Amazonas-Region

Jair Bolsonaro: So opfert Brasiliens Präsident den Regenwald

Präsident Bolsonaro bedroht mit seiner Politik den Amazonas-Regenwald und das Weltklima. Ist er auch für die Waldbrände verantwortlich?

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Taquara. Während der Amazonas-Regenwald täglich weiter abgeholzt wird, zerstören jetzt Waldbrände noch mehr Flächen dieses weltweit einmaligen Gebietes. Die Waldbrände könnten direkt mit den Rodungen zu tun haben, sie treten zwar meist in der Trockenzeit auf, aber sie können auch durch Brandrodungen und illegale Abholzungen entstehen. Laut Experten sind es die schwersten Waldbrände im Amazonas-Gebiet seit sieben Jahren.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Waldbrände um 82 Prozent höher - von Januar bis Mitte August diesen Jahres wurden 71.500 Feuer im Regenwald registriert. Unter dem Hashtag #PrayForAmazonia machen weltweit Menschen, Organisationen und Klimaschützer auf diesen verheerenden Brand aufmerksam und fordern Politiker weltweit auf, zu handeln. Darum ist der Amazonas-Regenwald so wichtig für das Klima auf der Welt.

Amazonas-Regenwald von Bolsonaro für Rohstoffabbau freigegeben

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro wird massiv mit den Waldbränden und den Rodungen im Amazonas in Verbindung gebracht, weil seit seinem Amtsantritt Anfang des Jahres noch mehr Wald gefällt worden ist. Außerdem leugnet Bolsonaro den weltweiten Klimawandel und hat in der Vergangenheit vor allem mit frauenfeindlichen, schwulenfeindlichen, rassistischen Bemerkungen Aufsehen erregt.

Bolsonaro gehört der „Partido Social Liberal“ an, einer Partei, die rechtskonservative und neoliberale Positionen vertritt. Bolsonaro hat trotz internationaler Proteste das Amazonasgebiet für den Rohstoffabbau freigegeben.

Sattgrüner Regenwald wird von riesigen gerodeten Flächen durchbrochen

Fliegt man über das Regenwaldgebiet sieht es aus wie ein Flickenteppich. Mal ist der Wald undurchdringlich, wie unberührt. Wipfel so dicht, dass kein Sonnenstrahl durchdringt. Ein paar Flugminuten später fällt eine hässliche Schneise ins Auge, die sandfarbenen Felder der Goldsucher.

Dann wieder sattgrüner Regenwald, der plötzlich von hellgrünen Flächen abgelöst wird. Rodungen groß wie mehrere Fußballfelder schaffen Platz für Rinderfarmen und Sojafelder.

Dieser Weg führt von Jacareacanga im brasilianischen Bundesstaat Pará nach Manaus, der legendären Dschungel-Hauptstadt am Amazonas im gleichnamigen Bundesstaat. Und die 90 Minuten Flug reichen, um zu verstehen, warum der Regenwald in Gefahr und das Klima bedroht ist – und die Menschen, drinnen im Wald sowie draußen auf der Welt, besorgt sind.

Bolsonaro: „Der Amazonas gehört uns, nicht euch“

Denn an die Lunge der Welt wollen alle ran. Das war schon immer so. Aber jetzt mit Jair Bolsonaro, dem neuen, krachledernen Präsidenten Brasiliens, einem Verächter der Umwelt, ist alles noch schlimmer geworden. Dabei sind allein vergangenes Jahr – noch vor seinem Amtsantritt – 7900 Quadratkilometer Regenwald gefällt worden. Die massivste Abholzung seit 2008.

Seit der Rechtsradikale mit Jahresbeginn sein Amt angetreten hat, wird noch mehr Wald gerodet. Aktuelle Satellitenaufnahmen der Raumfahrtbehörde INPE zeigen, dass im Juni 60 Prozent mehr Regenwald abgeholzt wurden als im gleichen Monat des Vorjahres.

Demnach verschwanden 769 Quadratkilometer. Im Juni 2018 waren es 488 Quadratkilometer. Bolsonaro findet das in Ordnung. Sein Land sei der Welt gar nichts schuldig. „Der Amazonas gehört uns, nicht euch“, sagte er kürzlich ausländischen Journalisten. Dieses gigantische Urwaldgebiet, von dem 60 Prozent in Brasilien liegen, sei eine nationale Angelegenheit und dafür da, ausgebeutet zu werden.

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Goldsucher, Sojabauern, Viehzüchter, Holzfäller, Kraftwerksbetreiber – sie waren zwar fast alle auch schon in Amazonien, bevor Bolsonaro sein Amt antrat. Aber viele von ihnen arbeiteten in der Illegalität. Die meisten tun das noch immer. Nur stört das niemanden mehr, den neuen Präsidenten schon gar nicht. Gesetze halten hier im Wilden Westen Brasiliens ohnehin niemanden auf.

„Wenn sie sich wehren, werden sie bedroht“

Diese Erfahrung macht zum Beispiel Francisco Olivera da Silva gerade. Der schlanke, wortkarge Mann von 43 Jahren ist „Kazike“, Chef der indigenen Mura-Gemeinde im Dorf Taquara, nahe der Stadt Autazes. Hier, etwa 100 Kilometer von Manaus entfernt, winden sich Dutzende kleine Ströme wie blaue Adern durch den grünen Wald. Es sind Zu- und Nebenflüsse des großen Amazonasstromes.

