Konflikt

Erdogan lässt in Syrien brutale Islamisten für sich kämpfen

Der türkische Präsident nutzt Islamische Milizen für seinen Kampf gegen die Kurden. Deren brutales Vorgehen sorgt für Entsetzen.

Einmarsch: Soldaten der Syrischen Nationalarmee (SNA) nehmen die Stadt Tall Abjad ein. Unter dem Dach der SNA kämpfen auch Islamisten für die Türkei.

Einmarsch: Soldaten der Syrischen Nationalarmee (SNA) nehmen die Stadt Tall Abjad ein. Unter dem Dach der SNA kämpfen auch Islamisten für die Türkei.

Foto: Anadolu Agency / Anadolu Agency via Getty Images

Erbil/Tunis. Es sind verstörende Bilder: Männer in Tarnuniform schreien „Allahu Akbar“ – „Gott ist groß“ – und feuern Salven auf einen Körper am Rand der Straße. Das Video, das in sozialen Medien kursiert, soll die Ermordung der kurdischen Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalaf zeigen. Sie wurde am Samstag auf der Überlandstraße M4 zwischen den nordsyrischen Städten Kamischli und Manbidsch gemeinsam mit ihrem Fahrer erschossen.

Die Täter waren nach kurdischen Angaben Mitglieder der Miliz Ahrar al-Scharqiya, auf Deutsch: „Freie Männer des Ostens“. Die Miliz ist zusammen mit der türkischen Armee in die nordsyrischen Kurdengebiete einmarschiert und kämpft dort gegen die Demokratischen Streitkräfte Syriens (SDF). Diese werden von der kurdischen Miliz YPG dominiert.

Erdogan: Bündnis besteht zum großen Teil aus Islamisten und Salafisten

Für seine Invasion ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine fragwürdige Allianz mit syrischen Rebellen eingegangen. Das Bündnis besteht zum großen Teil aus Islamisten und Salafisten, einer ultrakonservativen Strömung des Islams. Die Rebellenmilizen sind wichtige Bodentruppen des türkischen Staatschefs. Kritiker bezeichnen sie als „Erdogans schmutzige Krieger“.

Zahlreiche der rund 2000 Kämpfer in den Reihen der Ahrar al-Scharqiya waren früher Mitglieder der Al-Nusra-Front, dem syrischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Die Miliz ist eine von vielen, die unter dem Dach der Syrischen Nationalarmee (SNA) vereint sind. Zur ihr gehört auch die salafistische Ahrar al-Scham, eine der größten verbliebenen islamistischen Rebellengruppen in Syrien.

Kurz vor dem türkischen Angriff vereinigte sich die SNA mit der Nationalen Befreiungsfront (NFL), eine von der Türkei unterstützte Rebellenkoalition. Zusammen sollen die Milizen über rund 100.000 Mann verfügen.

Sie verstärken die türkischen Einheiten im Kampf gegen die kurdischen YPG-Milizen. Doch nun droht eine noch größere Konfrontation. Mit der Verlegung syrischer Regierungssoldaten an die türkische Grenze geraten sich Truppen von Präsident Baschar al-Assad und der Türkei gefährlich nahe.

Die syrischen Kräfte seien in dem von Kurdenmilizen kontrollierten Gebiet zwischen den nordostsyrischen Städten al-Hasaka und Ras al-Ain eingerückt, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Die verbündeten Islamisten sollen Menschen entführen

Die syrischen Regierungstruppen befinden sich damit in einem Gebiet, in dem die Türkei eine sogenannte Sicherheitszone errichten will. Fernsehberichten zufolge warfen Menschen ihnen Blumen zu und sangen „Tod für Erdogan“.

Am Sonntag hatten die von der Kurdenmiliz YPG angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte mit der syrischen Regierung eine Vereinbarung getroffen, wonach diese den Kurden zu Hilfe kommt. Die syrische Armee werde im Norden der „türkischen Aggression auf syrischem Boden entgegentreten“, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Sana.

Die Kurdenmilizen nannten die Vereinbarung mit Damaskus einen schmerzhaften Kompromiss. „Wir stehen den türkischen Messern jetzt mit nackter Brust entgegen“, schrieb der Kommandant der SDF, Maslum Abdi.

Die syrischen Kurden haben immer wieder davor gewarnt, dass Erdogan sich mit Gruppen gemein mache, die der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in ihrer Radikalität wenig nachstehen. Nach Informationen des in Nordostsyrien angesiedelten Rojava Information Center kämpfen in den Reihen der Syrischen Nationalarmee mindestens 40 frühere Kommandeure des IS.

Mit Türkei verbündete Milizen haben Terrorherrschaft errichtet

Die Ahrar al-Scharqiya und die anderen SNA-Milizen hatten die Türkei bereits im Januar 2018 bei ihrem Überfall auf die bis dato kurdisch kontrollierte Region Afrin im Nordwesten Syriens unterstützt. Schon damals begingen sie Gräueltaten vor laufenden Kameras.

