Syrien

Terror-Experte warnt vor Erstarken des „Islamischen Staats“

Terror-Experte Peter Neumann fordert: Der deutsche Staat muss sich auf die Rückkehr nach Syrien ausgereister IS-Anhänger vorbereiten.

Terrorismus-Experte Peter R. Neumann vom Londoner King’s College: „Das ist eine sehr instabile Lage gerade.“

Terrorismus-Experte Peter R. Neumann vom Londoner King’s College: „Das ist eine sehr instabile Lage gerade.“

Foto: Ina Fassbender / dpa

Berlin. Noch vor einem Jahr, erzählt Peter Neumann, hätte er eine Rückkehr des sogenannten „Islamischen Staates“ nicht für möglich gehalten. Doch jetzt greift das türkische Militär in Nordsyrien an, die Kurden stehen unter Druck. Dabei waren genau sie an vorderster Front gegen die Terrororganisation. Kehrt der IS zurück? Der renommierte Terrorismus-Experte Neumann vom Londoner King’s College hält das nicht mehr für ausgeschlossen.

Die Situation ist nach dem Einmarsch des türkischen Militärs in Nordsyrien sehr unübersichtlich. Was können Sie sagen über die deutschen IS-Anhänger vor Ort?

Peter Neumann: Die Angaben der deutschen Sicherheitsbehörden über die insgesamt 900 ausgereisten IS-Anhänger sind sehr präzise. Seit 2013 sind von den 900 mutmaßlichen Dschihadisten ungefähr ein Viertel getötet worden, rund 40 Prozent sind wieder in Deutschland. Der Rest, also etwa 250 Menschen, sind noch vor Ort in Haft im Irak, vor allem aber in Nordsyrien bei den Kurden. Unter ihnen sollen aber viele Kinder sein, etwa die Hälfte.

Jetzt gibt es Berichte über Ausbrüche von IS-Anhängern aus den Gefängnissen.

Neumann: Das ist eine sehr instabile Lage gerade. Es gibt Berichte der Kurden, die von 750 bis 800 Ausbrüchen von Männern, Frauen und Kindern sprechen, die wegen IS-Anhängerschaft von den kurdischen Milizen inhaftiert waren. Für diese Zahlen gibt es keine weiteren Quellen, es ist schwer zu überprüfen. Sicher ist: Die Kurden konzentrieren ihre militärische Stärke jetzt voll auf die Gegenwehr gegen die türkische Offensive. Das führt zwangsläufig dazu, dass Truppen von der Bewachung der IS-Anhänger abgezogen werden. Auch durch das Chaos des Krieges kann es weiteren IS-Anhängern gelingen, zu fliehen. Zudem könnten IS-Kämpfer selbst versuchen, ihre Anhänger jetzt aus kurdischer Haft zu befreien.

Kurden demonstrieren gegen türkische Militäroffensive in Syrien
Kurden demonstrieren gegen türkische Militäroffensive in Syrien

Sie sagen, IS-Kämpfer könnten Befreiungsaktionen starten. Die Terrororganisation galt als militärisch besiegt. Wie stark ist der IS noch?

Neumann: Das ist schwer zu beurteilen. Aber klar ist, dass IS-Anführer al-Baghdadi vor einiger Zeit eine neue Strategie ausgegeben hat: Rückzug in den Untergrund. Der IS hat daraufhin Stellungen in Syrien geräumt, auch deshalb ging der Siegeszug der Kurden und der Alliierten gegen den IS so rasch. Der IS hat jetzt keine starke Präsenz mehr in der Region. Aber seine Anhänger verüben weiterhin Anschläge vor Ort.

Stärkt der Einmarsch der Türkei in Nordsyrien am Ende die Terroristen?

