Thüringen-Wahl

AfD-Hochburg Paska: Mehr als 60 Prozent wählten Höcke

Wer die AfD-Wähler in Thüringen verstehen will, muss in das kleine Dorf Paska reisen. Ein Ortsbesuch mit überraschenden Antworten.

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107 Einwohner zählt die kleine Gemeinde Paska im Saale-Orla-Kreis in Thüringen.

107 Einwohner zählt die kleine Gemeinde Paska im Saale-Orla-Kreis in Thüringen.

Foto: Sascha Fromm

Paska. Ein kurzes Hupen hallt über das Wasser und durch das Saaletal. Der Wald wächst dicht und bis ans Ufer. „Ich muss los, Arbeit“, sagt Tino Riemenschneider. Eigentlich hatte er gar nichts sagen wollen. Werde eh alles wieder falsch dargestellt „in den Medien“, sagt er, das „eigene Wort verdreht“. Er winkt ab.

Riemenschneider ist ein stämmiger Mann mit angegrautem Haar. Er ist Bürgermeister von Paska, ein Dorf im Süden von Thüringen, zwischen Feldern, Pferdekoppeln und Naturschutzgebiet. Das Amt macht Riemenschneider ehrenamtlich, sein Beruf ist Busfahrer im Winter. Und Fährmann im Sommer.

Und deshalb muss er jetzt noch einmal los zu seiner Autofähre unten an der Saale. Jemand hat gehupt, Arbeit. Und überhaupt habe er jetzt doch viel zu viel geredet, über sein Dorf – und über die Frage, warum dort am Sonntag fast zwei Drittel der Menschen die AfD gewählt haben. Riemenschneider sagt: „Ich verstehe meine Einwohner.“

AfD-Hochburg Paska – Das Wichtigste in Kürze:

  • In Paska in Thüringen haben mehr als 60 Prozent die AfD gewählt
  • Bei der Landtagswahl erhielt die Partei in ganz Thüringen mehr als 23 Prozent
  • Nirgendwo als in Paska war die Partei stärker

In Paska triumphieren die Rechten

Bei der Wahl in Thüringen hat die AfD mehr als 23 Prozent der Stimmen erhalten, das Ergebnis konnte die Partei im Vergleich zur vergangenen Landtagswahl mehr als verdoppeln. An der Spitze der Thüringer AfD steht Björn Höcke. Ein Gericht hat entschieden, dass es zwar „ehrverletzend“ sei, aber dass es genug Argumente gebe, diesen Mann einen „Faschisten“ zu nennen.

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In Paska leben 107 Menschen. Viele Fachwerkhäuser, auf dem Dorfplatz Teich und Brunnen, daneben Spielplatz und Kirche. Die Saale mit der Fähre liegt ein paar Kilometer entfernt. Vieles liegt hier irgendwie entfernt. Paska ist Provinz. In Paska kam die AfD laut Wahlstatistik auf 62,7 Prozent der Stimmen. Nirgendwo in Thüringen war die Partei stärker. Und doch steht Paska für viele Orte, in denen die Rechten triumphierten. Kühdorf. Grimmelshausen. Göschitz. Deesbach.

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Paskas Bürgermeister Riemenschneider sagt, das sei eine „Frustwahl“ gewesen. Das habe er von den Menschen gehört, die AfD wählen. In Paska waren es laut Riemenschneider 38, ohne Briefwahl. Viele in seinem Dorf hätten zwei oder drei Kinder. Das koste, sagt Riemenschneider, der Kita-Platz, das Haus, Essen. „Da bleibt wenig übrig.“

„Die Deutschen zahlen alles, die Ausländer bekommen alles.“

Zudem werde der Gemeinde immer mehr aufgebürdet. Die Landstraße durch den Ort sei von der Verwaltung zu einer Gemeindestraße abgestuft worden. Seitdem räume nicht mehr die Kreisverwaltung im Winter den Schnee zur Seite. „Wir müssen das selbst zahlen“, sagt Riemenschneider. Es seien diese Entscheidungen, die den Frust haben wachsen lassen.

Und wenn es ums Geld geht, sagt Riemenschneider auch: „Die Deutschen zahlen alles, die Ausländer bekommen alles.“ Mehrere Menschen, die in dem Ort über die Wahl reden, bringen ihre Stimmung auf diese einfache Gleichung. Wen Riemenschneider, selbst parteilos, gewählt habe? Er zuckt mit den Schultern, lächelt.

