Migration

Flüchtlingskrise im Mittelmeer: Irrfahrt der „Alan Kurdi“

Italien und Malta weigern sich, gerettete Menschen an Land zu nehmen. Begründung: die Corona-Krise. Flüchtlingshelfer üben scharfe Kritik

Ein altes Forschungsschiff. Jetzt ist die „Alan Kurdi“ das Schiff der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye. Ehrenamtlich retten sie Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken.

Ein altes Forschungsschiff. Jetzt ist die „Alan Kurdi“ das Schiff der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye. Ehrenamtlich retten sie Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken.

Foto: Fabian Heinz / dpa

Berlin/Rom.  Die Wellen am Mittwochmorgen bringen die Kapitänin in Bedrängnis. Zwei Meter hoch, das Schiff schaukelt heftig in der See. Die „Alan Kurdi“ treibt Richtung Italien, Kapitänin Bärbel Beuse entscheidet sich, noch weiter auf See hinauszufahren, denn die italienischen Behörden erlauben dem Rettungsschiff derzeit nicht, in die Gewässer des EU-Staates einzulaufen.

Doch draußen, so schildert es Kapitänin Beuse später, sei die See noch unruhiger gewesen, die Wellen höher, Gischt spritzt auf das Deck. „Es gab sehr viele Seekranke“, schreibt Beuse auf Nachfrage unserer Redaktion.

Die „Alan Kurdi“ ist ein altes Forschungsschiff. Doch seit mehreren Jahren fahren Flüchtlingshelfer der Organisation Sea-Eye damit auf das Mittelmeer und retten Migranten aus Seenot. Derzeit sind 149 Gerettete an Bord, dazu mehr als ein Dutzend Crewmitglieder. Alle seien am Limit, sagt die Kapitänin.

Das Schiff liegt vor Sizilien, die Häfen sind dicht

Seit mehr als einer Woche warten die Helfer und die Migranten auf eine Chance, einen europäischen Hafen anzulaufen. Das Schiff liegt derzeit vor Palermo, der Hafenstadt in Sizilien. Ein weiteres Rettungsschiff einer spanischen Organisation, die „Aita Mari“, liegt vor Malta, an Bord: 43 aufgenommene Migranten. Auch hier: keine Erlaubnis, in den Hafen einzulaufen.

Doch die Behörden in Malta und Italien wollen die Menschen nicht an Land lassen. Die Begründung: die Corona-Pandemie. Ressourcen fehlten derzeit für die Unterbringung und Versorgung, zudem sei die Sorge vor weiteren Infizierten an Bord groß, so die Argumente der Behörden vor Ort.

Die Regierung von Malta bittet die Europäische Union nun um Hilfe. In einem Schreiben fordert Maltas Außenminister Soforthilfen von 100 Millionen Euro, um die Lage der Flüchtlinge in Libyen zu verbessern. Malta geht von 650.000 Menschen in den Lagern in dem nordafrikanischen Staat aus. Die Hilfe, so Maltas Kalkül, könne auch die Menschen dazu bewegen, in Libyen zu bleiben, „statt ihr Leben auf dem Meer zu riskieren“.

Die Hilfsorganisationen kritisieren die Haltung der EU-Regierungen dagegen scharf. Die Corona-Krise sei vorgeschoben, um die Häfen für Migranten dichtzuhalten, so die Aktivisten. „Das alles ist eine neue, ungeahnte Eskalation in der Seenotrettung im Mittelmeer und kann nicht allein mit Corona begründet werden“, sagt Gorden Isler von der Gruppe Sea-Eye unserer Redaktion.

Das Meer wird ruhiger, die Saison der Schlepper beginnt

Seit Jahren kommt der Streit um die Migranten und Flüchtlinge im Mittelmeer nicht zur Ruhe, seit Jahren gibt es keine Lösung. In Libyen leben nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehrere Hunderttausend Menschen in Lagern. Viele sind eingesperrt, werden ausgebeutet, versklavt. Deutsche Diplomaten sprachen laut einem Bericht der „Welt“ von Zuständen, die an Konzen­trationslager erinnern würden.

Und jetzt beginnt der Frühling, das Meer wird in der Regel ruhiger, das Wasser wärmer. Während die Welt sich durch die Corona-Krise kämpft, fahren organisierte Schlepperbanden ihr Geschäft hoch. Viele Migranten berichten, wie sie in klapprige Holzboote oder wackelige Schlauchboote geschickt werden, wenn sie eine Überfahrt aus Libyen nach Europa riskieren.

Oftmals kalkulieren die Schlepper ein, dass die Menschen auf den Booten nur einige Stunden oder Tage durchhalten müssen, bis sie von einem Schiff gerettet und nach Europa gefahren werden. Ein Spiel mit dem Leben der Menschen.

