Arbeitszeit

Welche Chancen hat eine Vier-Tage-Woche in Deutschland?

Arbeitszeitverkürzung, Homeoffice, Teilzeit – zu Jahresbeginn wird über neue Arbeitsformen diskutiert. Doch die Wirtschaft winkt ab.

Weniger Arbeit, mehr Zeit für die Familie – flexible und kürzere Beschäftigung könnten das ermöglichen.

Weniger Arbeit, mehr Zeit für die Familie – flexible und kürzere Beschäftigung könnten das ermöglichen.

Foto: Zinkevych / iStock

Berlin. Der Beginn eines neuen Jahres bringt für viele Arbeitnehmer neben guten Vorsätzen auch Gedanken über das Arbeitsleben mit sich. Verbringe ich zu viel Zeit im Job, was ist mit dem Leben nach Feierabend?

Die Meldung aus Finnland, wo die neue junge Ministerpräsidentin Sanna Marin angeblich eine Vier-Tage-Woche und nur sechs Arbeitsstunden ins Spiel gebracht hat, kam da gerade recht. Allerdings handelte es sich um einen älteren Vorstoß, den sie bereits zu ihrer Zeit als Verkehrsministerin machte.

Die reguläre Arbeitszeit in Finnland beträgt derzeit in der Regel maximal acht Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche – so steht es auch im neuen finnischen Arbeitszeitgesetz, das zum 1. Januar 2020 in Kraft getreten ist. In Dänemark allerdings beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 37 Stunden, auch in Schweden gibt es flexiblere Modelle, wie die Arbeitszeit aufgeteilt werden kann.

Auch in Deutschland ist Arbeitszeit immer wieder ein Thema. Ein Überblick über die Regelungen und Standpunkte:

Diskussion um Vier-Tage-Woche: Wie sind die Regelungen in Deutschland?

Pro Woche darf ein Arbeitnehmer nach dem deutschen Arbeitszeitgesetz höchstens 48 Stunden arbeiten, und zwar für 48 Wochen im Jahr.

Im Gesetz heißt es weiter: „Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.“ Grundsätzlich darf nicht länger als sechs Stunden ohne Pause gearbeitet werden.

Gibt es eine europäische Regelung?

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg verpflichtete im Mai 2019 Arbeitgeber in der EU dazu, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter systematisch und vollständig zu erfassen (Az. C-55/18). Eine Frist zur Umsetzung des Urteils setzten die Richter allerdings nicht, in Deutschland ist es noch nicht umgesetzt.

Das Urteil erlaubt jedes verlässliche System zur Zeiterfassung von der Stechuhr bis zur App. Die genaue Umsetzung wird von nationalen Vorgaben abhängen.

Ist die Vier-Tage-Woche sinnvoll?

Die neuseeländische Finanzfirma Perpetual Guardian testete das Konzept schon 2018, begleitet von Wissenschaftlern der Universität Auckland. Die fanden heraus, dass vier Tage – beim selben Lohn wie sonst – nicht nur deutlich weniger Stress und eine bessere Balance zwischen Arbeit und Sozialleben für Mitarbeiter bringt. Gleichzeitig wuchsen auch Engagement und das Gefühl, in der Firma mitreden zu können – und das alles, ohne dass die Produktivität litt.

Hintergrund: Finnische Ministerpräsidentin fordert Vier-Tage-Arbeitswoche

Was sagt die deutsche Politik?

Über neue Arbeitszeitmodelle muss gesprochen werden, findet Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. „Es ist höchste Zeit, dass endlich wieder mehr Schwung in die Debatte zur Vereinbarkeit von Arbeit und Leben kommt“, sagte sie unserer Redaktion. „Wir müssen diskutieren, wie sich Arbeit besser an die Bedürfnisse der Menschen anpassen lässt statt nur umgekehrt.“

Die Idee aus Finnland sei „interessant, auch wenn sie nicht auf jede Branche und jede Situation übertragbar ist“. Schon heute könne man in Deutschland eine flexible Vollzeit ermöglichen, „bei der sich die Beschäftigten ihren Arbeitszeitumfang aus einem Zeitkorridor zwischen 30 und 40 Wochenstunden selbst aussuchen können, wenn keine betrieblichen Gründe dagegen sprechen“, so Göring-Eckardt.

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Die Grünen-Fraktionschefin plädiert zudem für ein Recht auf Home­office. Ein solches Recht will eigentlich auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) schaffen. 2019 kündigte er an, die mobile Arbeit von zu Hause oder unterwegs gesetzlich zu verankern, ein erster Gesetzesentwurf sollte im Herbst vorgelegt werden. Daraus wurde nichts – auch weil in der Frage, ob ein solcher Rechtsanspruch nötig ist, Heil (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zerstritten sind.

„Der Wirtschaftsminister irrt, wenn er hier Nichtstun für eine Option hält“, hatte Heil im vergangenen Jahr gegenüber unserer Redaktion betont. Auf die Frage, wann mit einem ersten Entwurf zu rechnen sei, teilte das Bundesarbeitsministerium im Dezember lediglich mit, einen konkreten Zeitpunkt könne man noch nicht nennen, das Projekt sei in Arbeit.

Die FDP wünscht sich eine Orientierung an der EU-Richtlinie: „Die schreibt in Summe exakt dieselbe wöchentliche Arbeitszeit und Pausenzeiten vor wie das deutsche Recht, aber erlaubt eine freiere Einteilung unter der Woche“, sagt Johannes Vogel, arbeitspolitischer Sprecher der Fraktion.

„Das ist eine wichtige Debatte“, sagt auch SPD-Fraktionsvize Katja Mast. Sie verweist auf das Konzept der Familienarbeitszeit, mit dem die SPD die Familien finanziell belohnen will, bei denen beide Eltern Teilzeit arbeiten.

Wie reagiert die Wirtschaft?

Die deutschen Arbeitgeber schütteln den Kopf. „Es wirkt realitätsfern, wenn wir in Deutschland über Arbeitszeitverkürzungen per Gesetz nachdenken, obwohl wir einen gravierend anwachsenden Fachkräftemangel haben. Das würde die ohnehin schwierige Situation am Arbeitsmarkt noch verschärfen“, heißt es auf Nachfrage bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Wer weniger arbeiten möchte, könne das bereits heute im Rahmen umfänglicher und flexibler Teilzeitregelungen tun.

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