Gesundheit

Krebs: So will Europa die Volkskrankheit endlich besiegen

Die EU will mit Milliarden für die Forschung, konsequenter Prävention, mehr Diagnostik und besserer Behandlung gegen den Krebs kämpfen.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (CDU) vor einem Computertomografen. Die EU will dem Krebs auch mit verbesserter Diagnose den Kampf ansagen.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (CDU) vor einem Computertomografen. Die EU will dem Krebs auch mit verbesserter Diagnose den Kampf ansagen.

Foto: Adam Berry / Getty Images

Brüssel. 
  • Es ist ein mutiges und starkes Versprechen: Die EU soll führend im Kampf gegen Krebs werden
  • Ursula von der Leyen gibt am Weltkrebstag Startschuss für Europäischen Bekämpfungsplan
  • Die Hoffnung: Bis 2040 soll niemand in Europa mehr an Krebs sterben müssen

Ihre Mutter starb an Lungenkrebs, ihr Bruder Lorenz an einem Hirntumor. Und als Ursula von der Leyen gerade erst 13 Jahre alt war, verlor sie ihre zwei Jahre jüngere Schwester Benita, die an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war. „Sie wurde immer schwächer“, erzählte die heutige EU-Kommissionspräsidentin einmal über den Tod der Schwester.

„Zum Schluss war sie auch gelähmt.“ An das Gefühl der Hilflosigkeit erinnert sich von der Leyen bis heute: „Wenn die Schmerzen da waren, wenn ich mehr helfen wollte – und es nicht konnte.“

Jetzt will Ursula von der Leyen den Kampf gegen Krebs doch gewinnen. Er wird zu einem der wichtigsten Vorhaben in ihrem Amt: „Europa wird im Kampf gegen Krebs die Führung übernehmen“, lautet ihr Versprechen. An diesem Dienstag wird es ernst.

Krebs: Dramatischer Anstieg in den letzten dreißig Jahren

Mit EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides gibt sie bei einer Tagung zum Weltkrebstag den Startschuss für einen „Europäischen Krebs-Bekämpfungsplan“. Es geht um einen umfassenden Ansatz mit milliardenschwerer Forschungsförderung, konsequenter Prävention, mehr Diagnostik, besserer Behandlung – und auch einer ausgebauten Sterbehilfe, wenn alles andere versagt hat.

Kyriakides, in ihrer Heimat Zypern selbst mehrfach an Brustkrebs erkrankt, beschreibt die Dringlichkeit so: „Alle neun Sekunden wird ein neuer Krebsfall in der EU diagnostiziert. Es gibt kaum Familien in Europa, die nicht in irgendeiner Weise von der Krankheit betroffen sind.“ Tatsächlich stirbt mehr als jeder vierte EU-Bürger an Krebs, es ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache in Europa.

Seit 1990 nahm die Zahl der jährlichen Krebsfälle in der EU um 50 Prozent auf 3,1 Millionen zu. Der alarmierende Trend müsse umgekehrt werden, fordert die Gesundheitskommissarin. Gefragt seien viele Akteure – Politik, Medizin, Patientenorganisationen, Industrie. Entsprechend viele Felder soll das Programm umfassen: Es zielt nicht nur auf den Gesundheitssektor, sondern ebenso auf Schulen, den Arbeitsplatz, staatliche Einrichtungen oder Änderungen des Lebensstils.

In 20 Jahren soll niemand mehr in Europa an Krebs sterben müssen

Das EU-Parlament hat die Kommission auf jeden Fall im Boot. Die Abgeordneten haben schon einen eigenen Krebs-Sonderausschuss eingesetzt: „Ich bin sehr froh, dass der Kampf gegen Krebs jetzt solche Dynamik auf europäischer Ebene bekommen hat“, sagt der CDU-Gesundheitsexperte und EU-Abgeordnete Peter Liese. Klar sei, dass es zu einer massiven Steigerung der Forschungsgelder kommen werde.

Liese hatte den Stein mit ins Rollen gebracht: Er war der Fachmann hinter der Kampagne des EVP-Präsidentschaftskandidaten Manfred Weber (CSU), der im Europawahlkampf versprochen hatte, alle Kräfte darauf zu richten, dass in 20 Jahren niemand mehr in Europa an Krebs sterben muss.

Statt Weber wurde von der Leyen Kommissionspräsidentin, aber die übernahm die Idee des Krebs-Feldzugs in ihr Programm. Ein endgültiges Konzept will die Kommission zum Jahresende vorlegen, erst sollen in einem „Konsultationsprozess“ Wünsche und Vorschläge von Experten und Bürgern erfragt werden.

Besserer Datenaustausch soll Forschung unterstützen

Die zentralen Inhalte stehen längst fest. So wird Krebs einer der Schwerpunkte im EU-Forschungsprogramm „Horizon“. Damit stehen deutlich mehr Fördermittel zur Verfügung, die Rede ist von einem Betrag in Milliardenhöhe für die europäische Krebsforschung; Details hängen von den Haushaltsverhandlungen ab. „Das wird ein Eckstein unseres Krebs-Programms“, sagt Kyriakides.

Auch ein besserer Datenaustausch innerhalb Europas solle die Forschung unterstützen. „Die Zusammenarbeit in der EU ist essenziell für die notwendigen Fortschritte“, sagt auch Gesundheitsexperte Liese. „Im nationalen Rahmen sind die Fallzahlen bei vielen Krebsarten oder zum Beispiel auch bei Krebserkrankungen von Kindern viel zu niedrig für eine erfolgreiche Forschung.“

Großes Gewicht legt die Kommission auf die Prävention: 40 Prozent der Krebsfälle seien vermeidbar, sagt Kyriakides: „Diese Zahl frustriert mich. Aber mehr noch gibt sie mir Zuversicht: Das Potenzial, Leben zu retten, ist immens.“

Tabakbranche darf sich auf neue Erschwernisse einstellen

Als wichtige vermeidbare Ursachen gelten Rauchen, Fettleibigkeit und falsche Ernährung. Die Strategie soll sich daneben zum Beispiel auch auf Alkoholmissbrauch und Umweltfaktoren konzentrieren; die Tabakbranche darf sich wohl auf neue Erschwernisse einstellen, Kyriakides hat auch Industrie-Emissionen und die Belastung durch Chemikalien im Blick.

Wie weit sie dafür politische Unterstützung hat, ist offen. Liese fordert erst mehr wissenschaftliche Ursachenforschung und warnt, „eine Verbotsorgie würde niemandem helfen“.

Der Ausbau der Diagnose ist ebenfalls Teil des Programms. Sorgen bereitet der Kommission, dass der Zugang zum Krebs-Screening in einigen EU-Ländern noch ungenügend ist. Entschieden soll die Strategie auch gegen Arzneimittelknappheit gerade bei notwendigen Krebsmedikamenten vorgehen. Kyriakides will aber auch eine bessere psychologische Unterstützung von Betroffenen vorantreiben.

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