Ermittlungen

Schuss auf Eritreer: Gürtelschnalle mit Hakenkreuz gefunden

Ein 55-Jähriger feuert in Hessen auf einen Flüchtling. Die Ermittler stellen sechs Waffen sicher. Sie vermuten Rassismus als Motiv.

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Berlin/Wächtersbach.. Drei Schüsse feuert der Mann ab, Kaliber neun Millimeter. Zwei verfehlen sein Ziel, eine Kugel trifft das Opfer in den Bauch. Es ist Montagnachmittag, laut Polizei kurz nach 13 Uhr, als in der Industriestraße im kleinen Ort Wächtersbach bei Frankfurt die Schüsse aus dem Auto fallen, mit dem der 55 Jahre alte mutmaßliche Schütze vorgefahren ist. Sein Opfer: ein 26 Jahre alter Mann aus Eritrea.

„Ein Flüchtling“, wie Ermittler sagen. Der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hebt hervor: „Das Opfer wurde gezielt aufgrund seiner Hautfarbe ausgewählt.“ Die Strafverfolger gehen „ganz klar von einem fremdenfeindlichen Motiv aus“.

Zeugen beobachten nach Angaben der Polizei die Tat, hören die Schüsse, sehen das Auto wegfahren. Die Polizei startet eine Großfahndung, Rettungskräfte bringen den jungen Eritreer ins Krankenhaus. Er wird operiert. Mittlerweile soll er außer Lebensgefahr sein.

Schuss auf Eritreer: Täter tot in Auto gefunden

Drei Stunden nach der Tat nimmt der Fall eine Wendung. Die Polizei entdeckt den silbernen Toyota im nahe gelegenen Biebergemünd. Im Auto der 55 Jahre alte Deutsche, tot. Laut Ermittler hat er sich mit einer Waffe in den Kopf geschossen.

Versuche, den Mann wiederzubeleben, scheitern. Er stirbt noch vor Ort. Die Ermittler können ihn schnell identifizieren. Auch die beiden halb automatischen Waffen ordnen sie zu – zu dem Schuss auf den jungen Eritreer und dem Suizid per Kopfschuss.

Schütze war der Polizei nicht bekannt

In den Stunden nach der Tat durchsuchen Polizisten die Wohnung des 55-Jährigen. Sie liegt in Biebergemünd. Manfred Weber, der Bürgermeister, bestätigte im Gespräch mit unserer Redaktion, dass der mutmaßliche Schütze seit Juni 2017 in dem Ort lebt. Er sei geschieden gewesen und habe allein gelebt. „Ich kannte den Mann nicht, er ist in Biebergemünd nicht aufgefallen, etwa in den Vereinen vor Ort.“ Der Polizei war der Mann nicht bekannt.

Doch bei der Durchsuchung der Wohnung finden die Ermittler Hinweise, die auf ein rassistisches Motiv des Täters schließen lassen. Nach Informationen unserer Redaktion ging der Mann in einem „Abschiedsbrief“ auch auf sein politisches Motiv ein. Zudem sollen in der Wohnung Gegenstände gefunden worden sein, die auf die Zeit des Nationalsozialismus verweisen. Laut WDR etwa eine Gürtelschnalle mit Hakenkreuz.

Keine Hinweise auf Mitgliedschaft in rechtsextremer Partei

Es gibt offenbar mehrere Hinweise, in denen die Strafverfolger das politische Motiv der Tat sehen. Zugleich sagt der Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, dass es – Stand Dienstagnachmittag – keine Hinweise darauf gibt, dass der mutmaßliche Schütze Mitglied in einer rechtsextremen Partei oder in einem Neonazi-Netzwerk war.

Auch drei weitere Waffen entdecken die Polizisten in einem Waffenschrank in der Wohnung des 55-Jährigen. Eine weitere hat der Deutsche vor noch nicht allzu langer Zeit verkauft. Insgesamt stellen die Ermittler sechs Waffen sicher, Handfeuerwaffen und zwei Gewehre, dazu 1000 Schuss Munition.

Die Waffen seien „ordnungsgemäß“ gemeldet gewesen, sagt die Staatsanwaltschaft. Offenbar war der Mann in einem Schützenverein in Wächtersbach gemeldet. Wie aktiv der Mann in dem Verein war, ist unklar.

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Schütze prahlte in Gaststätte mit rassistischer Tat

Gesicherte Erkenntnisse über das Leben des mutmaßlichen Täters gibt es derzeit nicht. Aufgrund des Persönlichkeitsschutzes, der auch nach dem Tod eines Menschen gilt, gibt die Staatsanwaltschaft nur wenige Informationen an die Öffentlichkeit. Der Name des Mannes ist unserer Redaktion bekannt.

Die „Hessenschau“ berichtet, der mutmaßliche Täter habe vor und nach den Schüssen in seiner Stammkneipe in Biebergemünd mit der rassistischen Tat geprahlt. Der Wirt will demnach allerdings nur bestätigen, dass der Mann um elf Uhr und dann wieder um 14.30 Uhr in der Gaststätte gewesen sei und „ganz normal seine zwei, drei Bier getrunken“ habe.

Zugleich ist er dem Bericht zufolge sowohl dem Wirt in der Kneipe als auch Menschen in der Nachbarschaft mit fremdenfeindlichen Sprüchen aufgefallen.

Mahnwache gegen Rassismus in Wächtersbach

Das Opfer soll nach Recherchen unserer Redaktion schon 2012 nach Deutschland gekommen sein. Der Mann wohnt Medienberichten zufolge mit seiner Familie in Wächtersbach, gilt als gut integriert. Menschen aus Eritrea haben eine hohe Chance auf Flüchtlingsschutz in Deutschland, die Vereinten Nationen berichten über Folter, willkürliche Verhaftungen und Morde durch das autoritäre Regime in dem afrikanischen Land.

Am Dienstagabend trafen sich Menschen zu einer Mahnwache in Wächtersbach. Einen Tag nach der Tat – und genau acht Jahre nach dem rechtsterroristischen Anschlag auf der norwegischen Insel Utoya. Am 22. Juli 2011 tötete Anders Breivik 77 Menschen. Ob es einen möglichen Zusammenhang mit dem Jahrestag gebe, sei unklar, so die Staatsanwaltschaft am Dienstag. Eine Attacke auf Eritreer hatte es bereits 2018 in Thüringen gegeben – mit vier Verdächtigen aus der rechten Szene.