Kriminalität

Bluttat in Paris: Ehefrau des Tatverdächtigen wieder frei

In einer Polizeipräfektur in Paris tötete ein Mann vier Personen, er wurde erschossen. Hinweise auf ein Terrormotiv verdichten sich.

Messerangriff in Paris: Täter arbeitete bei der Polizei

Bei einem Angriff in der Pariser Polizeizentrale kamen vier Menschen und der Täter ums Leben.

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Paris. Nach der Bluttat von Paris haben die Ermittler mitgeteilt, dass der Angreifer Kontakt mit mutmaßlichen Salafisten gehabt habe. Der 45-Jährige sei vor rund zehn Jahren zum Islam konvertiert und Anhänger einer radikalen Interpretation der Religion gewesen, sagte Chefermittler Jean-François Ricard am Samstag bei einer Pressekonferenz in Paris.

Damit verdichten sich die Hinweise, dass die Tat des 45-Jährigen einen Terrorhintergrund haben könnte. Am Freitag hatten die Anti-Terror-Fahnder die Ermittlungen aufgenommen. Die Pariser Staatsanwaltschaft teilte mit, dass sowohl wegen Mordes und versuchten Mordes als auch wegen Terror-Verdachts ermittelt werde.

Der 45 Jahre alte Mitarbeiter des Polizeihauptquartiers im Herzen von Paris hatte am Donnerstag vier seiner Kollegen mit einem Messer getötet, anschließend wurde er erschossen.

Bluttat in Pariser Polizeipräfektur – was bisher bekannt ist

  • Am Donnerstag attackierte ein Mann mehrere Menschen in der Pariser Polizeipräfektur nahe Notre Dame
  • Vier Menschen starben – eine Frau und drei Männer
  • Ein junger Kollege erschoss den Täter
  • Der 45-Jährige war vor einiger Zeit zum Islam konvertiert
  • Zuerst hatte es keine Hinweise auf eine Radikalisierung gegeben – inzwischen ermittelt die Anti-Terror-Einheit
  • Die Ermittler gaben bekannt, dass der Angreifer einer radikalen Interpretation des Islams gefolgt war
  • Frankreich will stärker gegen Radikalisierung in der Polizei vorgehen

Frankreich kündigte an, Radikalisierungen innerhalb der Polizei besser aufdecken zu wollen. Es werde zwei Aufklärungsmissionen geben, sagte der französische Premierminister Edouard Philippe der Zeitung „Le Journal du Dimanche“ am Samstag. Eine betreffe die Polizeipräfektur in der französischen Hauptstadt, die zweite die Geheimdienste, die mit der Terrorbekämpfung betraut seien.

Paris: Ehefrau kommt aus Polizeigewahrsam frei

Am Sonntag kam die Ehefrau des Tatverdächtigen nach drei Tagen in Polizeigewahrsam wieder auf freien Fuß. Die 38-Jährige sei am Sonntagabend aus dem Gewahrsam entlassen worden, bestätigten Justizkreise der Deutschen Presse-Agentur. Nähere Angaben zu den Gründen wurden nicht bekannt gegeben.

Die 38-Jährige war am Donnerstag kurz nach der Messerattacke festgenommen worden. Der 45 Jahre alte Polizeimitarbeiter hatte im Polizeihauptquartier in der französischen Hauptstadt vier Kollegen mit einem Messer getötet. Ersten Ermittlungen zufolge hatte seine Tat einen terroristischen Hintergrund. Nach Angaben der Anti-Terror-Staatsanwaltschaft schrieben der mutmaßliche Täter und seine Ehefrau in den Stunden vor der Attacke Dutzende Textnachrichten mit ausschließlich religiösem Inhalt.

Angreifer soll sich zustimmend zum „Charlie Hebdo“-Attentat geäußert haben

Am Samstag teilten die Ermittler mit, dass der Mann vor der Tat per Mobiltelefon ausschließlich religiöse Nachrichten mit seiner Ehefrau ausgetauscht habe. Diese sei den Ermittlern nicht als terrorverdächtig bekannt.

Noch kurz vor der Attacke soll der mutmaßliche Angreifer über 30 Textnachrichten binnen sehr kurzer Zeit an seine Frau geschickt haben. Laut den Ermittlern hätten diese alle religiöse Inhalte gehabt. Die Zeit der Frau in Gewahrsam wurde mehrfach verlängert. Normalerweise sind für den anfänglichen Polizeigewahrsam in Frankreich 24 Stunden vorgesehen.

Obduktion der Opfer ergab: Angreifer übte extreme Gewalt aus

Unmittelbar vor der Tat habe er zwei Messer gekauft, eines aus Metall und eines aus Keramik. Seine Bluttat habe nur wenige Minuten gedauert, bis er von einem Polizisten erschossen worden sei. Der Angreifer war nach Angaben des Chefermittlers mit extremer Gewalt vorgegangen – das habe auch die Obduktion der Opfer gezeigt.

„Die Ermittlungen werden nun fortgesetzt, um die Gründe für diese Tat und die Persönlichkeit des Täters genauer zu bestimmen“, kündigte der Chefermittler an.

