Coronavirus

Was Deutschland von China in der Krise lernen kann

Die Welt schaut auf die Volksrepublik. Wie hat es das Land geschafft, den Coronavirus einzudämmen und was kann Deutschland lernen.

Ein Sicherheitsmann misst in Shanghai die Temperatur von einer Kundin, bevor sie ins Geschäft darf.

Ein Sicherheitsmann misst in Shanghai die Temperatur von einer Kundin, bevor sie ins Geschäft darf.

Foto: HECTOR RETAMAL / AFP

Peking. 
  • In China breitet sich der Coronavirus seit einer Woche fast nicht mehr aus.
  • Weltweit steigt die Zahl der Infektionen aber weiter, Europa ist das neue Epizentrum
  • Mit „agilen und aggressiven“ Maßnahmen hat es China geschafft, das Virus einzudämmen

In Zeiten der Coronakrise heißt das Zaubermittel von Du Bin: „Testen, testen und nochmals testen.“ Ohne Testresultate wisse man schließlich nicht, welche Person das Virus in sich trage und wer in Quarantäne müsse, sagt der Arzt der Intensivmedizin in Peking.

„Noch wichtiger als die Behandlung der Lungenkrankheit ist deren Prävention und Eindämmung“, empfiehlt der Mediziner. Das sei sein Ratschlag an die internationale Gemeinschaft, die derzeit im Kampf gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 steht.

Tatsächlich schaut derzeit die ganze Welt auf die Volksrepublik, die das geschafft hat, was viele Experten für unmöglich gehalten haben: die Epidemie einzudämmen. Am Mittwoch hat die Nationale Gesundheitskommission in Peking den zweiten Tag in Folge nur eine einzige Neuansteckung im Epizentrum Wuhan vermeldet.

Landesweit gab es zudem lediglich zwölf weitere Infektionen, wobei es sich ausschließlich um „importierte Fälle“ handelt. Seit über einer Woche breitet sich das Virus praktisch nicht mehr aus, sondern wird erfolgreich unterdrückt. Gleichzeitig ist die Anzahl der global Infizierten am Mittwoch über 200.000 gestiegen. Es gibt teilweise unterschiedliche Zahlen. Das ist der Grund, warum diese variieren.

Corona-Krise: Eine Massenmobilisierung an Medizinpersonal umgesetzt

Mit welchen Maßnahmen hat das bevölkerungsreichste Land der Welt das Ruder herumreißen können? „China hat die vielleicht ambitioniertesten, agilsten und aggressivsten Bemühungen zur Krankheitseindämmung in der Geschichte eingeführt“, heißt es in einem Abschlussbericht der Weltgesundheitsorganisation WHO, nachdem sich rund ein Dutzend internationale Gesundheitsexperten Ende Februar die Lage vor Ort angeschaut haben.

Gemeint sind vor allem die drastischsten Quarantänemaßnahmen in der Geschichte des Landes: Am 23. Januar hat die Regierung zunächst die Elf-Millionen-Metropole Wuhan unter Quarantäne gestellt, in den nächsten Tagen stückweise die gesamte Provinz Hubei, in der mehr als 50 Millionen Menschen leben. Diese konnten sich zunächst innerhalb ihrer Bezirke frei bewegen, bis schließlich der individuelle Autoverkehr verboten und im letzten Schritt die Bevölkerung unter Hausarrest gestellt wurde. Die Essensversorgung konnte jederzeit sichergestellt werden – per Online-Lieferung. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Lieferdienste für Lebensmittel – mit unterschiedlichen Kosten.

In China haben sich Nachbarschaftskomitees Älterer oder hilfebedürftiger Personen angenommen.

Die Corona-Maßnahmen: Ärzte wurden entsandt, Teams spürten Erkrankte auf

Gleichzeitig hat das Land eine Massenmobilisierung umgesetzt, die an die Zeiten Mao Tse-tungs erinnert, den Gründer der Volksrepublik China: In die unter Quarantäne gesetzte Provinz Hubei wurden über 42.000 Ärzte und Pflegekräfte aus allen Landesteilen entsandt. Allein in Wuhan haben 1800 Teams Personen aufgespürt, die Kontakt zu bestätigten Coronavirus-Patienten hatten. Innerhalb von rund zehn Tagen wurden zwei temporäre Coronavirus-Krankenhäuser mit 2500 Betten errichtet.

Gleichzeitig wurden auch in den restlichen Landesteilen strikte Reisebeschränkungen eingeführt. Öffentliche Veranstaltungen wurden landesweit abgesagt, Kinos geschlossen, Schulferien massiv verlängert. U-Bahnzüge fahren in Peking mit höherer Frequenz, um mögliche Ansammlungen von Menschenmassen zu vermeiden.

