Anschlagsopfer

Terror in Hanau – Die Verzweiflung der Angehörigen

Menschen aus Einwandererfamilien wurden zur Zielscheibe des rassistischen Attentäters. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Hanau gedenkt der Opfer der Anschläge

Mehrere tausend Menschen haben sich am Donnerstagabend in der hessischen Stadt Hanau versammelt, um der Opfer des mutmaßlich rassistischen Anschlags zu gedenken. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zu Zusammenhalt und Zivilcourage auf.

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Hanau. Am Morgen nach der Tat hockt Evin Unvar in der Turnhalle der Polizeiwache in Hanau. Seit Stunden warten sie hier, harren aus mit anderen Familien. Eltern, Geschwister, Cousins und Tanten. „Es war kalt“, sagt Unvar. „Und ich hab die Polizisten immer wieder gebeten, dass sie doch wenigstens den Eltern etwas sagen müssen.“ Geahnt hatten sie es zu diesem Zeitpunkt alle schon.

Um sieben Uhr am Donnerstagmorgen sei ein Polizist zu den Familien in die Turnhalle gekommen. Er hatte eine Liste dabei. Eine Familie sei dann weggeschickt worden, wahrscheinlich, so denkt sich Unvar heute, waren es die Eltern des jungen Mannes, der überlebt hat. Dann verliest der Polizist die Namen. „Ferhat war der Vorletzte auf der Liste“, sagt Evin Unvar. Dann bricht ihre Stimme weg.

Evin Unvar ist die Cousine von Ferhat. Ihr Cousin wurde 23 Jahre alt. Am Mittwochabend saß er in der „Arena Bar“ im Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Freunde hatten sich dort getroffen, guckten Fußball im Fernsehen, bestellten Pizza in der Halbzeit. Als sie gerade aßen, kam der Schütze durch die Tür.

Nach dem Anschlag in Hanau: Trauer um die Opfer

Es ist Tag zwei nach dem rassistischen Attentat in Hanau, Freitagmittag. Evin Unvar sitzt im kurdischen Kulturzentrum im Norden der Stadt. Vorne in dem Saal haben sie einen Tisch aufgebaut, mit Teelichtern und Rosen. Und Bildern von Ferhat. Wie er lacht. Wie er den Daumen hoch streckt. Alles roger. Wie er lässig in die Kamera schaut. Mit Schiebermütze und einem dunklen, langen Bart.

Ferhat hatte gerade eine Ausbildung als Heizungsinstallateur abgeschlossen, sagt Aydin Yilmaz. Auch er ist Ferhats Cousin. „Er wollte Wärme in die Wohnungen der Menschen tragen.“

Ferhat ist tot. Auch Gökhan. Hamza. Said. Bilal. Sedat. Und andere. Neun Menschen erschoss der Attentäter in mehreren Cafés, später mutmaßlich seine Mutter und sich selbst.

Mutmaßlicher Täter Tobias R. im rassistischen Wahn

Es sei ein Anschlag auf „uns alle“ gewesen, sagen Politiker nach terroristischen Taten oft. Das stimmt, einerseits. Alle Demokraten trifft die Tat in Hanau. Andererseits aber wählte der Täter seine Opfer gezielt aus. Das zeigen die Videos und das Bekennerschreiben, das Tobias R. vor der Tat im Internet verbreitet hatte.

„Ausländer“ waren sein Ziel. Menschen, die nicht „zum deutschen Volk“ gehören. Oder jedenfalls das, was Tobias R. in seinem rassistischen Wahn unter „Volk“ verstand. Menschen wie Ferhat sind seine Opfer. In Deutschland geboren, in Hanau aufgewachsen, zur Schule gegangen, eine Ausbildung gemacht. Er hatte zwei Brüder und eine Schwester. Auch sie sind in Deutschland geboren. Ferhat war der Älteste von ihnen. „Er wollte eine Familie gründen“, sagt Cousine Evin Unvar. Hier. In seiner Heimat.

Wer nach der Tat in Hanau mit Angehörigen spricht, der hört immer wieder Sätze wie: „Wir sind doch ganz normal. Wir leben wie Deutsche.“ Es klingt so, als müssten sich die Opfer für den Terror des Täters erklären. Als müssten sie sich entschuldigen. Auch jetzt noch – 60 Jahre, nachdem die ersten „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen.