Nach kurdischen Angaben verstümmelten Milizionäre die Leiche der kurdischen Kämpferin Barin Kobane auf brutalste Weise und legten einen Olivenzweig auf ihrem Körper ab. „Olivenzweig“ war der Name der türkischen Militäroperation.

Türkei treibt Militäroffensive trotz Kritik in Syrien voran
Türkei treibt Militäroffensive trotz Kritik in Syrien voran

Seit der Besetzung sollen die mit der Türkei verbündeten Milizen in Afrin eine Terrorherrschaft errichtet haben, berichten Menschenrechtler. Die mit Ankara verbündeten islamistischen Kräfte sollen Menschen entführen, Lösegeld erpressen und Gefangene brutal foltern, berichtete die Gesellschaft für bedrohte Völker im Mai.

Kamal Sido, der Nahost-Experte der Organisation, war für mehrere Wochen in der Region unterwegs. In einem Flüchtlingslager traf er einen Kurden aus einem Dorf nördlich von Afrin, der von Milizionären der Sultan-Suleyman-Schah-Brigaden verhaftet worden war. „Der Mann wurde tagelang gefesselt, geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt. Außerdem haben sie ihm die Fingernägel herausgerissen“, so Sido.

Ankara ließ lange Zeit den IS gewähren

Ähnliches berichten Hilfsorganisationen und politische Aktivisten vor Ort. Deren Kritik: In Afrin werde die kurdische Identität ebenso ausgelöscht wie die Errungenschaften der syrisch-kurdischen Revolution. Deren Ziel war die Errichtung eines progressiven Systems, in dem die Gleichstellung der Frau eine zentrale Rolle spielt.

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Die Allianz Erdogans mit den radikalen Milizen ist kein Zufall. Zum einen braucht er die Milizionäre als Bodentruppen, um die Verluste des türkischen Militärs gering zu halten. Zum anderen gibt es ideologische Verbindungen. Die türkische Regierungspartei AKP steht der islamistischen Bewegung der Muslimbrüder nahe. Lange Zeit ließ Ankara den IS gewähren. In türkischen Städten konnte die Terrororganisation Anhänger rekrutieren.

Verletzte IS-Kämpfer wurden in türkischen Krankenhäusern behandelt. Das änderte sich erst im Sommer 2016, als die Türkei das erste Mal in Syrien einmarschierte und den IS von der Grenze verdrängte. Doch die Operation „Euphrat Schild“ sollte in erster Linie einen Zusammenschluss der kurdischen Gebiete im Nordwesten und Nordosten verhindern.

Verbindungen zwischen Erdogan und Putin

Erdogan verfügt offenbar bei seiner Invasion – zumindest stillschweigend – über Rückendeckung durch Russland. Moskau hält nach eigenen Angaben engen Kontakt zu Ankara. Es gebe Verbindungen auf Ebene des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit seinem türkischen Kollegen Erdogan, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

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Außerdem hielten die Außenministerien und die Militärs beider Länder Kontakt. Russland wolle sich aber nicht in den Konflikt im Norden Syriens hineinziehen lassen, betonte Peskow. Die Lage ist heikel, weil Moskau sowohl mit der Türkei als auch mit Syrien verbündet ist.

Europa beunruhigt vor allem eine mögliche Massenflucht der rund 10.000 gefangenen IS-Fanatiker in Nordsyrien. Von denen stammen etwa 2000 aus dem Ausland. 800 sind Europäer, doch die meisten ihrer Heimatstaaten weigern sich, ihre extrem radikalisierten Landsleute zurückzunehmen und vor Gericht zu stellen.

800 IS-Anhänger sind aus Lager entkommen

Eine Reihe der provisorischen Gefängnisse für die IS-Kämpfer sowie die Internierungslager für die 70.000 IS-Familienmitglieder liegen innerhalb der von Erdogan beanspruchten 30-Kilometer-Grenzzone. 800 IS-Anhänger, die meisten radikalisierte ausländische Frauen mit ihren Kindern, konnten am Samstag nach einer Revolte aus dem Lager Ain Issa entkommen.

Grund: Die kurdischen Bewacher waren plötzlich verschwunden. Das Außenministerium in Berlin beobachtet die Lage, hat aber keine gesicherten Erkenntnisse über die Zahl der entkommenen IS-Anhänger. Nur so viel: Im Lager Ain Issa habe es eine einstellige Zahl deutscher Staatsbürger gegeben, so ein Sprecher.

Die Militäroffensive in Syrien stößt auf breite Ablehnung: Die große Mehrheit von 83 Prozent der Deutschen unterstützen EU-Sanktionen gegen die Türkei. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag unserer Redaktion hervor.