Bundespräsident

Steinmeier mahnt Deutsche zu Geduld in der Corona-Krise

| Lesedauer: 6 Minuten
Steinmeier: Pandemie ist Prüfung unserer Menschlichkeit

Steinmeier- Pandemie ist Prüfung unserer Menschlichkeit

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Menschen in Deutschland in einer Fernsehansprache zum Osterfest zu Geduld und Disziplin aufgerufen. Steinmeier nannte die Pandemie "eine Prüfung unserer Menschlichkeit" und bat darum, Hilfsbereitschaft und Solidarität auch nach der Krise zu erhalten.

Beschreibung anzeigen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ruft die Deutschen zu Ostern zu Geduld auf. Nur so lasse sich die Corona-Krise zu überwinden.

Berlin. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in der Corona-Krise an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen in Deutschland appelliert. Davon hänge ab, wann und wie die Einschränkungen im Kampf gegen die Pandemie wieder gelockert werden können, sagte Steinmeier in einer Fernsehansprache zum Osterfest, die am Samstagabend ausgestrahlt und von mehr als zwölf Millionen Zuschauern gesehen wurde.

Über Lockerungen der Einschränkungen würden nicht allein Politiker und Experten entscheiden, „sondern wir alle haben das in der Hand, durch unsere Geduld und unsere Disziplin – gerade jetzt, wenn es uns am schwersten fällt“, ergänzte er.

„Wir können und wir werden auch in dieser Lage wachsen“

In seiner Ansprache rief Steinmeier die Menschen in Deutschland zudem dazu auf, die Erfahrung der Solidarität in der Krise für die Zeit danach zu bewahren. Nach dieser Krise werde es eine andere Gesellschaft geben. „Wir wollen keine ängstliche, keine misstrauische Gesellschaft werden. Sondern wir können eine Gesellschaft sein mit mehr Vertrauen, mit mehr Rücksicht und mehr Zuversicht.“ Zugleich äußerte sich der Bundespräsident optimistisch: „Wir können und wir werden auch in dieser Lage wachsen.“

Deutlich äußerte sich das Staatsoberhaupt auch zur Diskussion um deutsche Hilfe für die europäischen Nachbarstaaten, die von der Corona-Pandemie teils deutlich stärker getroffen worden sind. „Deutschland kann nicht stark und gesund aus der Krise kommen, wenn unsere Nachbarn nicht auch stark und gesund werden“, sagte er. „30 Jahre nach der Deutschen Einheit, 75 Jahre nach dem Ende des Krieges sind wir Deutsche zur Solidarität in Europa nicht nur aufgerufen – wir sind dazu verpflichtet.“

„Zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind“

Steinmeier hatte schon am Vormittag vor der Aufzeichnung der Rede mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella telefoniert und ihm die Solidarität Deutschlands in der schwierigen Lage versichert. Es war das dritte Telefonat des Bundespräsidenten mit Mattarella in der Zeit der Corona-Krise, von der Italien neben Frankreich und Spanien in Europa besonders schwer betroffen ist.

„Ja, wir sind verwundbar“, sagte Steinmeier über die Pandemie. Man habe vielleicht „zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht“. Dies sei ein Irrtum gewesen. Er sei aber auch „tief beeindruckt von dem Kraftakt, den unser Land in den vergangenen Wochen vollbracht hat“. Steinmeier sagte: „So viele von Ihnen wachsen jetzt über sich selbst hinaus. Ich danke Ihnen dafür.“

Was bleibt nach der Krise: Ellbogen raus oder Engagement für die anderen?

Noch sei die Gefahr nicht gebannt, daher sei es „gut, dass der Staat jetzt kraftvoll handelt“. Der Bundespräsident appellierte: „Ich bitte Sie alle auch weiterhin um Vertrauen, denn die Regierenden in Bund und Ländern wissen um ihre riesige Verantwortung.“ Eine große Mehrheit befürwortet in Umfragen die Maßnahmen der Politik.

Das Land stehe an einer Wegscheide, sagte Steinmeier. Schon in der Krise zeigten sich die beiden Richtungen, die man nehmen könne: „Entweder: Jeder für sich, Ellbogen raus, hamstern und die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen? Oder bleibt das neu erwachte Engagement für den anderen und für die Gesellschaft? Bleibt die geradezu explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft?“

Steinmeier fragte, ob man auch nach der Krise der Kassiererin, dem Paketboten weiterhin die Wertschätzung schenke, die sie verdienten. „Erinnern wir uns auch nach der Krise noch, was unverzichtbare Arbeit – in der Pflege, in der Versorgung, in sozialen Berufen, in Kitas und Schulen – uns wirklich wert sein muss?“, fragte er rhetorisch.

Corona-Pandemie „eine Prüfung unserer Menschlichkeit“

Der Bundespräsident rief zu weltweiter Solidarität und gemeinsamen Anstrengungen gegen die Corona-Krise auf. „Suchen wir auf der Welt gemeinsam nach dem Ausweg oder fallen wir zurück in Abschottung und Alleingänge?“ Wissen und Forschung sollten geteilt werden, damit man schneller zu Impfstoff und Therapien gelange. Auch die ärmsten und verwundbarsten Länder müssten dazu Zugang haben. So läuft das Rennen um den rettenden Impfstoff.

Die Corona-Pandemie sei kein Krieg, sagte Steinmeier. „Sondern sie ist eine Prüfung unserer Menschlichkeit“, die das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervorrufe. „Zeigen wir einander doch das Beste in uns.“ Seine Ansprache schloss der Bundespräsident mit den Worten: „Frohe Ostern, alles Gute – und geben wir Acht aufeinander.“

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte nach Absprache mit Steinmeier auf ihren samstäglichen Videopodcast verzichtet. Die neun Minuten lange Fernsehansprache des Bundespräsidenten galt als außergewöhnliches Zeichen – normalerweise wendet sich das Staatsoberhaupt nur zu Weihnachten in dieser Form an die Menschen. (aky/dpa)