Messerangriff von Paris dauerte nur sieben Minuten

Laut Chefermittler Jean-François Ricard sollen zwischen dem ersten Angriff und dem Erschießen des Angreifers nur sieben Minuten vergangen sein. Um 12.53 Uhr habe der 45-Jährige in seinem Büro zwei Kollegen attackiert. Einen 50-jährigen Polizeihauptmann habe er am Hals getroffen, einem 38-jährigen Polizisten mehrmals in den Bauch und die Brust gestochen.

Anschließend habe sich der Angreifer in ein anderes Büro begeben und mehrfach auf einen 37-jährigen Verwaltungsassistenten eingestochen. Als der Täter die Treppen in Richtung Hof hinunterging, sei er auf das vierte Opfer getroffen, einen 39-jährigen Polizisten. Eine weitere Verwaltungsangestellte habe er verletzt.

Im Hof sei der Angreifer dann gestellt worden. Nach mehrfacher Aufforderung, das Messer fallen zu lassen, sei zweimal auf den Angreifer geschossen worden.

Blutbad bei Pariser Polizei: Ehefrau berichtet von „Stimmen“

Der Mann, der den Angreifer stoppte, ist laut „Le Parisien“ überhaupt erst seit wenigen Tagen in der Polizeipräfektur tätig. Er habe ihn mehrmals getroffen, unter anderem in den Kopf. Der Angreifer hörte möglicherweise Stimmen – das hatte seine Ehefrau angegeben.

Frankreichs Innenminister Christophe Castaner hatte nach der Tat erklärt, der Angreifer sei ein 45 Jahre alter Angestellter in der Verwaltung gewesen und zuvor nie negativ aufgefallen. Der mutmaßliche Täter habe seit 2003 in der Polizeipräfektur gearbeitet.

Die Ehefrau des Angreifers wurde laut BFMTV von der Polizei vernommen. Sie habe demnach berichtet, dass ihr Ehemann vor der Tat abrupt aufgewacht sei. Er habe „Stimmen gehört“, gibt BFMTV die Ehefrau wieder. Auch habe er „une crise de démence“, einen „Demenzanfall“ erlitten und sich „inkohärent“ verhalten.

Zeuge ging zunächst von einem Selbstmord aus

Laut Medien war der 45-Jährige in der als sensibel geltenden Abteilung „Direction de renseignement“ der Polizeibehörde eingesetzt – in dieser Abteilung geht es unter anderem um den Kampf gegen Terrorbedrohungen.

„Le Parisien“ zitierte einen Zeugen: „Ich war überrascht, die Schüssen zu hören, weil wir uns nicht vorstellen konnten, das so etwas passiert – ich dachte zuerst, dass es ein Selbstmord ist.“

Auf dieser Google-Karte ist zu sehen, wo sich die Polizeipräfektur in Paris befindet.

Präsident Macron und Bürgermeisterin sind tief schockiert

Bürgermeisterin Anne Hidalgo äußerte sich zuerst bei Twitter. Paris trauere nach diesem schrecklichen Angriff auf die Polizeipräfektur, schrieb sie. „In meinem und im Namen der Pariserinnen und Pariser bin ich in Gedanken zuerst bei den Familien der Opfer und ihrer Angehörigen.“

Die Polizei sperrte den Bereich weiträumig ab. Der stellvertretende Bürgermeister Emmanuel Grégoire sprach seine tiefe Anteilnahme und sein Beileid für die Familien der Todesopfer aus: „Wir sind an Ihrer Seite.“ Auch Präsident Emmanuel Macron besuchte den Ort der Tat, er habe den Mitarbeitern der Polizeistation seine Unterstützung und Solidarität bekundet, hieß es am Donnerstag aus Élyséekreisen.

Am Freitagvormittag versammelten sich zahlreiche Menschen vor dem Hauptquartier auf der Seine-Insel Île de la Cité zu einer Schweigeminute. Dort wurde auch ein Kondolenzbuch aufgestellt.

Angreifer von Kollegen offenbar sehr geschätzt

Frankreich wird seit Jahren von einer islamistischen Terrorwelle erschüttert. Dabei sind mehr als 250 Menschen ums Leben gekommen. Starkünstler Jeff Koons enthüllte am Freitag in Paris eine umstrittene Skulptur, die an die Terroropfer erinnern soll.

Vor wenigen Monaten hatte ein 24-Jähriger in Lyon einen selbst gebauten Sprengsatz vor der Filiale einer Bäckerei-Kette in einer Einkaufsstraße der südostfranzöschen Metropole platziert. Mehr als ein Dutzend Menschen wurden verletzt. Nach der Explosion in Lyon galt erhöhte Sicherheit bei Veranstaltungen.

Der mutmaßliche Angreifer in Paris sei als Informatiker bei der Polizei tätig gewesen und habe seit vielen Jahren dort gearbeitet, sagte Polizeipräsident Lallement. Ein Polizei-Gewerkschafter hatte ihn in einem Interview mit dem Sender BFMTV als vorbildlichen Beamten beschrieben, der von seinen Kollegen sehr geschätzt worden sei.

(ses/cho/tki/dpa)