Studie

Kinderreiche Familien sind häufiger von Armut bedroht

Wer mehr Kinder hat, hat weniger Geld. Häufig aber so wenig, dass viele Familien von Armut bedroht sind. Das sagt eine neue Studie.

Mehr Kinder ist gleich weniger Geld? Zu diesem Schluss kommt eine Studie (Symbolfoto).

Mehr Kinder ist gleich weniger Geld? Zu diesem Schluss kommt eine Studie (Symbolfoto).

Foto: Christian Charisius / dpa

Berlin. Der Anteil der kinderreichen Familien in Deutschland, die arm sind, hat sich in den vergangenen Jahren erhöht. Im Jahr 2018 betrug die Armutsrisikoquote von Paaren mit drei oder mehr Kindern 30 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es noch 24,5 Prozent. Das zeigt eine Antwort des Bundessozialministeriums auf eine Frage der Linken im Bundestag, die unserer Redaktion vorliegt.

Die Parlamentarische Staatssekretärin Anette Kramme (SPD) begründete die Entwicklung mit der gestiegenen Zuwanderung. Sie berief sich dabei auf nicht näher bezeichnete Wissenschaftler. Neu Zugewanderte würden sich „zunächst eher am unteren Ende der Einkommensverteilung einsortieren“, schrieb Kramme.

Armutsrisiko: Kinderreiche Familien auf Arbeitsmarkt benachteiligt

Es sei „plausibel“, dass dies auch bei der Entwicklung bei Paaren mit drei oder mehr Kindern eine Rolle spiele. Es gebe dazu allerdings keine wissenschaftlichen Untersuchungen, so die Staatssekretärin. Sie betonte, dass die Armutsrisikoquote nur eine statistische Größe sei und nichts über die individuelle Bedürftigkeit einer Familie aussage.

Die Linken-Sozialpolitikerin Sabine Zimmermann nannte es „keine akzeptable Entschuldigung“, dass die Bundesregierung die gestiegene Armutsquote mit der Zuwanderung erkläre. „Ist Armut bei Zugewanderten weniger schlimm?“, fragte Zimmermann.

Sie warf der Regierung vor, benachteiligte Gruppen gegeneinander auszuspielen, um vom eigenen Versagen abzulenken. „Armut von Familien ist politisch verursacht“, sagte Zimmermann unserer Redaktion.

Kinderreiche Familien seien auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Ihnen fehlten Betreuungsangebote. Vor allem aber seien die staatlichen Leistungen zu gering. Zimmermann forderte eine eigenständige Kindergrundsicherung, die anderer Familienleistungen ersetzen soll. Auch interessant: Warum viele Kinder in Deutschland dauerhaft in Armut leben.

So ergibt sich die Armutsrisikoquote

Die Armutsrisikoquote wird regelmäßig von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder errechnet. Sie basiert auf einer jährlich durchgeführten amtlichen Befragung von Haushalten, dem so genannten Mikrozensus.

  • Daraus ergab sich viele Jahre lang eine Armutsrisikoquote von Paaren mit drei oder mehr Kindern von rund 24 Prozent.
  • Im Jahr 2015 betrug sie dann 25,2 Prozent und ein Jahr später bereits 27,4 Prozent.
  • Im Jahr 2017 waren es 29,1 Prozent, im vergangenen Jahr schließlich 30,0 Prozent.

Dass das Pro-Kopf-Einkommen sinkt, je mehr Kinder in einem Haushalt leben, ist auch eine Erkenntnis mehrerer Studien, beispielsweise einer jüngst veröffentlichten Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Familien mit mehreren Kindern seien deshalb von Armut betroffen. Dies gelte vor allem für niedrige Bildungsschichten. „Familien mit drei und mehr Kindern machen sich deutlich häufiger große Sorgen um ihre finanzielle Zukunft als Paare mit weniger Kindern“, heißt es in der Studie.

Meiste kinderreiche Familien gehören zur Mittelschicht

Eine weitere Aussage der Studie: Frauen mit drei oder mehr Kindern bringen etwa doppelt so viel Zeit für Kinderbetreuung auf wie Frauen mit nur einem Kind. Bei den Männern sei es nur knapp eine Stunde mehr. „Eine stärkere Unterstützung in den Bereichen Geld, Infrastruktur und Zeit würde Mehrkindfamilien entlasten“, heißt es in der Studie, „und würde ihnen mehr soziale Teilhabe und Bildung ermöglichen und ihr Armutsrisiko reduzieren.“

Der Studie zufolge sind die meisten kinderreichen Familien inzwischen der Mittelschicht zuzuordnen. „Bei den heute etwa 50-Jährigen Frauen haben 73 Prozent einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss“, schreiben die Autoren der Studie.

Der Anteil der Akademikerinnen unter den Kinderreichen liege inzwischen bei fast 20 Prozent. Frauen mit Migrationshintergrund hätten zwar häufiger mehr Kinder. Während Einwanderer aus EU-Ländern „ähnliche Kinderzahlen wie Einheimische“ hätten, sei die Bevölkerungsgruppe mit dem größten Anteil kinderreicher Familien Migrantinnen aus muslimisch geprägten Ländern; ihr Anteil betrage 51 Prozent. In dieser Gruppe seien fast 60 Prozent der Frauen mit niedriger Bildung kinderreich.