Neumann: Die Auswirkungen der Militäroffensive lassen sich noch nicht fassen. Klar ist aber: Der IS hat in der Vergangenheit genau von diesen instabilen Situationen durch Kriegsgeschehen profitiert. Der IS braucht das Chaos. Der IS wächst im Chaos. So war es im Irak, in Syrien, in Libyen. Der IS legitimiert sich vor Ort in diesen Länder genau als Gegenpol zu den Kriegswirren. Er bietet den Menschen Sicherheit, auch wenn es brutale Sicherheit mit Terror ist. Leider erleben wir nun wieder eine solche Instabilität in Syrien durch die türkische Offensive.

Was bedeutet diese Unsicherheit durch Krieg?

Neumann: Der IS kann genau dort wieder in die Lücke der Unsicherheit stoßen. Ob er dazu derzeit aufgrund der hohen Verluste von Kämpfern und Kadern in der Lage ist, können wir derzeit nur schwer einschätzen. Aber hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, ob der IS zurückkehrt, hätte ich das klar verneint. Heute bin ich mir da nicht mehr sicher.

Was kann die deutsche Regierung tun?

Neumann: Deutschland und Europa haben in Syrien vieles versäumt. Auch wenn die Bundesregierung die Politik von US-Präsident Trump scharf verurteilt, hätten Deutschland und die EU die Amerikaner in Syrien stärker unterstützen müssen, mit Personal, mit militärischem Gerät. Der Abzug der US-Truppen kam nicht überraschend. Jetzt kann Deutschland nur noch die Folgen des neuen Krieges minimieren.

AKK-Vorschlag zu Syrien sorgt für Kontroversen
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Was genau muss aus Ihrer Sicht passieren?

Neumann: Die Bundesregierung hat derzeit vor allem einen Hebel. Sie muss die deutschen IS-Anhänger und deren Kinder aus Syrien und Irak kontrolliert nach Deutschland zurückholen. Nicht alle auf einmal, aber nach und nach. Die einfachen Fälle zuerst, also die Personen, die für den IS gekämpft haben, aber nun als Zeugen gegen andere Mitglieder des IS vor Gericht aussagen wollen. Das hilft, um auch die Hardcore-Islamisten des IS vor Gericht mit diesen Zeugenaussagen zu belasten.

Die deutschen Sicherheitsbehörden sind besorgt, die IS-Kämpfer nach Deutschland zurückzuholen. Gegen einige wird man keine Belege für Kampfhandlungen haben.

Neumann: Wir wissen, dass Islamisten sehr gefährlich sind, wenn sie im Ausland trainiert, gekämpft und sich brutalisiert haben. Die Sorgen der Sicherheitsbehörden sind berechtigt. Nur: Seit zwei Jahren war dieses Szenario absehbar, hätte Deutschland sich vorbereiten können. Passiert ist wenig – auch weil es politisch nicht populär ist, diese deutschen Auslandskämpfer wieder in ihre Heimat zurückzuholen. Doch daran wird kaum ein Weg vorbeiführen. Der deutsche Staat muss vor allem in drei Bereichen investieren: in die Gericht, in die Gefängnisse – und bei der Prävention. Um Terroristen zu deradikalisieren, haben sich die deutschen Behörden und Organisationen bisher vor allem auf junge Männer konzentriert. Der Blick der Prävention muss vor allem auch auf Frauen und Kinder fallen.

Wie gefährlich ist der IS noch für die Menschen in Deutschland?

Neumann: Seit dem militärisch erfolgreichen Schlag gegen den IS ab 2017 sind die Attentate vor allem in Europa stark zurückgegangen. Einzelne IS-Anhänger in Deutschland haben noch Pläne für Attentate geschmiedet, aber es ist nichts passiert. Doch für den IS gilt: Nichts ist erfolgreicher als Erfolg. Wenn es der Terrororganisation in Syrien oder anderen fragilen Staatsgebilden gelingt, militärisch erneut an Kraft zu gewinnen, dann kann das auch eine Sogwirkung bis nach Europa und Deutschland entfalten. Dann könnten auch deutsche Dschihadisten wieder losschlagen. Wir haben das ja alles schon erlebt.