Nach Hanau stellt sich die Frage: Wer ist noch sicher?

Nach der Tat von Hanau müssen die Familien den Schock verarbeiten. Es wird eine juristische Aufarbeitung geben, Kriminaltechniker mit weißen Anzügen durchsuchen auch zwei Tage nach der Tat noch die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters.

Noch eine Aufarbeitung wird es geben. Denn in Deutschland stellen Menschen wie Evin Unvar jetzt Fragen: Sind Menschen wie sie in diesem Land noch sicher? Im Sommer erschoss ein Rechtsextremist den CDU-Politiker Walter Lübcke. In Halle tötete ein Neonazi zwei Menschen bei einem Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss. Immer wieder Meldungen über mutmaßliche rechte Terrornetze. Und jetzt Hanau.

„Ich habe mehr Angst, allein auf die Straße zu gehen.“ Weil sie keine Haarfarbe habe wie Deutsche, sagt Unvar. Weil sie eine andere Hautfarbe habe. „Dabei ist Deutschland meine Heimat. Ich kenne nichts anderes.“ Unvar ist 1997 in Hanau geboren, sie arbeitet als Eventmanagerin. Das Geburtsland ihrer Eltern, eine türkische Stadt an der Grenze zu Syrien, besucht sie nur im Urlaub.

Nach dem Terror gibt es in Hanau Gesten gegen die Spaltung

Spaltet der rechte Terror die Gesellschaft? Erreicht er sein Ziel? Nach der Tat besuchen Spitzenpolitiker Hanau. Der Bundespräsident, der Bundesinnenminister. Integrationsbeauftragte. Mit ihren Worten wollen sie den Spalt kitten, das Vertrauen wieder herstellen. „Wir stehen bei Ihnen.“

Tausende Menschen demonstrierten in der Hanauer Innenstadt, das Denkmal der Gebrüder Grimm auf dem Marktplatz ist gekleidet in Kerzen und Blumen. An den Tatorten haben Menschen Botschaften hinterlassen: „Liebe für alle! Hass für keinen!“

Die Eingangstür zu Shisha-Bar und Kiosk ist versiegelt, eine Marke der Polizei klebt an der Tür. Doch in den Griff hat jemand eine rote Rose geklemmt. Es sind Gesten wie diese, die Menschen wie Evin Unvar und Aydin Yilmaz Mut machen. Gesten gegen die Spaltung.

Doch auch andere Fragen haben die Angehörigen. Viele Indizien sprechen dafür, dass Tobias R. in einer Wahnwelt lebte, gemischt aus Verschwörungstheorien, Frauenhass und Rassismus. „Wieso hat der eine Waffe?“, fragt Unvar.

Was die Angehörigen von Terroropfern vom Staat bekommen

Auch Edgar Franke kann das nicht beantworten. Er sei ein Repräsentant des Staates, sagt er. Aber er sei kein Politiker. Franke ist Opferbeauftragter der Bundesregierung für Menschen, die Angehörige bei Terroranschlägen verloren haben. Er trägt eine randlose Brille und einen schwarzen Mantel. Franke ist die Hand, die der Staat Ferhats Familie reichen will.

Gerade kommt er aus der Schule, die nur ein paar Meter entfernt liegt vom Tatort. Er erzählt, dass er sich mit zwei der Familien getroffen habe. Zwei Stunden hätten sie gesprochen. Es sei auch darum gegangen, wer nun die Kosten trage, für die Beerdigung. Um Anträge, die Witwen nun stellen müssen.

30.000 Euro „Soforthilfe“ bekomme ein Mensch, wenn seine Vater oder seine Mutter bei einem Anschlag stirbt, sagt Franke. 15.000 Euro für Geschwister. Mit ein wenig Geld will der Staat die Risse nach einem Attentat flicken. Vor allem eine Frage aber sei es, die Angehörige immer wieder stellen würden, sagt Franke. „Warum ausgerechnet mein Kind?“ Er kann sie nicht beantworten.

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