Internet-Shoppen

Wie ein Elektro-Händler gegen „Beratungsdiebstahl“ kämpft

Ein Braunschweiger ist es leid, dass sich Kunden beraten lassen und dann im Netz shoppen. Er startet eine ungewöhnliche Aktion.

Ohlendorf

Ohlendorf

Foto: Norbert Jonscher

Braunschweig. Jürgen Weferling (64) hält einen Elektrohobel in der Hand, den er aus einem Regal genommen hat. 82 Millimeter Hobelbreite, 1050 Watt – falls es mal härtere Bretter zu hobeln gilt. „Der kostet bei uns so um die 300 Euro, im Internet kriegt man ihn vielleicht billiger. Aber dafür hat man keine fachkompetente Beratung“, sagt der Inhaber des Eisenwaren-, Gartenmöbel und Elektrogerätehändlers Ohlendorf.

Händler Weferling spricht von „Beratungsdiebstahl“

Und der wartet mit einer Neuerung auf: Er begegnet dem grassierenden „Beratungsdiebstahl“ mit einer Gebühr von zehn Euro. So viel müssen Kunden zahlen, die sich nach allen Regeln der Kunst von vorn bis hinten beraten lassen, dann jedoch Unentschlossenheit vortäuschen – und das Produkt preiswerter im Internet kaufen. Und Ohlendorf mit leeren Händen dastehen lassen.

Außer Spesen nichts gewesen – eine Erfahrung, die der inhabergeführte Einzelhandel seit Jahren macht. Nun ist Weferling einer der ersten, der sich traut, König Kunde dafür zur Kasse zu bitten: für eine erbrachte Leistung, die bislang ohne Gegenleistung blieb.

„Die Kunden haben Verständnis“

„Vor Weihnachten war es irgendwann genug, so dass wir uns gesagt haben: Es reicht. Und im neuen Jahr haben wir dann die Beratungsgebühr eingeführt“, sagt Weferling, der über positive Reaktionen von Kunden berichten kann.

„Sie haben Verständnis dafür, und wir nehmen die Gebühr ja nicht bei Kleinigkeiten, sondern nur bei teureren Geräten. Entschließt sich der Kunde dann doch, bei uns zu kaufen, wird die gezahlte Gebühr verrechnet.“

Dazu sei es jedoch noch nicht gekommen. Der Hinweis im Schaufenster habe dazu geführt, dass Kunden sensibler mit dem Thema Beratung umgehen. Beide Seiten wissen: mit den „ausgelutschten“ Preisen im Internet kann eine standortgebundene Firma nicht mithalten, schließlich müssen ja auch jene Mitarbeiter bezahlt werden, die Kunden beratend zur Seite stehen.

Einzelhändler: Kunden sollen Respekt vor Beratung zeigen

Ganz ärgerlich dann solche Fälle: Der Kunde zückt irgendwann sein Handy, ruft die Internet-Preise ab – und versucht ungeniert, den Händler beim Verkaufspreis zu drücken. Weferling: „Auch solche Fälle hatten wir hier. Was soll man dazu noch sagen?“

Er zeigt Verständnis für den Weg, den Ohlendorf eingeschlagen hat, sieht darin jedoch kein erstrebenswertes Zukunftsodell. „Kunden sollten stattdessen ein bisschen umdenken und der Arbeit eines Beraters mehr Respekt zollen“, sagt Olaf Jaeschke, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft der Braunschweiger Innenstadt-Kaufleute (AAI).

„Das bekommt man im Internet nicht, sondern nur bei uns“

Der Einzelhandel einer Stadt punkte ja eben gerade mit dieser Individualität, dem maßgeschneiderten Beratungsgespräch für den jeweiligen Kunden. Das bekommt man im Internet nicht, sondern nur hier bei uns. Und das muss auch so bleiben.“

Verbraucherschützer der Stadt bestätigen: Ja, eine solche Beratungsgebühr sei grundsätzlich zulässig und rechtlich nichts dagegen einzuwenden. „Wichtig ist nur, dass der Kunde vorher weiß, auf was er sich bei einem Beratungsgespräch einlässt“, sagt Petra Wolf, Leiterin der Beratungsstelle Braunschweig der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

Verbraucherschützer zeigen Verständnis

Auf der anderen Seite: Wer etwas kaufen möchte, der habe auch Anspruch darauf, dass er vom Verkäufer über relevante Dinge informiert und aufgeklärt wird – kostenlos. „Das gehört zu den vertraglichen Nebenpflichten eines Kaufvertrages und muss auch dann kostenlos sein, wenn der Kauf letztlich nicht zustande kommt.“

Wobei es entscheidend auf die Dauer, die Intensität und die Qualität des Beratungsgesprächs ankomme. „Wenn man sich eine halbe Stunden beraten lässt und dann als Kunde geht, das ist dann natürlich eine ganz andere Situation. Da kommt dann eine Beratungsgebühr in Betracht.“

„Was es bei Ohlendorf nicht gibt, das gibt es in Braunschweig nicht“

Die Ludwig Ohlendorf KG im Magniviertel ist eines der ältesten inhabergeführten Fachgeschäfte der Stadt. „Was es bei Ohlendorf nicht gibt, gibt es in Braunschweig nicht“, hieß es früher, als es das Internet noch nicht gab mit seinen schier unendlichen Waren- und Dienstleistungsangeboten.

Dieser Text erschien zuerst auf www.braunschweiger-zeitung.de.