Polizeibehörde

Bundespolizei erleichtert Anforderungen für Bewerber

Die Bundespolizei braucht Nachwuchs und passt ihre Aufnahmeprüfungen an. Ist das der Grund, warum kaum Bewerber durch den Test fallen?

Bundespolizisten an einem Bahnhof. Die Leistungsanforderungen an die Bewerber wurden gesenkt.

Bundespolizisten an einem Bahnhof. Die Leistungsanforderungen an die Bewerber wurden gesenkt.

Foto: Alexandra Stolze / Bundespolizei

Berlin.  Die „Chrysantheme“ sie spielt keine Rolle mehr. Im Auswahlverfahren für den mittleren Dienst bei der Bundespolizei wurde das Wort im Test-Diktat herausgenommen: zu schwer für die Bewerber. So ermöglicht man einem größeren Bewerberkreis, die weitere Teilnahme am Auswahlverfahren, heißt es in einer neuen Mitteilung der Bundespolizei.

Denn die Bundespolizei muss eine ganze Menge neu geschaffenere Stellen neu besetzen. Der sogenannte „Bruttoaufwuchs“ der Bundespolizei beträgt für 2020 genau 2150 Planstellen und Stellen. Und daher wirbt die Bundespolizei auf allen Kanälen, Youtube, Instagram.

„Auf die Plätze, fertig, Bundespolizei“, verkündet sie auf Facebook. Nicht nur per Video, sondern auch vor Ort hat die Polizei im vergangenen Jahr zu Live-Workouts in Bielefeld, Oberhausen und Dortmund eingeladen – und zwar als „ideale Vorbereitung auf den sportlichen Teil des Eignungstests“. Die Potsdamer Behörde hilft ihren Anwärtern auf die Sprünge, buchstäblich.

Am 31. Januar endet die Frist für die Bewerber, die als Anwärter zum 1. September im mittleren oder gehobenen Dienst anfangen wollen. In Potsdam hoffen sie, dass viele sich bewerben und jeder den Eignungstest besteht. Schließlich erlebt die Behörde einen Stellenausbau, der sie vor „große Herausforderungen“ stellt, wie der FDP-Abgeordnete Konstantin Kuhle weiß. „Dabei darf die Qualität der Ausbildung nicht leiden“, sagt er unserer Redaktion.

Bundespolizei: Liegt die Messlatte beim Eignungstest niedriger denn je?

Der FDP-Mann hat die Bundesregierung gefragt, wie viele Anwärter für den gehobenen Polizeidienst in den vergangenen zehn Jahren die Prüfung abgelegt und bestanden haben.

  • 2009 gabe 268 Bewerber, keiner fiel durch.
  • auch 2015 bei 165 Bewerbern fiel keiner durch.
  • In den anderen Jahren konnte man die Fälle an einer Hand abzählen.
  • Und von den immerhin 440 Anwärtern im Jahr 2019 sind bisher bloß zwölf an der Prüfung gescheitert. Sind die Anwärter so gut oder hängt die Messlatte niedriger denn je?

Jörg Radek ist ein Mann, der meist Klartext redet. Er ist Vizechef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und für die Bundespolizei zuständig. Aber zur Ausbildung drückt sich der Gewerkschafter gewunden aus. Radek spricht von der „Anpassung an die gesellschaftlichen Veränderungen junger Menschen in Bezug auf die geistigen und körperlichen Voraussetzungen für den Polizeiberuf“.

Die „Anpassung“, von der er redet, beginnt für ihn im Internet, auf der Seite www.komm-zur-bundespolizei.de. Dort kann jeder lesen oder per Video verfolgen, was von einem Anwärter erwartet wird: ein Koordinationstest, der mit einer Rolle rückwärts auf der Matte beginnt, ein Pendellauf zwischen zwei Turmkästen – viermal zehn Meter binnen elf Sekunden – und ein Zwölf-Minuten-Lauf. Eine 18-jährige Bewerberin sollte in der Zeit etwa 20 Runden, also 2000 Meter, schaffen. Bei zwei von fünf Punkten gilt der Testlauf als bestanden.

Motorische Fähigkeiten haben sich „deutlich verschlechtert“

Das Schwimmabzeichen in Bronze wird zwar verlangt, aber nicht am Becken überprüft, ob die vorgeschriebenen 200 Meter wirklich in sieben Minuten zurückgelegt werden. Als Gewerkschafter Radek vor 40 Jahren bei der Polizei antrat, wusste er nicht, was ihm im Fitnesstest abverlangt werden würde. Heute geht der Trend – auch bei der Bundeswehr – dahin, Neulinge dort abzuholen, wo sie sind. Und wo stehen sie?