An solch einem Fluss, dem Rio Madeirinha, liegt Taquara. Zum Ende der Regenzeit führt der Fluss das Wasser rund sechs Meter höher als in der Trockenzeit. Die Stelzenhäuser stehen nur knapp über der Wasseroberfläche.

Zu Olivera da Silva gelangt man von der nahen Stadt Autazes nur mit dem Motorboot, man legt direkt am Haus an, watet durch den Schlamm, lässt die Schuhe draußen stehen und betritt sein Haus, das nur zu drei Seiten Wände hat und zur vierten Seite völlig offen ist. Türen gibt es nicht. Die Zimmer für Olivera da Silva, seine Frau und seine sieben Kinder sind mit Vorhängen abgetrennt.

Die Mura, die seit Jahrhunderten am Rio Madeirinha heimisch sind, wohnen fast alle so, dem Wasser zugewendet. Sie leben mit dem Fluss und vom Fluss. Sie sind Fischer und Bauern. Die Natur, die Erntezyklen und die Regen- und Trockenzeit geben den Rhythmus vor.

Doch seit einigen Jahren sind diese Gezeiten des Lebens bedroht. Abholzung, Kalium-Abbau und vor allem die Landnahme durch Viehzüchter bedrohen die Existenz der Mura. „Wir sind bald völlig eingekreist von Büffeln“, sagt Olivera da Silva in sanftem Portugiesisch.

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Seit zehn Jahren sich Landinvasoren die Gebiete der Indigenen

Seit Jahren gehe das schon so, betont der Kazike, der 80 Familien in Taquara als oberster Führer repräsentiert. Die Flächen für den Ackerbau verschwinden, immer weniger Platz bleibt für die Bananen, das Maniok und den Reis. Immer mehr Platz für Weiden und Tiere. Selbst auf den demarkierten, den geschützten Gebieten für die Ureinwohner.

Olivera da Silva fährt mit dem Boot ein paar Kilometer flussaufwärts und legt an einer Stelle an, wo mal dichter Wald stand. Nun sieht man dort nur noch vereinzelt verkohlte Baumstümpfe im knietiefen Gras. Im Hintergrund weiden dunkle Wasserbüffel.

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„Alles abgebrannt, quasi über Nacht, ohne Erlaubnis“, sagt er. So ist das hier überall. Landinvasoren und Viehzüchter nehmen sich die Gebiete der Indigenen, gefragt wird nicht. Mittlerweile ist der Amazonas einer der größten Produzenten von Büffelmilch und Käse, rund 100.000 Büffel gibt es in der Region. „Unsere Lebensgrundlage ist zunehmend bedroht“, sagt der Kazike.

Dann ballt er die Faust. „Aber wir sind Krieger, wir werden uns nicht ergeben.“ Seit rund zehn Jahren kommt es hier in der Gegend und in der gesamten Amazonas-Region verstärkt zu Landnahmen. Die Rechte der Mura in ihrem demarkierten Gebiet spielen dabei ebenso wenig eine Rolle wie die der anderen vielen Dutzend Ethnien im Rest Brasiliens.

„Wenn sie sich wehren, werden sie bedroht und eingeschüchtert“, sagt Edina Pitarelli vom Indigenen-Missionsrat CIMI, der die Ureinwohner in ihrem Kampf gegen die Viehzüchter und mit den Behörden unterstützt.

Der Regierung geht das Öko-Engagement zu weit

Im Brasilien Bolsonaros haben es Minderheiten und Indigene immer schwerer. Die Ureinwohner würden an den Rand gedrängt, als Störenfriede empfunden, die das Aufstreben der Wirtschaft verhindern wollten, sagt Pitarelli, der vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Und die Pro­bleme werden mehr.

Die neue brasilianische Regierung legt sich mittlerweile auch mit den europäischen Regenwald-Schützern an. Der Streit entzündet sich am „Amazonas-Fonds“. Diese 2008 gegründete Rücklage zur Rettung des Regenwaldes in Höhe von 800 Millionen Euro wird vor allem von Norwegen (94 Prozent), aber auch aus Deutschland (sechs Prozent) gespeist. Bezahlt werden Initiativen zum Schutz des Urwalds, die Forschungseinrichtungen, regierungsunabhängige Organisationen oder die indigenen Völker selbst vorlegen. Aber der Fonds steht vor dem Aus.

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Denn der Bolsonaro-Regierung geht das Öko-Engagement zu weit. Sie will die Mittelvergabe aus dem Fonds weitgehend allein kontrollieren. Und so könnten künftig auch Landbesetzer daraus entschädigt werden. Für Oslo und Berlin ist es eine Horrorvorstellung, würden mit europäischen Steuergeldern Invasoren indigener Gebiete bezahlt werden.

Die Qualität der brasilianischen Argumente belegt dabei ein Satz, den Staatschef Bolsonaro jüngst mit Blick auf die umstrittenen Rodungen äußerte: „Ich bin zweimal über Europa geflogen und habe nicht einen Quadratkilometer Wald gesehen.“