Syrien

Wie kurdische Familien die Flucht vor Erdogans Krieg erleben

Syrische Familien fliehen aus der Kampfzone im Norden. Unser Reporter hat sich vor Ort in Nordirak ein Bild von ihrer Lage gemacht.

Seit Tagen fliehen syrische Familien aus der Kampfzone im Norden des Landes.

Seit Tagen fliehen syrische Familien aus der Kampfzone im Norden des Landes.

Foto: DELIL SOULEIMAN / AFP via Getty Images

Badarash. Erschöpft sitzt Ghazia Dibo Mohammed auf dem Betonboden in dem provisorischen Zelt, das eigentlich nur eine Plastikplane ist. Ihre vier kleinen Kindern wirken verstört und müde, ihr Ehemann Abdulrahman Hadschi Darwesh ist eher empört.

In der Nacht sind sie hier im Camp Badarash, rund 30 Kilometer entfernt von der Großstadt Mossul, in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak angekommen. Sie sind die ersten Flüchtlinge aus den syrischen Kurdengebieten. In den kommenden Tagen werden hier Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende weitere erwartet, sollte der brüchige Waffenstillstand zwischen der Türkei und den kurdischen Kämpfern in Nordsyrien nicht halten.

Kurde aus Syrien: „Es gab Krieg, da mussten wir fliehen“

In dem Zelt riecht es nach Schweiß, es ist in diesen Tagen für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß, um die 30 Grad. Seit sie geflohen sind, konnten sich die sechs nicht waschen. Abdulrahman Hadschi Darwesh ist 35, er und seine Familie stammen aus Qamishli, der ersten großen kurdischen Stadt hinter der syrischen Grenze.

Der schnauzbärtige junge Mann mit den Tätowierungen auf den Armen ist Kurde, in Qamishli hat er Motorräder verkauft und repariert. Bis die Raketen und Granaten aus der Türkei einschlugen. „Es gab Krieg, da mussten wir fliehen.“ Zwei Tage waren sie unterwegs, größtenteils zu Fuß, mitgenommen haben sie nur ein wenig Kleidung. „Wir mussten den Schleppern 2800 Dollar zahlen, sie haben uns dann nachts rübergebracht.“

Die Neuankömmlinge im Camp bekommen Reis und Wasser

In Badarash waren bis Ende 2017 Flüchtlinge untergebracht, die während der Schlacht um Mossul geflohen waren. Jetzt wird das Camp von den Behörden der kurdischen Autonomieregion für die Flüchtlinge aus Rojava, wie die Kurden den Norden Syriens nenen, reaktiviert. Rund 800 sind bis Donnerstagabend gekommen, für die nächsten Tage rechnen die örtlichen Behörden täglich mit ähnlichen Zahlen, falls die Kämpfe weiter andauern sollten.

Noch halten die Milizionäre der kurdisch dominierten Streitkräfte Syriens (SDF) die Menschen davon ab, die Grenze Richtung Irak zu überqueren. Die Befürchtung: Wenn die Kurden aus dem Norden Syriens fliehen, hat es der türkische Präsident Erdogan leichter, seinen Plan von der Ansiedlung von zwei Millionen arabischen Flüchtlingen in die Tat umzusetzen. Deswegen, aber auch aus Angst vor den türkischen Luftangriffen kommen die Menschen wie Abuldrahman und seine Familie nachts.

„Ich würde auch für Assad kämpfen“

Der junge Motorradhändler ist wütend. „Es sind immer die Türken und die Araber, die uns unterdrücken“, schimpft er. Wie das Leben unter der kurdischen Selbstverwaltung war? „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt er. Seine Frau Ghazia ruft aus dem Hintergrund: „Das war ein Leben wie im Paradies.“

Nach der türkischen Invasion haben die Kurden ein Bündnis mit der syrischen Regierung geschlossen, Regimetruppen sind in den Norden eingerückt. Was er tun wird, wenn Nordostsyrien wieder von Damaskus kontrolliert wird? „Dann gehe ich zurück“, sagt Abdulrahman. „Ich würde auch für Assad kämpfen. Das ist doch meine Regierung. Und sie ist besser als Daesh (das arabische Wort für den IS) oder die Türkei.“

