Immobilien

Wohnungssuche: Welche Personen häufig diskriminiert werden

Viele Wohnungseigentümer wollen nur an bestimmte Personen vermieten. Das Ergebnis dieser Umfrage spricht eine sehr deutliche Sprache.

Diskriminierung bei Wohnungssuche

Zugewanderte und Menschen mit ausländisch klingendem Namen werden auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt.

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Berlin. 
  • Bei der Wohnungssuche müssen sich potenzielle Mieter nicht nur gegen viele Konkurrenten durchsetzen – häufig erleben sie Diskriminierung
  • Eine Studie zeigt, dass Diskriminierung bei der Wohnungssuche zum Alltag gehört
  • Das erleben nicht nur Zugewanderte, sondern auch Deutsche, die aufgrund ihres Aussehens, etwa ihrer Hautfarbe, oder ihres Namens als „nicht deutsch“ wahrgenommen werden

Die Wohnungsanzeige spricht eine deutliche Sprache: „Keine Moslems! Keine Haustiere! Vermietet wird nur an weibliche Einzelperson“. In anderen Fällen läuft es subtiler: Eine Frau mit ausländisch klingendem Namen bittet vergeblich um einen Besichtigungstermin für eine freie Wohnung – kaum ruft sie mit einem fiktiven deutsch klingenden Namen an, wird sie eingeladen.

Zwei Fälle, die bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelandet sind – und die für viele andere stehen: Menschen, von denen Vermieter annehmen, dass sie nicht aus Deutschland stammen, erleben einer neuen Umfrage zufolge regelmäßig Diskriminierung bei der Wohnungssuche.

Wohnungssuche: Was sind die Ergebnisse der Umfrage?

Um das Ausmaß der Benachteiligung zu messen, wurden im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle mehr als 1000 deutschsprachige Personen über 16 Jahren befragt. Das Ergebnis liegt unserer Redaktion exklusiv vor:

  • Rund 15 Prozent aller Befragten, die seit 2010 auf Wohnungssuche waren, haben Diskriminierungserfahrungen aus rassistischen Gründen, wegen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder der Herkunft aus einem anderen Land gemacht.
  • Darunter finden sich nicht nur Zugewanderte, sondern auch Deutsche, die aufgrund ihres Aussehens, etwa ihrer Hautfarbe, oder ihres Namens als „nicht deutsch“ wahrgenommen werden.
  • Besonders betroffen aber waren Menschen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern nach Deutschland eingewandert waren: Jeder dritte Wohnungssuchende mit Migrationshintergrund (35 Prozent) berichtete von rassistischer Diskriminierung.

Wohnungen finden: Offen rassistische sind Alltag

„Oft reicht schon ein fremd klingender Name aus, um gar nicht erst zur Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden. Auch offen rassistische Wohnungsanzeigen gehören leider noch immer zum Alltag“, sagte Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle unserer Redaktion. „Dabei ist Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt gesetzlich verboten. Betroffene sollten sich über ihre Rechtslage informieren und wenn möglich gegen Benachteiligungen vorgehen“, so Franke.

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Die Umfrage zeigt ein hohes Pro­blembewusstsein: Die Mehrheit der Befragten (83 Prozent) ist der Ansicht, dass Diskriminierung aus rassistischen Gründen, wegen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder der ausländischen Herkunft bei der Wohnungssuche häufig vorkommt.

Und zwar häufiger als in anderen Bereichen: 67 Prozent gehen davon aus, dass derartige Benachteiligungen oft in öffentlichen Verkehrsmitteln vorkommen, 61 Prozent denken, dass rassistische Diskriminierungen beim Zugang zu Restaurants oder Clubs regelmäßig stattfinden. Den Bildungssektor nennen 57 Prozent, das Arbeitsleben 52 Prozent als Bereiche, in denen es zu Diskriminierung kommt.