EU-Grenzschutzagentur Frontex meldet über Ostern mehrere Boote in Seenot

An den Ostertagen erreichen Europa erneut Hilferufe von See. Eine Frau setzt einen Notruf ab, sie hockt an Bord eines Schlauchboots mit 46 anderen Menschen, die in Libyen gestartet waren. „Wir haben kein Wasser und kein Essen“, spricht sie auf Französisch und mit verängstigter Stimme in das Telefon. Es ist eine 21 Jahre alte Frau, ihre Tochter sei sieben Jahre alt. Mehrere Menschen an Bord seien bewusstlos, zwei bereits tot. „Wir sind nicht okay“, sagt sie.

Aktivisten der Initiative Alarm ­Phone haben einen Mitschnitt des Telefonats ins Internet gestellt. Die Nummer der Helfer ist auch unter Flüchtlingen bekannt. Melden Migranten Seenot, leitet Alarm Phone den Hilferuf an die europäischen Seenotleitstellen weiter – und hofft darauf, dass Rettungsboote ausrücken. Doch die Schiffe der EU-Staaten bleiben derzeit in den Häfen. „Die europäischen Staaten weigern sich, Menschen aus dem Mittelmeer zu retten“, sagt Isler von der Hilfsorganisation Sea-Eye.

Nachdem die italienische Regierung sich in Berlin über die Rettungsmissionen unter deutscher Flagge im Mittelmeer beschwert hatte, schickte das Bundesinnenministerium einen Brief an die Aktivisten. Das Ministerium appellierte an die Helfer, ihre Rettungsfahrten einzustellen. Italien könne keine Flüchtlinge aus Seenot aufnehmen, die Häfen würden dicht bleiben.

Nachts weht kalter Wind, Seife hilft nur wenig gegen die Gerüche

Als der Brief aus Berlin an die Helfer verschickt wurde, hatte Kapitänin Bärbel Beuse die Menschen nach eigenen Angaben bereits aus Seenot gerettet und an Bord der „Alan Kurdi“ gebracht. Die Crew bekomme seitdem kaum mehr als zwei bis drei Stunden Schlaf am Stück, schreibt Beuse. „Die hygienische Situation der Gäste ist sehr schwierig. Wir versuchen, ihnen Waschzubehör und Seife zum Reinigen ihrer Kleidung zur Verfügung zu stellen, aber das hilft nur wenig gegen Schweiß und Gerüche.“

Nachts wehe ein kalter Wind. Die Hilfsorganisation hat weiße Schutzanzüge verteilt, auf Fotos hocken die Menschen dicht an dicht an Deck. „Sie tragen alles, was sie an Kleidung haben, und wickeln sich in ihre Decken ein – und frieren dennoch so, dass sie kaum schlafen können“ schreibt die Kapitänin.

Die EU-Grenzschutzagentur Frontex hatte an den Ostertagen gleich vier Boote mit rund 200 Menschen in Seenot ausfindig gemacht. Zwei Schlauchboote haben mittlerweile auf eigene Faust einen Hafen auf Sizilien erreicht. Für die geretteten Menschen auf der „Alan Kurdi“ und der „Aita Mari“ gibt es weiterhin keine Lösung.

Italien schickt Verpflegung, doch bisher keine Lösung ins Sicht

Die italienischen Behörden hatten in den vergangenen Tagen Verpflegung zu den Rettungsschiffen geschickt und angekündigt, die Menschen auf ein Fährschiff zu übernehmen und dann an Land zu bringen. Bisher aber habe die Crew der „Alan Kurdi“ keine Informationen bekommen. Es gebe nur Medienberichte, sagt Kapitänin Beuse. „Dies schürt die Unruhe an Bord.“

Nach Angaben der Hilfsorganisation soll sich ein 24 Jahre alter Mann in der Nacht zu Mittwoch versucht haben, das Leben zu nehmen. Die Schiffsärztin beschreibt in ihrem Bericht „Angstzustände“ und eine Traumatisierung durch „Gewalterfahrungen“ in einem libyischen Gefängnis. Zudem gebe es Konflikte mit anderen geretteten Personen. Der Mann sei in seinem labilen Zustand eine „Gefahr für sich und andere“, so die Helfer.

Vor der Corona-Krise hatte es zumindest eine leichte Entspannung im Konflikt zwischen Helfern und EU-Regierungen gegeben. Der rechte italienische Innenminister Matteo Salvini war nicht mehr im Amt, im Herbst vereinbarten die Regierungen von Deutschland, Frankreich, Malta und Italien zumindest, dass gerettete Migranten innerhalb einer „Koalition der Willigen“ in Europa verteilt würden. Viele Menschen waren das bisher nicht. Aber immerhin seien die Häfen offen gewesen, so die Helfer vor Ort. Das ist jetzt anders.

Für Flüchtlingshelfer Gorden Isler ist diese Haltung der EU-Regierungen „erschütternd“. Deutschland hole „in einer Hauruckaktion mal eben mehrere Zehntausend Erntehelfer aus Osteuropa per Flieger ins Land“, sagt er. „Aber bei ein paar Dutzend Migranten in Seenot zeigen die EU-Staaten allesamt Härte.“

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