Sipri-Bericht

Rekord: Deutschland steigert Militärausgaben um zehn Prozent

Kein Land in Europa hat den Verteidigungsetat so hochgefahren wie Deutschland: Das Budget kletterte 2019 auf 49,3 Milliarden Dollar.

F-18-Kampflugzeugen des US-Herstellers Boeing sollen teilweise die Tornados der Bundeswehr ersetzen.

F-18-Kampflugzeugen des US-Herstellers Boeing sollen teilweise die Tornados der Bundeswehr ersetzen.

Foto: Song Kyung-SeokPool / dpa

Berlin. Beim Zuwachs an Militärausgaben ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. 2019 legte der Verteidigungsetat um zehn Prozent zu, das Volumen stieg auf die Rekordsumme von 49,3 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 46 Milliarden Euro). Deutschland liegt damit weltweit auf Rang sieben hinter Frankreich und vor Großbritannien.

Dies teilte das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri in einem an diesem Montag veröffentlichten Bericht mit. Sipri fasst unter Militärausgaben nicht nur Waffenkäufe, sondern auch Kosten für Personal, Verwaltung sowie Forschung und Entwicklung bei den Streitkräften.

„Es gibt die Wahrnehmung einer verstärkten Bedrohung durch Russland”

Der Zehn-Prozent-Sprung Deutschlands war der höchste unter den 15 Ländern mit den weltweit größten Verteidigungslasten. „Der Zuwachs bei den Militärausgaben in Deutschland kann bis zu einem gewissen Grad mit der Wahrnehmung einer verstärkten Bedrohung durch Russland erklärt werden, die von vielen Nato-Mitgliedsstaaten geteilt wird”, sagt der Sipri-Forscher Diego Lopes da Silva.

Nach der Annexion der Krim durch Russland im März 2015 klangen in Osteuropa die Alarmglocken. Insbesondere in Polen und im Baltikum wurden die Verteidigungsetats in den letzten Jahren stark erhöht.

US-Präsident Donald Trump setzte die Bundesregierung unter Druck

Ein weiterer Grund könnte am zunehmenden Druck durch US-Präsident Donald Trump liegen. Trump hatte seit Beginn seiner Amtszeit im Januar 2017 der Bundesregierung immer wieder vorgeworfen, die Nato-Vorgaben bei den Verteidigungsausgaben nicht zu erfüllen.

Beim Gipfel des Militärbündnisses 2014 in Wales hatten sich die Teilnehmer als Ziel vorgenommen, zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in die Verteidigung zu stecken. „Die Verbündeten streben danach, sich dem Zwei-Prozent-Richtwert innerhalb eines Jahrzehnts anzunähern“, hieß es in der Abschlusserklärung. Nato-Kosten: Deutschland zahlt bald genauso viel wie die USA.

2024 sollen 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung in die Verteidigung fließen

2019 betrug der Anteil in Deutschland 1,35 Prozent. Er soll bis 2024 nach dem Willen der Bundesregierung auf 1,5 Prozent ansteigen. Sipri weist darauf hin, dass sich die Zahl für Deutschland nur auf Militärausgaben im engeren Sinn bezieht.

Die Bundesregierung kommt in ihrem an die Nato für 2019 gemeldeten Verteidigungsbudget auf einen Betrag, der um 3,3 Milliarden Dollar höher liegt: Darin sind auch die Kosten für friedenserhaltende Maßnahmen und Entwicklungshilfe in Konfliktgebieten enthalten, die bei Sipri nicht gezählt werden.

Frankreich gibt in Europa am meisten für das Militär aus

Die Atommacht Frankreich reservierte 2019 minimal mehr für sein Militär als Deutschland: 50,1 Milliarden Dollar, ein Plus von 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kein Land in Europa pumpt mehr Geld in seine Streitkräfte. Das Verteidigungsbudget von Großbritannien belief sich unverändert auf 48,7 Milliarden Dollar.

Zwei bemerkenswert hohe Ausschläge gab es bei Nato-Staaten in Osteuropa. Bulgarien verzeichnete 2019 bei den Militärausgaben ein Plus von 127 Prozent, was zu einem beträchtlichen Teil am Kauf von acht neuen Kampfflugzeugen lag. Rumänien investierte 17 Prozent mehr in die Verteidigung.

Weltweit wurden 1,9 Billionen Dollar für Verteidigung ausgegeben

Weltweit kletterten die Militärausgaben 2019 um 3,6 Prozent auf 1917 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Stand seit 1988 – ein Jahr vor dem Mauerfall, als sich die von den USA und der Sowjetunion angeführten Blöcke noch hochgerüstet gegenüber standen.