Henning Harnisch, Basketball-Europameister 1993, engagiert sich für den Schul- und Jugendsport. Er höre von Lehrern, erzählte Harnisch der „Zeit“, dass manche Kinder keinen Purzelbaum können – und nicht rückwärtslaufen. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sagte im Deutschlandfunk, alle, die mit Kindern zu tun hätten, Ärzte, Lehrer, Eltern, beobachteten, dass sich die motorischen Fähigkeiten „deutlich verschlechtert“ hätten: rückwärtslaufen, balancieren, auf einem Bein stehen.

Anstrengungen der Bundespolizei ein Lehrstück über Nachwuchsgewinnung

Die „Generation Chillen“ ist das Personalreservoir, aus dem alle schöpfen, die Polizeien von Bund und Ländern genauso wie die Militärs. Die Privatwirtschaft kann auf die Agentur für Arbeit zurückgreifen, kann ihre Produktion verlegen oder Arbeitskräfte gar direkt im Ausland anwerben.

Die Polizei aber muss die Beamten von morgen erst mal jahrelang ausbilden. So sind die Anstrengungen der Bundespolizei ein Lehrstück über Nachwuchsgewinnung bei den Sicherheitsbehörden: Können sie es sich noch leisten, Bewerber kompromisslos an der Fitness scheitern zu lassen?

Die Alterskohorten werden kleiner. Zugleich gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Pension. Wer nicht fit ist, wird an die Leistungsanforderung herangeführt, bei der Bundeswehr teils mit individuellen Trainings- und Diätplänen. „Die Voraussetzungen für eine Bewerbung zur Bundespolizei werden regelmäßig evaluiert und ggf. angepasst“, erklärte die Bundespolizei unserer Redaktion.

Deutschtest ist ein Diktat aus 180 Wörtern

Standweitsprung und Liegestütze, einst eine Pflichtübung, wurden durch den Pendellauf ersetzt, „da hier Bewegungsschnelligkeit, die Stütz- und Rumpfkraft sowie Konzentrations- und Koordinationsfähigkeiten ein zeitgemäßes Bild der physischen Leistungsfähigkeit darstellen“, insbesondere von Frauen.

Wenn die polizeiärztliche Untersuchung bestanden ist, der Bewerber im Gespräch überzeugt hat, seine Verfassungstreue außer Zweifel steht, versucht man, ihm über alle Hürden hinwegzuhelfen. Das gilt auch für den Deutschtest, ein Diktat aus 180 Wörtern.

„Du kannst ganz einfach üben, indem du dir Zeitungsartikel diktieren lässt“, verspricht die Bundespolizei, die auf ihrer Homepage (komm-zur-bundespolizei.de) Textbeispiele stellt und erläutert, worauf sie beim Test achtet. Die Fehlertoleranz im Diktat wurde für das Auswahlverfahren mittlerer Dienst „geringfügig angehoben“, so die Behörde, „um einem größeren Bewerberkreis auch in den nachfolgenden Testbestandteilen die weitere Teilnahme zu ermöglichen“.

Messlatten wurden auf leisen Sohlen gesenkt

Dabei trägt man wohl dem Umstand Rechnung, dass auch EU-Bürger sich bewerben können und ein wachsender Anteil der deutschen Anwärter einen Migrationshintergrund hat. Wobei die Universitäten längst darüber klagen, dass auch Studenten, deren Muttersprache Deutsch ist, sich mit Rechtschreibung und Grammatik schwertun.

Gleichwohl verbessert sich der Notendurchschnitt der Abiturienten seit Jahren in fast allen Bundesländern. Offenbar wurden nicht nur bei der Polizei auf leisen Sohlen Messlatten gesenkt. Bei der Körpergröße schreibt die Bundespolizei keine Mindestgröße (früher: bei Frauen 163, bei Männern 165 Zentimeter) mehr vor. Bei Tätowierungen ist die Toleranzgrenze eindeutig: keine Tattoos im Gesicht, an Hals und Händen; an allen anderen Stellen müssen sie abgedeckt werden.

Für 2020 wurden gut 2000 zusätzliche Stellen genehmigt

Zur Pensionierungswelle kommt die beträchtliche Zahl an neu geschaffenen Stellen hinzu. Kuhle fordert, die Bundespolizeiakademie personell und finanziell entsprechend auszustatten, damit die Qualität der Ausbildung nicht leide und Stellen zeitnah besetzt werden könnten. Um Defizite auszugleichen, bedarf es laut Radek veränderter Ausbildungs- und Studienpläne, „mit mehr Praxisanteilen zum Beispiel durch Einsatztraining“.

Fortgebildet werden sollte auch das. „Auch die Sprache muss im Einsatz beherrscht werden.“ Früher lastete der Druck auf den Bewerbern, heute ist es die Behörde, die sich anstrengen muss. Bei 2150 neuen Stellen ist Durchfallen also fast keine Option, oder?

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