Kollektionen

Klimakiller Mode – wie große Konzerne die Umwelt belasten

Immer mehr, immer schneller – Modekonzerne wie H&M oder Zara schädigen Umwelt und Fabrikarbeiter. Jetzt will die Politik eingreifen.

Kleidung als Wegwerfartikel: Große Modekonzerne bringen jede Woche neue Kollektionen heraus.

Kleidung als Wegwerfartikel: Große Modekonzerne bringen jede Woche neue Kollektionen heraus.

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Berlin. Womit Karl-Johan Persson seine Freitage verbringt, ist im Detail nicht bekannt. Davon, dass der H&M-Chef nicht für das Klima demonstrieren geht, kann man aber ausgehen. Denn Persson hält nichts von den Klimademonstrationen der Klimaschutzbewegung Fridays for Future. Da gehe es nur darum, Dinge nicht mehr zu tun, sagte Persson im Herbst in einem Interview. „Hört auf zu konsumieren“ – das sei die Botschaft.

Und die ist durchaus ein Problem für Persson, für sein Geschäftsmodell und das von vielen anderen großen Modemarken. Fast Fashion heißt das Prinzip – immer mehr, immer schneller, am besten jederzeit verfügbar. Große Branchenevents, wie die Berliner Fashion Week, die am Montag beginnt, finden zwar noch immer zwei Mal im Jahr statt.

Aber der eigentliche Rhythmus des Geschäfts ist längst viel schneller. Schwergewichte wie Zara und H&M produzieren bis zu 52 Mikrokollektionen im Jahr – jede Woche hängen damit neue Teile in den Läden. Und das zu sehr niedrigen Preisen.

Das bedeutet nicht nur häufig gefährliche und ausbeuterische Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern. Es heißt auch, dass die Modeindustrie einen erheblichen Teil zum Ausstoß von Treibhausgasen weltweit beiträgt.

T-Shirts werden um die Welt geflogen, bevor sie im Laden landen

Schätzungen gingen davon aus, dass zwischen neun und elf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen auf den Textilsektor zurückgehen, sagt Viola Wohlgemuth, Expertin für die Modebranche bei Greenpeace. Ein Hauptteil der Emissionen falle dabei während der Herstellung an, in der Produktion der oft synthetischen Fasern, beim Druck, beim Färben und Finishing. „Die Fabriken, in denen das stattfindet, brauchen unfassbar viel Energie“, sagt Wohlgemuth.

Und die kommt nur in den seltensten Fällen aus erneuerbaren Quellen. „Gerade in Indien und China spielt Braunkohle da eine sehr große Rolle.“ Auch die Chemikalien, mit denen die Kleidungsstücke behandelt werden – bis zu 3000 Substanzen pro Teil – würden mit großem Energieaufwand hergestellt.

Dazu kommt der Transport: Um schnell in die Läden zu gelangen, werden die Produkte häufig nicht per Schiff, sondern auf dem Luftweg transportiert. Zum Teil werden einzelne Bestandteile eines Stücks an unterschiedlichen Standorten produziert und müssen allein zum Zusammensetzen schon geflogen werden. „So ein T-Shirt oder eine Hose kann zweieinhalb Mal um die Welt geflogen sein, bevor es im Laden landet“, sagt Wohlgemuth.

Und das alles, um am Ende nach dem Kauf häufig für immer in den Schränken zu verschwinden. Knapp 40 Prozent der Kleidung in deutschen Haushalten wird einer Befragung zufolge sehr selten oder nie getragen. Gekauft wird trotzdem: in Deutschland pro Person im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke im Jahr. Zwischen 2000 und 2014 hat sich laut einem Bericht des Beratungsunternehmens McKinsey die Zahl der produzierten Kleidungsstücke weltweit verdoppelt und lag 2014 zum ersten Mal jenseits der 100-Milliarden-Marke.

Zu viel Synthetik: Stoffberge lassen sich kaum recyceln

Ein gigantischer Berg aus Stoff – der sich nicht einmal richtig wiederverwerten lässt, weil die allermeisten Gewebe mittlerweile synthetische Fasern enthalten, die kaum neu zu verweben sind. Nicht einmal ein Prozent der Textilien weltweit wird laut Umweltministerium recycelt.

Und selbst wenn alle neuen Kleidungsstücke aus recycelbaren Fasern wären, bleibt das Volumen ein Problem: Märkte, die solche Mengen an wiederverwertetem Material aufnehmen könnten, gibt es schlicht nicht, so der McKinsey-Bericht. Am Ende landen deshalb derzeit fast drei Fünftel auf dem Müll oder in der Verbrennungsanlage.

Eine Bilanz, mit der Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) nicht zufrieden ist. „Seit Jahren gibt es Entwicklungen im globalen Textilsektor, die nicht nachhaltig sind: immer mehr, immer billiger, immer schneller“, sagte Schulze unserer Redaktion. „Die Kosten der globalen Umweltverschmutzung und Ressourcenverschwendung stehen leider nicht auf dem Preisschild am Produkt.“

Um das zu ändern, sollten zwei Veränderungen angestoßen werden, so die Ministerin. Hersteller und Handel bräuchten mehr Anreize, sich stärker an Nachhaltigkeit zu orientieren – „notfalls auch mit gesetzlichen Regeln“. Im Umweltministerium arbeitet man derzeit an einer Neufassung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Darin soll eine sogenannte Obhutspflicht enthalten sein, die Hersteller und Händler verpflichtet, Ware möglichst lange gebrauchsfähig zu halten. Damit, so die Hoffnung, soll der Anreiz wachsen, weniger überschüssige Waren zu produzieren.

Gibt es ein Umdenken der Modekonzerne?

Doch auch auf Verbraucherseite muss sich laut Ministerin etwas tun: Konsumenten müssten dazu bewegt werden, mehr Wert auf qualitativ hochwertige und langlebige Bekleidung zu legen.

Da ist zumindest Bewegung erkennbar, sagt Kulturwissenschaftlerin Heike Derwanz, die an der Universität Oldenburg über Mode forscht. Der Boom der Secondhandbranche, aber auch Studien deuteten darauf hin, dass das Thema zunehmend bei den Menschen ankomme. „Ich bin optimistisch, dass das Bewusstsein bei den Konsumenten wächst“, sagt Derwanz.

Diesen Eindruck haben offensichtlich auch die Unternehmen: Inditex, Mutterkonzern unter anderem von Zara und Bershka, will bis 2025 nur noch „nachhaltige“ Mode verkaufen. H&M bietet seit Jahren auch Kollektionen an, deren Produkte laut Unternehmen mindestens zur Hälfte aus Bio-Baumwolle oder recycelten Materialien bestehen.

Bis 2040 will das Unternehmen außerdem durch die gesamte Wertschöpfungskette hindurch „klimapositiv“ sein. Der Konzern experimentiert zudem mit Geschäftsmodellen, bei denen Kunden Kleidung leihen statt kaufen können.

Also alles auf einem guten Weg? Heike Derwanz warnt davor, den Erzählungen der Industrie einfach so „aufzusitzen“. „Es ist schön, dass viele Firmen erkannt haben, dass sie da was tun müssen“, sagt sie. „Aber sie brauchen ganz dringend jetzt den gesellschaftlichen Druck, um das wirklich umzusetzen.“

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