Davon entfallen 1035 Milliarden auf die 29 Nato-Mitglieder. Die globalen Verteidigungslasten konzentrieren sich auf die Regionen Nordamerika (754 Milliarden Dollar), Ostasien (363 Milliarden Dollar) und Europa (356 Milliarden Dollar).

USA machten 732 Milliarden Dollar für das Militär locker: Platz eins

Die USA stehen im internationalen Vergleich auf Platz eins. Sie machten 732 Milliarden Dollar für ihr Militär locker. Das sind 5,3 Prozent mehr als im Vorjahr, aber 15 Prozent weniger als 2010. Die Vereinigten Staaten tragen 38 Prozent aller globalen Verteidigungsausgaben.

„Der aktuelle Anstieg der US-Militärlasten beruht zum großen Teil auf einer gefühlten Rückkehr zum Wettbewerb zwischen großen Mächten”, erklärt der Sipri-Forscher Pieter Wezeman. Trump sieht China mit Blick auf dessen wachsende Rolle in Politik, Wirtschaft und Militär zunehmend als globale Konkurrenz. Auf globalem Expansionskurs: Wie gefährlich ist China?

Trump modernisierte das konventionelle und nukleare Waffenarsenal

Der US-Präsident setzt seit seinem Amtsantritt auf einen strammen Aufrüstungskurs. Das betrifft insbesondere die Modernisierung des konventionellen und nuklearen Waffenarsenals. Dagegen war der Militäretat Amerikas in der Obama-Ära zwischen 2010 und 2017 um 22 Prozent gesunken.

China gab 2019 rund 261 Milliarden Dollar für sein Militär aus, 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2010 hat die Volksrepublik ihr Verteidigungsbudget um 85 Prozent erhöht – so viel wie kein anderes Land unter den ersten 15.

Russland hat seinen Militäretat seit 2000 um 175 Prozent erhöht

Den weltweit drittgrößten Militäretat weist Indien mit 71,1 Milliarden Dollar auf, ein Plus von 6,8 Prozent. „Indiens Spannungen und Rivalität mit Pakistan auf der einen und China auf der anderen Seite sind die maßgeblichen Gründe für seine angestiegenen Verteidigungsausgaben”, betont der Sipri-Forscher Siemon Wezeman.

An vierter Stelle lag Russland mit Militärlasten in Höhe von 65,1 Milliarden Dollar, ein Plus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit 2000 hat das Land sein Verteidigungsvolumen um 175 Prozent ausgeweitet.

Saudi-Arabien steht bei den weltweiten Verteidigungsausgaben auf Rang vier

Hinter Russland rangierte Saudi-Arabien mit einem Volumen von 61,9 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Minus von 16 Prozent – trotz der kostspieligen Konlikte mit den schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen und dem regionalpolitischen Rivalen Iran.

Das Mullah-Regime, das unter scharfen internationalen Sanktionen leidet, hatte 2019 nur einen Sparetat für die Verteidigung: 12,6 Milliarden Dollar. Das sind 15 Prozent weniger als im Vorjahr.

Der Nahe Osten investiert so viel ins Militär wie keine andere Region

Auch die Öl-Großmacht Saudi-Arabien schwimmt nicht mehr in Petro-Dollars wie in früheren Tagen. Das Königreich braucht einen Ölpreis von rund rund 84 Dollar pro Barrel für einen ausgeglichenen Haushalt. In den vergangenen Jahren lag das Niveau deutlich darunter, sodass die Spielräume für Verteidigungsausgaben deutlich enger geworden sind.

Der Nahe Osten war mit einem kumulierten Militärbudget von 147 Milliarden Dollar eine der waffenstarrendsten Regionen der Welt. Hier gaben die Staaten im Schnitt 4,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für das Militär aus – so viel wie nirgendwo sonst.

„Die Wirtschaftskrise nach Corona wird künftige Militärausgaben sprengen”

Gemessen am eigenen Bruttoinlandsprodukt zahlte Saudi-Arabien unter den 15 Top-Ländern am meisten für die Verteidigung – nämlich 8,0 Prozent. Danach folgen Israel (5,3 Prozent), Russland (3,9 Prozent), die USA (3,4 Prozent), Südkorea (2,7 Prozent) und Indien (2,4 Prozent).

Derzeit spricht wenig dafür, dass dies so bleibt. Sipri geht aufgrund der Erfahrung von früheren Rezessionen davon aus, dass die Militäretats im Zuge der Corona-Krise sinken werden. Das Institut folgert, dass „die Wirtschaftskrise, die sich aus der Coronavirus-Pandemie ergibt, wahrscheinlich künftige Militärausgaben sprengen wird”.

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