Wer einen Supermarkt besucht, muss am Eingang seine Körpertemperatur messen lassen. Pförtner an Wohnsiedlungen stellen mit penibler Strenge sicher, dass keine fremden Besucher in die Anlagen gelangen.

Vor allem aber zeigte die Bevölkerung eine vorbildliche Disziplin: Fast alle Chinesinnen und Chinesen tragen Masken, sobald sie das Haus verlassen. Viele halten sich nach Möglichkeit in den eigenen vier Wänden auf. Zu Vorratskäufen kam es zwar, doch keinesfalls im selben Ausmaß wie es in Deutschland der Fall war. Die Bevölkerung zehrt vor allem von ihren tragischen wie reichhaltigen Erfahrungen mit Epidemien.

Währenddessen wird überall auf der Welt nach einem Impfstoff geforscht. In den USA wurde an dieser Frau als erste ein möglicher Covid-Impfstoff getestet.

In China wird das Volk mit rigider Überwachung und Datenanalyse kontrolliert

Zudem hat China massiv mit Big Data und öffentlicher Überwachung Infizierte und Kontaktpersonen ausgeforscht. Kein Land auf der Welt ist in diesem Bereich rigoroser. Ob beim Kauf einer SIM-Karte fürs Handy, beim Registrieren für eine App oder beim Buchen eines Flugtickets: Für jede Transaktion ist ein von der Regierung ausgegebener Personalausweis nötig. Zudem verfügt das Land über 200 Millionen Sicherheitskameras, von denen viele mit Gesichtserfassungssoftware ausgestattet sind. Ohne nennenswerte Datenschutzgesetze können sämtliche Informationen zentral verknüpft werden. Wie der Überwachungsstaat China künstliche Intelligenz einsetzt.

Ein Fallbeispiel: Jeder Passagier, der am Pekinger Hauptbahnhof ankommt, muss beim Verlassen der Eingangshalle eine Kamera passieren, die die Körpertemperatur erfasst. Sobald jemand Fiebersymptome zeigt, wird er von den Sicherheitskräften aus der Menge herausgefischt – und im Notfall an ein Krankenhaus weitergeleitet.

Im nächsten Schritt würden die Behörden jeden Passagier im selben Zugwaggon alarmieren, schließlich können sie die Identität und Telefonnummer durch den Ticketkauf leicht herausfinden.

Daten der Telefonanbieter sind für den Staat zugänglich

Die drei großen Telekommunikationsanbieter teilen ihre Daten sowohl mit dem Ministerium für Informationstechnologie als auch mit der Nationalen Gesundheitskommission. Damit kann praktisch jeder Bürger, der ein Smartphone bei sich führt, jederzeit geortet werden. Kürzlich wurde bekannt, dass China auch offenbar versucht, Touristen mit Smartphone-App auszuspähen.

All diese Maßnahmen haben aber dazu geführt, dass die Wachstumskurve außerhalb der unter Quarantäne stehenden Provinz Hubei etwa in der zweiten Februarwoche abgeflacht ist und in Wuhan und Umgebung einen halben Monat später. Viele WHO-Experten trauten den offiziellen Zahlen der chinesischen Regierung zunächst nicht. Mittlerweile herrscht jedoch Konsens darüber, dass diese im Großen und Ganzen stimmen.

Gleichzeitig jedoch handelt es sich nicht um einen Sieg gegen das Virus, sondern vielmehr um dessen „Unterdrückung“: Jederzeit kann ein aus dem Ausland importierter Fall ausreichen, um die Epidemie erneut im Land auszulösen. Deshalb hat die Stadtregierung in Peking massive Quarantänebeschränkungen aufrechterhalten: Jeder einreisende Ausländer muss direkt vom Flughafen für 14 Tage in ein Quarantäne-Hotel.

China leistet sogar schon Italien Hilfe

China ist bei der Bekämpfung der Corona-Krise inzwischen so weit fortgeschritten, dass es dem am stärksten betroffenen europäischen Land, Italien, Hilfe leisten kann. Mehrere Gruppen erfahrene Mediziner wurden inzwischen nach Rom geflogen. Im Frachtraum der Maschinen wurden dringend benötigte Schutzmasken und Beatmungsgeräte aus China mitgeführt.

Der Erfolg der chinesischen Regierung im Kampf gegen das Virus kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Behörden in den ersten Wochen des Ausbruchs nicht nur untätig blieben, sondern Warner zum Schweigen gebracht und die Gefahren vertuscht haben. Eine Studie der Universität Southampton hat ergeben, dass 95 Prozent aller Fälle in China – und vielleicht die Ausbreitung weltweit – hätten verhindert werden können, wenn die Kommunistische Partei zwei bis drei Wochen vorher ihre Maßnahmen ergriffen hätte.

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