US-Präsidentschaftswahl

Darum gefährdet die Corona-Krise Donald Trumps Wiederwahl

Donald Trump dachte, er sei unbesiegbar. Doch in der Corona-Krise liegt seine Taktik in Trümmern. Ist jetzt Trumps Wahlsieg in Gefahr?

Geisterstadt: So sieht es im menschenleeren New York aus

Das Coronavirus trifft New York besonders hart. Die Stadt, die niemals schläft, steht praktisch still. Wir zeigen Bilder aus der menschenleeren Millionen-Metropole.

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Berlin. Das triumphierende Lächeln ist verflogen. Der Wortschwall der Selbstbeweihräucherung: passé. Donald Trump erscheint in diesen Tagen ungewohnt ernst. Der Präsident der Vereinigten Staaten redet vom Krieg – vom Krieg gegen das Coronavirus.

„Amerika führt weiterhin einen kompromisslosen Krieg, um das Virus zu besiegen“, sagt er. Das Virus werde „an jeder Front“ angegriffen. „Ich weiß, dass in dieser Zeit der Not jeder Amerikaner seine patriotische Pflicht erfüllen und uns dabei helfen wird, einen totalen Sieg zu erringen.“

Donald Trump befindet sich in der Corona-Krise in der Defensive

Front, Krieg, Sieg. Schnarrende Durchhalte-Parolen. Keine Frage: Trump befindet sich in der Defensive. Bis vor wenigen Wochen hatte er geglaubt, er sei unverletzlich und unbesiegbar. Er verhöhnte seine beiden demokratischen Konkurrenten beim Kampf um die Präsidentschaft: den „schläfrigen Joe“ Biden, der Kurs auf die Präsidentschaftskandidatur nimmt, und den „verrückten Bernie“ Sanders.

Trump flog auf einer Wolke der Selbstüberschätzung. Und alles schien auf ihn zuzulaufen. Seine größten Trümpfe für die Wahl am 3. November waren Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Die Börsen kannten nur eine Richtung: steil nach oben.

Da fast die Hälfte der Amerikaner Aktien (direkt oder in Fonds) besitzt, profitierten viele. Die Konjunktur lief ordentlich – besser jedenfalls, als im wachstumslahmen Europa. Die Arbeitslosenrate von unter vier Prozent war die niedrigste seit 50 Jahren.

Doch die Corona-Krise wirkt wie ein Hammerschlag auf Amerikas Wirtschaft. Sie verhagelt Trump die Bilanz. Der S&P 500, Leitindex der US-Börsen, raste in den Keller. Und am Arbeitsmarkt bahnt sich ein Desaster an. In der vergangenen Woche haben sich 6,64 Millionen US-Bürger neu arbeitslos gemeldet – so viele wie noch nie. Bislang lag der Negativ-Rekord bei 695.000 Anträgen im Jahr 1982.

Mit der Arbeitslosigkeit in den USA bricht der Konsum in sich zusammen

Nach Schätzungen der Investmentbank Goldman Sachs steigt die Arbeitslosenquote in den USA bis zum Sommer auf 15 Prozent. Die Effekte der bislang drei Corona-Hilfspakete sind bereits eingerechnet. Finanzminister Steven Mnuchin hatte intern sogar vor einer Quote von 20 Prozent gewarnt. Mit der Arbeitslosigkeit bricht der Konsum in sich zusammen. Der Verbrauch macht 70 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts aus.

Hinzu kommt, dass sich das Virus rasend schnell ausbreitet. Mit rund 250.000 Infizierten – mehr als Italien und Spanien zusammen – ist Amerika das neue Epizentrum der Pandemie. Die USA rechnen mit bis zu 240.000 Toten. Vor allem die rund 30 Millionen US-Bürger ohne Krankenversicherung sind betroffen.

Vizepräsident Mike Pence hat zwar in Aussicht gestellt, dass die Regierung für diese Gruppe die Corona-Behandlungskosten übernimmt. Doch die Krise verschärft die in Amerika ohnehin breite soziale Kluft zwischen Oben und Unten.

Nun rächt sich die anfangs haarsträubende Verharmlosungstaktik des Präsidenten. Noch am 9. März behauptete er, Corona sei nicht gravierender als eine Grippewelle. Ab Ostern werde die Wirtschaft wieder brummen, tönte er – eine horrende Fehleinschätzung.

Donald Trump agiert wie Kriegspräsident

Vor diesem Hintergrund flüchtet sich Trump nun in eine fulminante Kriegs-Rhetorik. Er aktivierte das Bundesgesetz „Defense Production Act“ aus der Zeit des Koreakrieges 1950. Es verpflichtet Unternehmen, bestimmte Güter zu produzieren. So müssen Automobilhersteller wie General Motors Beatmungsgeräte fertigen.

Die „USNS Comfort“, ein Krankenhausschiff der US-Marine, hat den Hafen von New York angelaufen. Sie soll die medizinischen Engpässe der Stadt zumindest abmildern. Die Finanz-Metropole an der Ostküste hat die Corona-Krise am heftigsten erwischt.

Trump sucht sein Heil in der Rolle des Kriegspräsidenten. Bei George W. Bush schnellten die Popularitätswerte nach den Terroranschlägen vom 11. September auf über 80 Prozent. Die Nation scharte sich in der Krise um den Mann im Weißen Haus. Auf diesen Effekt setzt nun auch Trump. Bushs Höhen wird Trump zwar nicht erreichen – dazu hat er in der Vergangenheit zu sehr auf Polarisierung und Spaltung gebaut.

Aber in einer aktuellen Umfrage der „Washington Post“ und des TV-Senders ABC stiegen die Zustimmungswerte für den Präsidenten auf den bislang höchsten von beiden Medien gemessenen Wert: 48 Prozent gaben ihm gute, 46 Prozent schlechte Noten.

Trump zum zweiten Mal negativ auf Coronavirus getestet
Trump zum zweiten Mal negativ auf Coronavirus getestet

Harvard-Professor sagt Wachstumseinbruch von 25 Prozent voraus

Trotzdem: Auf einen Durchmarsch bis zur Wahl kann Trump nicht vertrauen. Viele in Deutschland – auch in der Bundesregierung – hatten dies vor Corona befürchtet. Alles hängt nun von der Dauer und der Tiefe der Corona-Epidemie und der Konjunktur in den USA ab. Die Wirtschaft könnte zum Schicksal für Trump werden.

Der Harvard-Professor Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, sagt einen Wachstumseinbruch von 25 Prozent im zweiten Quartal aus. Corona und die Folgen gefährden die Wiederwahl von Trump.

Seine Hoffnung: Im Sommer ist der Höhepunkt der Corona-Krise überschritten, die Folgeschäden sind noch reparabel, und die Konjunktur kommt wieder auf Trab. Es ist eine Gleichung mit mehreren Unbekannten.

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