Auch in die Nachbarzelte der Familie sind Eltern mit Kindern eingezogen. Es herrscht hektisches Treiben im Camp. Lastwagen mit Lebensmitteln kommen herein und wirbeln Staub auf, an vielen Stellen wird gebaut. Etliche Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen sprechen mit den lokalen Helfern, telefonieren, steuern die Flüchtlinge zur Registrierung. In einer Halle vor der Registrierungsstelle sitzen Dutzende Menschen auf einem grünen Filzteppich. Alle wirken müde, niedergeschlagen, lethargisch. Ein Mann um die 50 weint.

Riesiges Problem mit Abwasser und Müll

Die Neuankömmlinge bekommen eine Portion Reis und Wasser. „Wir bekommen hier so viele Leute rein. Wir wissen nicht, wie wir sie unterbringen sollen“, erzählt Salar Abdulmajid Aziz, der junge Campleiter. Er hat die Sonnenbrille hochgeschoben, seine Augen sind blutunterlaufen. „Wir haben sehr viel Stress. Gestern bin ich erst um vier Uhr morgens ins Bett gekommen.“

Immer wieder telefoniert er. „Wir sind dabei, das hier Schritt für Schritt zu organisieren.“ Für 2300 Menschen reicht der Platz in Badarash. „Wenn es mehr werden, bekommen wir ein riesiges Problem mit Abwasser und Müll.“ Und die Lebensmittel sind knapp.

Viele Hilfsorganisationen haben sich zurückgezogen

Nach Angaben des Rojava Information Center und des Kurdischen Roten Halbmonds sind aktuell rund 300.000 Menschen vor den Kämpfen auf der Flucht. Sie sammeln sich vor allem in al-Hasakah und der Kleinstadt Tell Tamer, einige Kilometer südlich der Kampfgebiete, wo sie bei Verwandten, in Schulen und in Gemeindezentren Unterschlupf finden.

Die Versorgungslage soll prekär sein, auch weil sich nahezu alle ausländischen Hilfsorganisationen aus dem Norden Syriens zurückgezogen haben. Wegen der erhöhten Präsenz der syrischen Armee in der Region befürchten die Helfer: Wenn sie ohne ein gültiges syrisches Visum an einem Checkpoint von Regimetruppen festgehalten werden, landen sie im Gefängnis. Hilfslieferungen kommen derzeit aus den irakischen Kurdengebieten in die Region.

Die humanitäre Situation in der Stadt Sere Kaniye, in der auch nach dem zwischen der Türkei und den USA ausgehandelten Waffenstillstand weiter gekämpft wird, spitzt sich nach Angaben der kurdischen Gesundheitsverwaltung drastisch zu. In einem dramatischen Appell wandte sich die Behörde jetzt an die internationalen Helfer: Man müsse dringend die verwundeten Zivilisten aus der Stadt herausholen.

Für den Nordirak ist es die vierte große Flüchtlingswelle, die in jüngster Zeit in die kurdische Autonomieregion rollt. „Für uns Kurden wiederholt sich die Geschichte immer wieder“, sagt Shawkat Berbihary, der Kommandant am Grenzübergang Semalka, dem Nadelöhr, über das die Menschen ins Nachbarland fliehen würden, wenn die Grenze geöffnet würde. „Viele von uns wurden auf der Flucht geboren, in Höhlen, unter Bäumen oder unter Bombardements.“

Im Camp fährt am späten Nachmittag wieder eine kleine Kolonne Busse los. Ihr Ziel: die Grenze. Sie werden auch in dieser Nacht Hunderte Menschen nach Badarash bringen. Trotz ihrer schlichten Unterbringung sind Abdulrahman und seine Frau froh, dass sie es hierher geschafft haben. „Unsere Kinder sind jetzt in Sicherheit. Ihnen geht es besser, seit wir hier sind.“