Die AfD, und noch einmal radikaler Björn Höcke, hetzt immer wieder gegen Muslime, Migranten und Flüchtlinge. Islamfeindliche Politik ist DNA des rechten „Höcke-Flügels“. Aber die Asylpolitik ist nur ein Gebiet für die Parolen der Partei. Ein anderes sind, wie Höcke sagt, die „Kartellparteien“. Er wiederholte es immer wieder, er wolle „die Wende vollenden“, als würde Ostdeutschland noch immer in einer Diktatur leben.

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Melissa Möller sagt, sie kenne Björn Höcke nicht. Also den Namen, ja. Aber nicht seine Forderungen. Dass Höcke auch vor einer „Umvolkung in Deutschland“ und dem „Volkstod“ warne, höre sie jetzt zum ersten Mal. Möller ist 30, Verkäuferin im Nachbarort und gerade zu Besuch bei ihrer Mutter. Sie steht am Dorfplatz von Paska.

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Gerade musste Möller schon in die Kamera eines Fernsehteams erzählen, warum sie es gut finde, dass die AfD so erfolgreich bei der Wahl war. Es sind an Tag eins nach der Wahl einige Journalisten ins kleine Paska gekommen. Möller beschreibt, wie andere auch, keine konkreten Forderungen. Sie sagt nichts zu Gesetzen oder Vorstößen der Parteien. Sie redet über ihr Gefühl. Dass die Menschen hier nicht „zufrieden“ seien.

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Der Bus komme nur noch zweimal in der Woche

Wenige Wochen vor der Wahl habe die Sparkasse in ihrem Ort geschlossen. „Trotz Unterschriftensammlung“, sagt sie. Möller sagt, dass sie sich auch über das gute Ergebnis der Linkspartei und Ministerpräsident Bodo Ramelow gefreut habe. „Aber auch der muss mehr durchgreifen.“ Wie meinen Sie das? Möller schiebt ein Lächeln ein, sucht nach einer Antwort und sagt dann: „Er muss mehr zu uns kommen, zu den Leuten.“ Warum die Linke in Thüringen triumphierte.

Möller sagt, der Erfolg der AfD habe „auch viel mit den Ausländern“ zu tun. In Paska gibt es keine, aber im größeren Nachbarort schon. Dann sagt sie, wie Riemenschneider und andere auch, diesen Satz: „Die kriegen doch alles.“ Rechtsradikal findet Möller die AfD nicht. Die junge Frau schiebt eine Portion Vorsicht in ihre Worte, vielleicht Zurückhaltung.

Bei anderen hier am Dorfplatz ist das nicht so. Ein älterer Mann im Blaumann empfängt seine Frau, die gerade mit ihrem Auto in die Auffahrt einbiegt. Er erzählt, dass sie „ihr ganzes Leben lang gearbeitet habe“, und jetzt bekomme sie 600 Euro Rente.

Der Mann wird laut, es sei sinnlos, sich darüber zu unterhalten. Seine Frau steigt aus dem Auto, sie hört kurz zu, dann ruft sie: „Immer mehr solche Kanaken kommen rein.“ Das Paar schiebt das Tor zu.

Die Rente war schon vorher klein

Viel ist geschrieben worden über den Aufstieg der AfD. Fast immer ist die Partei auf dem Land stärker als in der Stadt. Fast immer im Osten stärker als im Westen. Mehr die Männer als die Frauen. In Paska listet eine ältere Frau andere Fakten auf. Der Bus komme nur noch zweimal in der Woche, mittwochs und freitags. Zu DDR-Zeiten habe es ein Geschäft gegeben, jetzt komme nicht einmal mehr der Bäckerwagen. Die Frau möchte ihren Namen nicht nennen. Aber sie erzählt von ihrem Leben in Paska.

„Ich ernähre mich vegetarisch“, sagt sie. Und morgens mache sie sich einen Smoothie. Im Garten ernte sie Kartoffeln, Möhren, Rettich, Tomaten. Damit komme sie über die Runden. Sie habe viele Jahre als Hausfrau gearbeitet, kein Geld verdient. „Nur von der Rente könnte ich nicht leben.“ Ihr Garten ist ihr Hobby. Aber auch ihre Existenz. Vieles, was die Frau beschreibt, ähnelt den Erzählungen der anderen Menschen in Paska. Aber etwas unterscheidet sich in ihren Worten. Sie gibt den Fremden nicht die Schuld. „Die Migranten haben mir meine Rente nicht weggenommen. Die war vorher schon klein.“