologen. Sein TV-Auftritt wirkte allerdings wenig souverän.

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Berlin. 
  • Bei „Anne Will“ ging es am Sonntag um das Coronavirus und dessen Auswirkungen auf das Leben in Deutschland
  • Zu Gast war auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, den dieses „Fachgebiet“ während der Sendung dann doch störte
  • Der CDU-Politiker hätte viel lieber darüber gesprochen, was alles schon wieder möglich ist: deshalb teilte Laschet im ARD-Talk aus - gegen Virologen und Angela Merkel
  • Ob Laschets Auftritt bei Anne Will seine Position im Kandidaten-Rennen verbessert hat, ist allerdings fraglich
  • Fakt steht: Gegen einen SPD-Politiker kamen weder Armin Laschet noch FDP-Chef Christian Lindner, der ebenfalls weiter lockern will, nur schwer an.

„Dieses Fachgebiet“ stört Armin Laschet. Der NRW-Ministerpräsident will über eine schrittweise Rückkehr in den Alltag sprechen. Doch Anne Will schiebt am Sonntagabend erst andere Dinge vor: Die Diskussion unter Virologen, die Zahl der Neuansteckungen, die Bedeutung von Verdopplungszeiten und den Reproduktionswert, also die Zahl, die beziffert, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter durchschnittlich ansteckt.

Pandemie-Begriffe, Fachjargon – und das seit 45 Minuten, wie Laschet moserte.

„Anne Will“: Armin Laschet verteilt Seitenhieb gegen Merkel

Der CDU-Politiker hätte viel lieber darüber gesprochen, was alles schon wieder möglich ist. „40 Prozent der intensivmedizinischen Betten stehen bei uns in NRW frei“, sagte er. Die Diskussion um weitere Lockerungen sei also nicht forsch, wie die Kanzlerin im Bundestag sagte. „Sie ist angemessen“, so Laschet.

Ein klarer Seitenhieb gegen Angela Merkel. Also gegen die Frau, der Laschet gerne im Kanzleramt nachfolgen würde. Doch dafür muss er zunächst CDU-Chef werden. Ob Laschets Auftritt bei Anne Will seine Position im Kandidatenrennen verbessert hat, ist allerdings fraglich.

„Anne Will“ – Das waren die Gäste:

  • Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
  • Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende
  • Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Karl Lauterbach (SPD), Mitglied des Bundestages, Gesundheitsökonom und Epidemiologe
  • Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“ und Biochemikerin

Schon sein Ärger im TV-Studio über den Gesprächsverlauf kam überraschend. Dabei legte der Titel der Sendung nahe, dass vor allem die Gefahr durch Covid-19 im Zentrum stehen wird. „Sorge vor zweiter Infektionswelle – lockert Deutschland die Corona-Maßnahmen „zu forsch“?“, fragte die Redaktion.

Armin Laschet legt sich mit Wissenschaft an

Laschet gehört zur Fraktion derer, die bei der Rücknahme von Restriktionen aufs Tempo drücken. Zurecht verwies der NRW-Ministerpräsident auf die hohen sozialen Kosten des Shutdowns. „Millionenfache Arbeitslosigkeit trifft die Schwächsten der Gesellschaft“, sagte Laschet. Allerdings beließ er es nicht dabei.

Im Gegenteil: Laschet legte einen bemerkenswerten Auftritt hin. Der Wissenschaft warf er vor, keine klaren Aussagen zu treffen. Im Kampf gegen die Pandemie sei erst die Verdopplungszeit entscheidend gewesen, dann der R-Wert, jetzt die Zahl der Neuansteckungen.

Indirekt wollte Laschet damit wohl sagen: Die Epidemiologen und Virologen wissen selber nicht, was richtig ist. Nur: Das stimmt nicht. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, selbst Arzt und damit vom Fach, nahm Laschet nach allen Regeln der Kunst auseinander.

Er erklärte ihm die Bedeutung der Werte – und dass sich Kriterien je nach Phase der Ausbreitung ändern können. Im Kern zielen alle Parameter darauf, die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen.

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FDP-Chef Christian Lindner hatte keine Argumente

Der SPD-Politiker erklärte seinem CDU-Kollegen den wissenschaftlichen Diskurs und ließ ihn dabei alt aussehen. Laschet wirkte schlicht überfordert. Lauterbach zitierte Studien, referierte Ergebnisse, diskutierte sachlich. Ein überzeugender Auftritt.

Dagegen kamen Armin Laschet und FDP-Chef Christian Lindner, der ebenfalls weiter lockern will, nur schwer an. Auch Lindner konnte nicht sagen, wie eine mögliche zweite Infektionswelle, die sich dann über das ganze Land ausbreiten könnte, verhindert werden soll. Sein Patentrezept: Hygiene- und Abstandsregeln. Dann könnte auch die Gastronomie wieder öffnen.

SPD-Fachmann Lauterbach nannte hingegen konkrete Voraussetzungen für Lockerungen – die allerdings allesamt nicht erfüllt sind. Dazu gehören OP-Masken für Bürger, eine App, die Kontakt mit Infizierten anzeigt und viel mehr Tests, vor allem um Kranke herum.

Karl Lauterbach greift Armin Laschet an

Die epidemiologische Realität nimmt darauf keine Rücksicht. Der R-Wert liegt aktuell bei etwa 0,9. Steigt er über 1, breitet sich das Virus wieder exponentiell aus. Karl Lauterbach bezeichnete die Situation als gefährlich, FDP-Chef Lindner hingegen warb trotzdem für eine politische Entscheidung. „Wir sollten nicht nur den R-Faktor in den Blick nehmen“, sagte er.

Der Umfang mit Schutzausrüstung, das Verhalten der Bevölkerung und die Situation im Gesundheitswesen seien genauso entscheidend. „Wir haben Lockerungen beschlossen, aber auf Kante genäht“, entgegnete Karl Lauterbach trocken. Dazu gehöre in NRW die Wiederaufnahme des Schulbetriebs.

Grünen-Chefin Annalena Baerbock warf Ministerpräsident Laschet vor, dass weder Schüler noch Lehrer darauf vorbereitet seien. Auch SPD-Mann Lauterbach schlug in die gleiche Kerbe: „Ich hätte nie die Schulen schon geöffnet, die Schulen sind überhaupt nicht vorbereitet“, sagte Lauterbach.

Laschet hingegen erklärte, dass der Start gut gelaufen sei. Allerdings ohne zu wissen, wie sich die Infektionszahlen dadurch entwickeln, wie Karl Lauterbach anmerkte. Denn sie kommen zeitverzögert. Kurz darauf zeigte sich Laschet dann doch verwundert, dass die Schulen in NRW nicht für höhere Hygienestandards vorbereitet seien. Das sei Aufgabe der Kommunen.

Die Schulen wurden also geöffnet, ohne die Einhaltung gewisser Regeln garantieren zu können. Und die Schuld schiebt der Ministerpräsident den Städten und Gemeinden in die Schuhe – ein Verhalten, das Fragen aufwirft. Und das sich doch so nahtlos in den irrlichternden und wenig souveränen Auftritt Laschets an diesem Sonntagabend einfügte.

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