Die Mehrheit erkennt das Problem – ändert sich dadurch etwas?

Problembewusstsein und eigene Haltung passen oft nicht zueinander: Auf die Frage, nach persönlichen Einstellungen gegenüber eingewanderten Personen als potenzielle Nachbarn oder Mieter, zeigt sich, dass die Vorbehalte zunehmen, je näher die Frage der eigenen Lebenswelt rückt: 29 Prozent hätten sehr große oder große Bedenken, wenn in die Nachbarwohnung oder das Nachbarhaus eine Person einziehen würde, die zugewandert ist.

Die Vorstellung, einer eingewanderten Person eine eigene Wohnung zu vermieten, sorgt bei 41 Prozent der Befragten für Bedenken. Der damalige AfD-Vize Alexander Gauland hatte vor vier Jahren versucht, aus dieser Haltung politischen Profit zu schlagen: Mit Blick auf Nationalspieler Jerome Boateng hatte er gesagt: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Boateng ist Berliner, sein Vater stammt aus Ghana, seine Mutter aus Deutschland.

Wie zeigt sich die Diskriminierung bei der Wohnungssuche im Alltag?

Schon bei den Kleinanzeigen und den Annoncen der Immobilienportale: Mit 37 Prozent berichten Betroffene am häufigsten davon, eine Immobilienanzeige gelesen zu haben, die bestimmte Personengruppen ausschloss. 32 Prozent gaben an, eine Wohnung oder ein Haus deswegen nicht bekommen zu haben, weil sie zu einer benachteiligten Gruppe gehören.

Weit seltener sind Benachteiligungen aufgrund des Alters: Mit acht Prozent sagte fast jeder Zehnte der zuletzt Wohnungssuchenden, dass er oder sie vom Wohnungsanbieter für zu jung oder zu alt gehalten wurde.

Die Mehrzahl der Diskriminierungen geht demnach von Privatpersonen aus, die eine oder wenige Wohnungen vermieten oder verkaufen. 22 Prozent aller Befragten mit Diskriminierungserfahrungen geben an, die Diskriminierung sei von Mitarbeitern privater Wohnungsunternehmen verursacht worden. 13 Prozent berichten von Diskriminierung durch Immobilienmakler, neun Prozent vonseiten staatlicher, also kommunaler Wohnungsbaugesellschaften.

Was hilft bei Diskriminierung?

Experten wie Franke beklagen rechtliche Schlupflöcher. So gelte das Diskriminierungsverbot im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nicht, wenn ein besonderes „Nähe- oder Vertrauensverhältnis“ eingegangen werde, etwa durch Nutzung von Wohnraum auf demselben Grundstück. Außerdem dürfen beispielsweise Wohnungsbaugesellschaften Wohnungssuchende „im Hinblick auf die Schaffung und Erhaltung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewogener Siedlungsstrukturen sowie ausgeglichener wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Verhältnisse“ unterschiedlich behandeln.

Beides ist umstritten: Diese Ausnahmeregelungen, so Franke, „können Rechtfertigungen für rassistische Diskriminierungen bieten – und sie verstoßen aus unserer Sicht auch eindeutig gegen das Europarecht und müssen aufgehoben werden“. Sinnvoll sei „auch ein Verbot diskriminierender Wohnungsanzeigen im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz – genau so, wie es bei Stellenanzeigen bereits der Fall ist.“

Diskriminierung – mehr zum Thema:

Ein Vermieter wollte bei der Wohnungssuche nur deutsche Bewerber. Im Dezember 2019 hat das Amtsgericht Augsburg entschieden, ob das erlaubt ist. Die Antidiskriminierungsstelle hat bis Oktober des vergangenen Jahres schon mehr als 3500 Fälle registriert. Seit 2010 haben sich die Beratungen sogar verdoppelt. 37 Prozent der Deutschen haben laut einer Studie Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt. In anderen Ländern ist es noch schlimmer.

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